Das heisere Lachen der Verzweiflung

von Kai Krösche

Wien, 9. Oktober 2010. Er sieht ihn nicht, den weißen, gesichtslosen Mann mit der Pistole. Er sieht nicht, wie sich die starre, bedrohliche Figur langsam dreht, ihm mit dem ausgestreckten Waffenarm folgt, während er gedankenversunken die Straße entlangschleicht, den Blick auf die weiße Mauer hinter ihm gerichtet, als berge sie ungeahnte Geheimnisse hinter der undurchdringlichen Fassade.

Erst als er nahe Schüsse hört, als Hundegebell ertönt, bricht diese andere Wirklichkeit ein, greift ihn die Panik, rennt er los wie ein gehetztes Tier, direkt vor den Lauf der Pistole. Ein paar gestammelte Worte entfahren ihm, doch er kommt nicht dazu, seinen Satz zu vollenden: Ein Schuss fällt – und Bruno Schulz sinkt tot zu Boden.

Existenzielle Notwendigkeit
Nicht einmal. Nicht zweimal. Bruno Schulz ist gezwungen, seinen Tod immer und immer wieder aufs Neue zu erleben. Bis er endlich, unter Aufbietung all seiner Kräfte, den einen, vermeintlich erlösenden Satz hervorbringt: "Ich werde den Messias schreiben". Plötzlich herrscht Stille, in Unterhemd und Anzughose schlendert der "Herrgott" persönlich vorbei – und gibt dem Schriftsteller Aufschub: Ein Jahr hat er Zeit, um sein Buch zu vollenden, um der Welt den "Messias" zu bringen. Ein Jahr, auf das Bruno Schulz, geboren 1892 im damals österreichisch-ungarischen, heute ukrainischen Drohobycz als Kind jüdischer Eltern, im wirklichen Leben vergeblich wartete.

In der polnischsprachigen Heimat nur mäßig anerkannt, im Ausland weitgehend ignoriert, war der Schriftsteller und Maler immer wieder gezwungen, trotz Krankheiten, trotz vergeblich beantragter Beurlaubungen und der geradezu existentiellen Notwendigkeit, künstlerisch zu arbeiten, sein Geld mit der lähmenden Arbeit als Lehrer zu verdienen, im zweiten Weltkrieg zuerst den stalinistischen, dann den nationalsozialistischen Machthabern als Maler zu dienen, nur um schließlich 1942, kurz vor der geplanten Flucht, im Drohobyczer Ghetto vom deutschen Gestapo-Mann Karl Günther auf offener Straße erschossen zu werden.

Auf der Suche nach dem Verborgenen
Nur die wenigen, zu Lebzeiten erschienenen Schriften, ein Teil seiner Briefkorrespondenzen mit Freunden und Bekannten und einige Graphiken und Gemälde blieben erhalten, der Großteil des künstlerischen Werks Schulz' ging im Krieg verloren – darunter auch der bis dato trotz intensiver Suche gänzlich verschollene Roman "Der Messias".

Diese Suche nach dem "Messias", die gleichzeitig eine Suche nach dem Verborgenen, dem der Vergessenheit anheim Gefallenen und (ja, natürlich auch das:) nach einer Wahrheit inmitten von Vermutungen ist, hat die 1964 geborene polnische Autorin Małgorzata Sikorska-Miszczuk in ihrem Stück "Bruno Schulz: Der Messias" zum Thema gemacht: Eine junge Regisseurin bittet eine ebenso junge Autorin zu sich, damit diese eine Bühnenadaption des verschollenen Romans erarbeitet. Woraufhin besagte Autorin Kraft ihrer Phantasie und anhand einiger weniger, verstreuter Informationen eine wahnwitzige Schatzsuche von obsessiv suchenden polnischen Staatssekretärinnen und KGB-Agenten, von Altnazis und ukrainischen Bibliothekaren erspinnt, bei der die verschiedenen Erzählebenen von Fiktion und "Realität" zunehmend stärker verschwimmen.

Dieses Verschwimmen hat der 1976 geborene polnische Regisseur Michał Zadara (*1976) nun zur Uraufführung gebracht: Auf einer kargen Bühne (Magdalena Musial), die nach hinten von einer weißen Mauer und rechts und links von zwei mit Papierblättern befüllten Regalen begrenzt wird, die zunehmend den Boden bedecken.

Mythisierung der Wirklichkeit
Die präzise choreographierte Inszenierung setzt auf ein hohes Tempo und zieht nur in seltenen Augenblicken, dann aber umso wirksamer die Bremse an. Seine mit zunehmender Obsession nach dem vermeintlich ersehnten Ziel suchenden Figuren zeichnet Zadara mit einem oft schrillen, entsetzlich-komischen Humor, der sich mitunter selbst für grobe Albernheiten nicht zu schade ist, dabei aber mit derselben Konsequenz einen bitterbösen Witz bis zur Schmerz- und Geschmacksgrenze und darüber hinaus in den Publikumsraum feuert.

Es ist das heisere Lachen der Verzweiflung, das den Abend dominiert. Denn wie sie es auch drehen und wenden, diese Suchenden, sie scheitern, nicht zuletzt weil sie scheitern wollen, weil ihr Verlangen nach dem "Messias" im Grunde nur Verlangen nach ihren eigenen Projektionen und Sehnsüchten bleibt. Und so werden schließlich Bruno Schulz und sein unveröffentlichtes Buch schleichend ein weiteres Mal dem Erdboden gleichgemacht. Denn die unerfüllbaren und immer auch von eigennütziger Beliebigkeit geprägten Erwartungen der Figuren steigern sich zunehmend ins Abwegigere.

Die "Regisseurin" fabuliert in einem wohlwollenden, aber dem Schriftsteller Schulz nicht gerecht werdenden Traktat über den "Messias" als einer nicht enden wollenden Performance, als einer auf die tatsächliche Welt übertragenen, von Schulz in seinem literarischen Werk angestrebten "Mythisierung der Wirklichkeit". "Schulz" selbst kann darüber zunächst nur irritiert lachen. Doch so vehement er auch stumm und ungehört protestiert, so verzweifelt er sein nun doch, kurz vor Ablauf der gottgegebenen Jahresfrist vollendetes Werk den Figuren und schließlich sogar dem Publikum flehend entgegenstreckt – er kann sich nicht gegen die Aneignung wehren.

Und kein Messias kommt
"Bruno Schulz: Der Messias" ist ein Stück über das Scheitern, und es macht keinen Hehl daraus, daß es selbst in dem irrwitzigen, impliziten Anspruch, den sein Titel stellt selbst grandios scheitert: Uns nämlich keinen Geringeren als den Schulz'schen Messias zu bringen. Das passiert aber so bewußt und spannend geschrieben, so intelligent inszeniert und vom Ensemble mit ungebändigter, selten gesehener Intensität gespielt, daß in diesem Scheitern, mit seiner Gleich- und Nebeneinanderstellung von Witz und Tragik, überzeichneter Phantasie und todernster Realität unendlich viel mehr verborgen liegt als in der besserwisserischen Behauptung einer vermeintlichen "Erkenntnis".

Damit erinnert der Abend nicht nur an die große Kraft eines Theaters, das Fragen als die besseren Antworten begreift, sondern setzt sogleich ebenfalls, ganz ohne diesen nachzuahmen, ein wütendes, vor allem aber treffendes Denkmal für eben jenen "Mythisierer der Wirklichkeit", den ermordeten und um die Vollendung seines Werks betrogenen Künstler Bruno Schulz.

 

Bruno Schulz: Der Messias
von Małgorzata Sikorska-Miszczuk
aus dem Polnischen von Olaf Kühl
Regie: Michał Zadara, Bühne/Kostüme: Magdalena Musial, Sounddesign: Barbara Wysocka, Licht: Kathrin Kölsch, Dramaturgie: Brigitte Auer.
Mit: Vincent Glander, Veronika Glatzner, Steffen Höld, Katja Jung, Bettina Kerl, Nicola Kirsch, Max Mayer.

http://www.schauspielhaus.at

 

Die Dramatikerin Małgorzata Sikorska-Miszczuk, 1964 geboren, eröffnete 2008 mit ihrem Ulrike-Meinhof-Stück Tod des Eichhörnchenmenschen die Wiesbadener Theaterbiennale.

Mehr zu Michał Zadara in den Theaterbriefen aus Polen.


Kritikenrundschau

Eine "beeindruckende Schnitzeljagd" stelle Malgorzata Sikorska-Miszczuks Drama über den verschollenen Roman "Der Messias" von Bruno Schulz dar, schreibt Norbert Mayer in der Presse (11.10.2010). Und in "der Inszenierung von Michal Zadara ist nun im Wiener Schauspielhaus am Samstag eine beklemmende, zu Herzen gehende Uraufführung gelungen", die "bei aller Schwere des Stoffes eine Fülle komischer Elemente" bereithalte.

 

 
Kommentar schreiben