Sei etwas Drittes!

von Ralf-Carl Langhals

Frankfurt am Main, 9. Oktober 2010. "Wer ist eigentlich wir?" hören Egozentriker häufig in Beziehungsdiskussionen, wenn dem per Pronomen Vereinnahmten wieder mal auffällt, dass dieses "Wir" eigentlich das Ich des Anderen meint. Dass René Pollesch privat ähnliche Erfahrungen machte, soll hier nicht behauptet werden. Die Anregung, dass Arbeiter wieder Kittel tragen und keine Beziehungsgespräche mehr führen sollten, verleiht einer solchen maliziösen Vermutung dennoch einen gewissen Reiz. Den okkulten Charme der Unterstellung bei der Erzeugung von neoliberalem Schlauberger-Theater versprüht Pollesch jedenfalls auf allen Metaebenen.

Die Frage nach dem kollektiven Subjekt hat ihn also vehement beschäftigt und zu einem Abend geführt, der den hinreißenden Titel trägt: "Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen". Keine Frage, ein affirmativer Titel, der einer persönlichen Einschätzung des Autors und Regisseurs entspricht, auch wenn wir nicht erfahren werden, warum dem so sein sollte.

Ich brauche Dialoge, ich brauche Dramatik!

Die Einheit in der Vielheit ist ein weites Feld, bei der sich Pollesch auf Jean-Luc Nancy, Dietmar Dath und eigene Philosophie bezieht. Ein schöner Spaß ist es, sich dem Chor als Theater-Wir zu widmen, der seiner Rolle gelassen widerspricht: "Dieser Chor ist aber gerade nicht die Allgemeinheit. Das Radikale ist das singuläre Streben und nicht das allgemeine Streben." Die herausgeforderte und doch undarstellbare Gemeinschaft von sechs Schauspielern rät jovial dozierend, sich nicht "im Universalismus einzukitschen".

Wenn ein Ensemble zur Verfügung steht, das Text und Aufgabe gewachsen ist, besteht hierzu keine Sorge. Constanze Becker, Traute Hoess, Valery Tscheplanowa, Michael Goldberg, Nils Kahnwald und Oliver Kraushaar sprechspielen famos, treten aus dem Chor, um der fünfköpfigen Kollektivperson jeweils einen neuen Dialogpartner zu geben. Das Kalkül des Dichters geht auf, auch wenn wir dem paradoxen Satz "Ich brauche Dialoge, ich brauche Dramatik" getrost keinerlei Glauben schenken brauchen.

Dass dies nicht manierierter wirkt als beabsichtigt oder gar zu "Fünf gegen Willi" wird, ist zwei Verfahren zu verdanken: Zum einen behalten die Darsteller jeweils ihren individuellen Ton, zum anderen zäumt Pollesch das Ganze auf eine Kriminalkomödie mit Inspektor Clouseau auf. Das diese abstruse Geschichte irgendwann flöten geht, stört keinen, und lässt sich unter der pollesch-immanenten Rubrik Film-und TV-Zitate verbuchen.

Ich will Widersprüche!

Stattdessen gibt es Wohlfühlmusik, die jedem gefällt, und hübsche Videoeinspielungen von Kathrin Krottenthaler. Sozialistische Schauspieler spielen sich mit Thesen über die frühen 80er-Jahre-Chic verströmende Bühne von Janina Audick gen Westen, wälzen sich in großen Betten, und werden nach Ablegen der Militär-, LPG- und Pionieruniformen irgendwann – ganz ohne Argumentationslinie – zum Denver-Clan in Abendgala. Ein rauchender Husky, eine bühnentechnische Balletteinlage und Light-Show: An Kunst und Künstlichkeit kann der entfremdete Mensch hier ästhetisch einwandfrei verzweifeln und doch seine Freude haben.

"Durch Normalität ist der Blick verstellt", weiß Pollesch. Wer aber im Theater den normalen Durchblick haben will, diesen alten Vorwurf kann man ihm auch in Frankfurt nicht ersparen, ist fehl am Platze. Immer ist hier vom "Einlassen" auf seine Verfahren die Rede, was bei Pollesch bedeutet, auch durchaus mal die Hälfte vorbeirauschen zu lassen, um an der richtigen Stelle zu lachen.

Und wer Gegenteiliges behauptet, lügt: "Die Pluralität des Seienden steht am Grund des Seins, ein 'einziges Seiendes' ist den Begriffen nach ein Widerspruch." Wer sich darauf "einlässt" kann zumindest wohlwollend zur Kenntnis nehmen, dass Pollesch Unverständlichkeit, Sinn und Unsinn in seinen Textschlaufen und Schnellsprechfesten als Teil des Vergnügens ironisiert. Den Vorwurf der Theorielastigkeit und des Elitären bestreitet er konsequent – und lässt am Glauben der Theoriefähigkeit des Alltags auch diesmal wieder keinen Zweifel.

Hurra, ich bin eine Vielheit!

Verquickt wird der nicht nur wegen 60 Minuten Spieldauer kurzweilige Reigen mit der unlängst in Stuttgart beackerten Kommunikationsproblematik sowie lästigen Geschlechterzuschreibungen. Armselig, dass uns zur Freiheit nur noch die Verpflichtung zur Sexualität taugt, auch dass einzig Interpassivität als heilsame Maßnahme gegen unmöglich gewordene Kommunikation steht.

Um die Aufdeckung mangelnder moralischer Integrität oder psychologischer Defizite geht es Pollesch dabei nicht, vertritt er doch die Ansicht, dass deren Offenlegung zwar wenig bringt, aber immerhin vergnüglich sein kann. Und so geht es dann doch wieder um vieles und auch nichts.

Mit vielen Worten wird wieder kommuniziert, wenn auch nur, dass eben alles nichts ist: Kapitalismus, Sozialismus, Kommunismus, Gemeinschaft, Individualität, Liebe. Fast möchte man verzweifeln, doch eine Funken Hoffnung lässt uns René Pollesch: "Du bist eine Vielheit, du bist Variation und nicht nur Auslese! Du bist etwas Drittes. Etwas, das über den Interaktionen realer menschlicher Individuen steht."

Wir dürfen sicher und gespannt sein: Fortsetzung folgt.


Sozialistische Schauspieler sind schwerer von der Idee eines Regisseurs zu überzeugen, UA
von René Pollesch
Text und Regie: René Pollesch, Bühne: Janina Audick, Kostüme: Tabea Braun, Chorleitung: Christine Groß, Video: Kathrin Krottenthaler, Dramaturgie: Sibylle Baschung.
Mit: Constanze Becker, Traute Hoess, Valery Tscheplanowa, Michael Goldberg, Nils Kahnwald, Oliver Kraushaar.

www.schauspielfrankfurt.de


Alles zu René Pollesch auf nachtkritk.de: im Lexikon.


Kritikenrundschau

"Fleischwolftheater" in der Nähe zur Boulevardkomödie hat Hubert Spiegel von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (11.10.2010) bei Pollesch erlebt. Ein Theater, in dem sich "die Theorieversatzstücke und die Selbstzitate die Tapetentürenklinke in die Hand geben." Dabei habe sich Pollesch vor allem eine Herausforderung gestellt: "Wie dekonstruiert man Subjektivität auf einer Bühne, ohne das Publikum spüren zu lassen, was für eine abgewetzte alte Theoriemütze man sich da mal wieder aufgesetzt hat, als wäre es eine nagelneue Theaterkappe?" Nebst einem schrägen Titel, der "Andeutung eines Handlungsgerüsts" und einer Menge "Textgeröll" brauche es zur Lösung dieser Aufgabe: "großes Gerede und kleines Gerenne, ein ständiges aus dem Bett Gespringe und in den Schrank Geflüchte, lässiges Zigarettenrauchen und Marthalerartige Körperknäuelbildung auf dem Doppelbett". Im Assoziationsraum zwischen Karl Marx und Pink Panther warte Pollesch mit Identitätsreflexionen auf – mit "kleinen, recht banalen Erkenntnisstöckchen, die der Zuschauer aus dem Unterholz der Textflächen apportieren soll". Fazit: "Am Ende bleibt von der chorisch aufgeladenen Theorieboulevardkriminalkomödie nicht mehr als die Erinnerung an einige gelungene Zitate."

Schon vom gedanklichen Hinterhereilen- und hinken brumme einem der Schädel, stellt Tobias Nolte in der taz (12.10.2010) fest: "Die Schauspieler sind Schauspieler spielende Schauspieler. Sie sind eine Person und deren Gedanken, sie sind eine Gruppe und deren einstimmiger Sprachapparat, sie sind zugleich Individuum und Kollektiv, Subjekt und Objekt." Verwirrend, dieser Theoriewust, und "am Ende sind wieder alle Fragen offen".


 
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