Das Tier in dir

von Petra Hallmayer

München, 8. Oktober 2010. Die Bühne ist mit bunten Teppichen bedeckt. In von Unterschichtsuniformen inspirierten Kostümen sitzen sechs Menschen mit ihren Hunden auf Sofas, dem Lieblingsrequisit für die Imitation von gutbürgerlicher Behaglichkeit in Sozialwohnungskasernen – und überall dort, wo die Einsamkeit daheim ist.

Aus Interviews haben die Kammerspiel-Schauspieler für Alvis Hermanis' Inszenierung "Ruf der Wildnis" Monologe gebastelt: Geschichten von emotionalen Bankrotteuren und nach Zuwendung Hungernden, deren einziges Liebesobjekt ihr Hund ist. Da ist die ihre Karlotta hätschelnde Elvira (Annette Paulmann), deren Sohn auf dem Schulweg ein Lkw überrollte, die nie Glück mit Bekanntschaftsannoncen hatte und sich zu Gott flüchtete. Da ist Harald (Walter Hess), dessen Frau mit einem Dentisten durchbrannte und der in einer Bauruine einen Welpen fand, mit dem er "ein neues Leben zu zweit" anfing. Da ist die 70-jährige Francine (Kristof Van Boven) mit ihrem Mops, die Toiletten putzt und mit Eddy nach Thailand gefahren ist, ehe er an Krebs starb. Da sind die schöne traurige Vanessa (Katharina Marie Schubert) und ihr Schoßpudel Prinz Poldi, deren Vater, bevor er für immer fortging, ihr aus Jack Londons Roman vorgelesen hat. Auswendig beginnt sie dessen Anfangspassage zu rezitieren, während sich der belgische Schauspieler Benny Claessens hechelnd auf alle Viere begibt.

Couch-Desperados in Sperrmülllandschaft

Mehr als kleine Ausschnitte aus "Ruf der Wildnis" finden sich in Hermanis' Inszenierung nicht. Er erspart uns Londons Hohelied auf die natürliche Bestialität, seine Feier eines ungezähmten Vitalismus – und sich die Auseinandersetzung damit. Der lettische Starregisseur beschränkt sich auf zerschnipselte Zitate und ein paar dem Roman entlehnte Motive. So wie der Mischling Buck sich auf seine Wolfsnatur besinnt, entdecken die Couch-Desperados zwischenzeitlich das Tier in sich. Sie knurren und heulen, schlagen ihre Zähne in die Kissen und zerfetzen die Polster. Doch ähnlich zerrissen wie das Mobiliar irgendwann aussieht, das sich in eine zerklüftete Sperrmüllhaldenlandschaft verwandelt, wirkt leider die ganze Aufführung.

Dem Vergleich mit den großen Theaterarbeiten von Hermanis hält "Ruf der Wildnis" nicht stand. Das liegt zum einen daran, dass die Inszenierung sich nicht ernsthaft genug auf ihre Figuren einlässt, sondern sie immer wieder leichtfertig dem Gelächter preisgibt. Allein dass der gemeine Mensch in seinem Unglück lächerlich ist, führt uns die Authentizitätsillusionsmaschine Fernsehen täglich vor. Zum anderen gelingt es Hermanis nicht, die Dokutheater-haften Lebensberichte intelligent und überzeugend mit den Eruptionen der Animalität des Menschen auf der Bühne zu verknüpfen. Wenn etwa Francine ihre Mordgelüste gegenüber der thailändischen Gespielin ihres Eddys gesteht und flugs zu einer keuchenden Bestie mutiert, dann ist das befremdend plump. Und Tanzende, die sich gierig beschnüffeln und in eine Rammelorgie verstricken, taugen bestenfalls zur Illustration evolutionsbiologischer Banaltheorien in TV-Features.

Brutal an die Leine genommen

Dabei glücken Hermanis und seinem Ensemble dichte, mutige und berührende Momente. Die tapfere Beharrlichkeit, mit der Elvira über ihr Elend hinweglächelt, die kühle Skrupellosigkeit, mit der Thomas Schmauser als Dragan schildert, wie er seinen Ali auf Demonstranten hetzte, sind beklemmend. In einer der schaurigsten Szenen zwingt Schmauser den schwergewichtigen Claessens brutal ins Geschirr; jaulend und stöhnend robbt dieser seinen massigen Körper über die Sofalehne, derweil ihm die Hose über den nackten Hintern herabrutscht. Das ist gruselig, obszön und schwer erträglich – und für einen Augenblick glaubt man, nun würde er Abend eine radikale Wendung nehmen. Stattdessen aber verzettelt er sich unentschlossen mäandernd zwischen angerissenen Geschichten und Themen, trivialer Komik und sofaumstürzendem Aktionismus.

Was Hermanis eigentlich erzählen wollte, lässt sich im Programmheft nachlesen. Doch das Unbehagen in der modernen Kultur, von dem er dort spricht, blitzte bloß am Rande kurz auf. Die Sehnsucht nach dem Ausbruch aus den Gefängnismauern der Zivilisation, The Great Escape, klang nur in Patrick Watsons wiederholt eingespieltem Song an. So verließ man die zweite Premiere unter dem neuen Intendanten Johan Simons schließlich ziemlich ratlos. Sie endete mit starkem Applaus, der von kräftigen Buhs durchsetzt war.

Die sechs Hunde auf der Bühne nahmen das alles gelassen, verhielten sich brav und zivilisiert. Aber die waren ohnehin nur putzige Dekoration.

 

Ruf der Wildnis
nach dem Roman von Jack London
Regie: Alvis Hermanis, Bühne: Rudolf Bekic, Kostüme: Monika Pormale, Dramaturgie: Julia Lochte, Jeroen Versteele.
Mit: Benny Claessens, Walter Hess, Annette Paulmann, Katharina Marie Schubert, Kristof Van Boven, Thomas Schmauser und sechs Hunden.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Mehr zu Alvis Hermanis finden Sie im nachtkritik-Lexikon. Und hier geht's zu Johan Simons Kammerspiel-Eröffnungsinszenierung Hotel Savoy.

 

Kritikenrundschau

"Ruf der Wildnis" wirke in der Regie von Alvis Hermanis, als habe dieser "den Roman einfach vergessen", schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (11.10.2010). Trotzdem sei "sein Thema - die Verbindung von Wildnis und Zivilisation, die fließende Grenze zwischen Mensch und Tier - an diesem Abend sehr präsent, unheimlich präsent." Hermanis sei "eine außerordentliche Aufführung gelungen." Alle sechs Schauspieler seien "als Hund und Mensch überragend, aber Kristof von Boyen als ältere Witwerin mit Mops ist unglaublich. Er ist wirklich ein Hund, wenn er mit dem Bein scharrt, er ist beängstigend herrisch, wenn sie von ihrem toten Mann erzählt. Was für ein Schauspieler, was für eine Rolle! Eine richtig böse Frau, maskenhaft im Gesicht, nackt in ihrer Kompromisslosigkeit, objektiv und brutal in ihrer Viehischkeit, so gefühllos wie nur ein Mensch sein kann. Das ist hart und krass." Hermanis suche "den Hund im Menschen, den Wolf im Hund und den Mensch im Wolf. Es gelingt. Tier und Mensch verschmelzen. Das ist keine Spielerei, mal ein bisschen auf Hund machen, ein bisschen knurren, das ist wahre Verwandlung."


Die sechs Hunde aus Hermanis' Inszenierung "bieten einen repräsentativen Querschnitt durch Münchens Köterpopulation", weiß Ulrich Weinzierl in der Welt (11.10.2010). "Leider fehlt der Dackel, einst stolzes bayerisches Wappentier. Er fehlt im Theaterbezirk und auch im Stadtbild. Die Münchner sind eben buchstäblich auf den Mops gekommen." Allesamt immerhin bewährten sich "die Hunde als mustergültige Hundeakteure, nie sind sie aus der Ruhe zu bringen." Aus "vermeintlicher Harmlosigkeit" aber springe uns bei Hermanis "das Unheimliche, die Vergeblichkeit unseres Wesens und Trachtens an. Hermanis' genialisch einfacher Trick: Die Hundehalter werden allmählich zu Hunden – hechelnd und schnüffelnd, gewaltbereit und gewalttätig. Im bestialischen Spiegelkabinett des Alvis Hermanis herrscht wundersame, sterbenstraurige Verzweiflungskomik. Mühelos übertönt der Jubel die Buhs."

"Besonders süß sind der Pudel Prinz Poldi und der Mops", befindet Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (11.10.2010). Doch es bleibe natürlich nicht heiter-harmlos, "denn eines ist klar: Die Tiere sind wir! Nach und nach lernen wir alle Hundebesitzer einzeln kennen, ihre Angst, ihre Liebesbedürftigkeit, ihre tiefe Einsamkeit." Bei Hermanis seien es "die Menschen, die den Wolf in sich herauslassen. In grotesken Szenen rotten sie sich zusammen, bellen, fletschen, knurren sie sich an und zerfetzen die Sofas, dass die Schaumstoff-Flocken fliegen. Das ist tierisch stark gespielt, dreckig und hundsgemein, aber hinterm Sofa lockt dieser Wildnis-Ruf niemanden vor. Dafür ist die Botschaft dann doch zu banal."

"Wer glaubt, er bekomme hier nur traurige Schicksale präsentiert, weiß sich schnell eines besseren belehrt", sagt Sven Ricklefs auf Deutschlandfunk (9.10.2010) über Alvis Hermanis' "Ruf der Wildnis"-Aufführung. "Immer öfter kriecht aus diesen fast armseligen Figuren jene Kraft hervor, die nicht zu bändigen ist, die sich ausdrückt in Gewalt oder Sexualität." Es sei "ein krudes Projekt (...) Rauh, beklemmend, irrsinnig komisch, glänzend gespielt und in einer verstörenden Weise zutiefst menschlich. Ein mutiges Wagnis und ein gelungenes, das das Münchner Publikum in einem ebenso mutigen Kampf aus Buhs und Bravos lautstark begrüßte."

Die Schauspieler stürzten sich "bewundernswert mutig in die eher peinlichen Eins-zu-Eins-Illustrationen: Sie hecheln, kriechen, beschnuppern sich und enden im Rudel-Bums", schreibt Gabriella Lorenz in der Münchner Abendzeitung (11.10.2010). Es gebe "starke, berührende und auch komische Momente in Hermanis' Inszenierung. Aber was sie über Freiheitssehnsucht erzählt, reduziert sich auf die platte Frage nach dem Tier im Menschen, die nur wenig Bezug hat zu den zum Lachen freigegebenen Figuren. Da hätten die Dramaturgen (Julia Lochte, Jeroen Versteele) den nicht Deutsch sprechenden Hermanis besser beraten können."

"Hermanis tischt einen saftigen, schwer verdaulichen Brocken auf", meint Barbara Villiger Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (12.10.2010) und fragt: "Gehört es ins Theater?" Nach und nach perforierten alle Figuren die Trennwand zwischen Anstand und Trieb; "die realen Hunde, sofern noch auf der Bühne, folgen den ausartenden Aktionen gleichmütig schwanzwedelnd. Über der zusehends wüsteren Szenerie schwebt die betörend sanfte Stimme des kanadischen Songwriters Patrick Watson." Villinger Heilig findet das Ganze inspirierend und notiert: "Das Buh- und Bravo-Geheul des Premierenpublikums machte Jack Londons Wolfsrudel, dem sich Buck zuletzt anschliesst, alle Ehre."

Entgeistert zeigt sich Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.10.2010): Über die Heldentaten des Schlittenhundes Buck hätte sie "lieber nichts als das peinliche bisschen erfahren, das sporadisch vorgelesen wurde". Auch die Schauspieler konnten sie nicht überzuegen: "Der Einzige, der den Erwartungen an einen Hermanis-Abend standhielt, war Neuzugang Kristof Van Boven, der sich, zur hausmütterlichen Pensionärin ausgestopft, in ein paar zynische Abgründe stürzte."

 

 

 

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