Wallfahrt zur Vulva

von Irene Grüter

Berlin, 27. September 2007. Eine Blinde im weißen Hochzeitskleid wird hereingeführt, tastet mit dem Stock über den schmalen Laufsteg, der quer ins Parkett des alten Hebbeltheaters ragt. Von drei Seiten schaut das Publikum zu, wie sie langsam zur Hammondorgel neben der Bühne findet. Die blinde Organistin setzt sich, begrüßt das Publikum in gebrochenem Deutsch und hält lächelnd einen alten Lederband hoch: "Das ist das beste Buch der Welt", verkündet sie freundlich, lässt den Kopf auf die Tasten sinken, um dann die Geschichte von "Tirant lo Blanc" zu träumen.

Die literarische Welt war noch recht klein, als Miguel Cervantes dieses Urteil über Joanot Martorells Ritterroman fällte. Geschrieben wurde der Schinken – die deutsche Übersetzung von Fritz Vogelsang umfasst 700 Seiten – in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Er gilt als Eckpfeiler in der Geschichte des modernen Romans, nicht zuletzt, weil er eine wichtige Vorlage für Cervantes' "Don Quixote" bildete. Dessen Titelheld verschlingt bekanntlich Unmengen von Ritterromanen, bis er nicht mehr zwischen Wirklichkeit und Gedankenwelt unterscheiden kann.

Diese Thematik, die Überlagerung von Schein und Sein, hat der katalanische Regisseur auch bei Martorell gefunden. Der Plot in Kürze: Tirant, ein bretonischer Ritter, geht in Europa auf Aventiure, hilft dem oströmischen Kaiser im Kampf gegen die Türken, verliebt sich in die Prinzessin und durchleidet unsägliche Liebesqualen.

Paella und Hasenblut

Calixto Bieito, 1963 geboren und in Deutschland vor allem für seine Operninszenierungen bekannt, interessierte das Archaische dieser mittelalterlichen Welt. Bieito inszeniert den Roman als sinnliches Spektakel in Opernbildern: Joan Negrié stürmt als goldgelockter Ritter über die Bühne, fuchtelt furios mit dem Schwert und ist doch immer nur die Marionette seiner eigenen Triebe. Die verfolgen ihn unbarmherzig, in Gestalt schöner Furien, die ihm an die Wäsche wollen, ihn unter ihren Glockenröcken verschwinden lassen und Rosenblätter spucken, um ihn hinterher auch noch wütend mit Beeren zu bewerfen, die dann blutig auf dem Boden zerplatzen. Denn Liebe, das macht die Regie klar, ist ohne Wunden nicht zu haben. Hasenblut spritzt in die vorderen Zuschauerreihen. Später werden Rotwein und Paella gereicht, letztere wird dampfend auf der Bühne gekocht.

Man fühlt sich oft an das Bilderkino Federico Fellinis erinnert an diesem Abend. Schrille, überdrehte Gestalten bevölkern den Laufsteg: Ein Nummerngirl in Strapsen zieht vorbei, ein nackter Jüngling und eine Erzählerfigur im schwarzen Anzug. Kleriker führen bei einer irren Modenschau ihre prunkvollen Gewänder auf dem Catwalk vor. Üppige Weiber kämpfen gegen unersättliche Gelüste, verhindert von katholischen Sittlichkeitszwängen.

Inbrunst mit Rastalocken

"Ich bin von Liebe so gefangen, dass ich im Leben tot bin", singt die Kaiserstocher Karmesina inbrünstig, eine wilde Kindfrau mit Rastalocken, Tütü und einer wunderbar rauen Stimme. In solchen Momenten überwältigt die Inszenierung: Wie hier Wort und Musik (komponiert von Carles Santos) zusammengeführt werden; wie die Inszenierung manchmal innehält, um einen Satz in einer unheimlichen Arie zu steigern, das macht ganz neue Wahrnehmungsebenen auf.

Dennoch hat der Mittelteil des dreistündigen Abends einige Längen, weil die Bilder oft überdeutlich sind. Auf Videobildern werden pralle Tomaten zerfleischt, gehäutete Karnickel zerhackt, während es in der Küche derb zur Sache geht. Ein entfesseltes Spiel um die Lust, die nicht stattfinden darf (Bieito wurde von Jesuiten erzogen).

"Dies ist Tirant, der starb, weil er zu sehr liebte!" Diesen Satz will der Ritter auf seinem Grabstein stehen haben, wie er Karmesina wütend ankündigt. Bevor er sie endlich bekommt und die lange Wallfahrt an der Vulva endet, die als überlebensgroße Projektion im Hintergrund strahlt, muss er noch einige Schlachten schlagen. "Der Krieg geschieht im Menschen selbst", belehrt ihn ein Ungläubiger. Bieito rückt diesen Satz ins Zentrum, indem er das Kampfgeschehen in die Psyche seiner Hauptfigur verlagert und in barocke Bilder übersetzt.

Erotische Fantasiegestalten

Am Ende steht auf der Bühne von Alfons Flores ein Eisengerüst mit zwei Seitenflügeln, ein Altarbild, bevölkert von Tirants erotischen Fantasiegestalten. Ihre Stimmen steigern sich zu einem polyphonen Missklang, schwellen an und brechen plötzlich ab –  die blinde Organistin ist erwacht, der Traum zu Ende.

An dieser Inszenierung überzeugt die innere Geschlossenheit, mit der sie die surrealistische Tradition fortführt, als hätte es seither nichts anderes gegeben. Zugleich wirkt das opernhafte Pathos ein wenig fremd auf der sonst eher postdramatisch orientierten Bühne des HAU, und das Thema der Verkettung von katholischem Zwang und libidinösem Drang wie ein Gruß aus längst vergangener Zeit.

Gegen diese Fremdheit kommt man als nicht-katalanischer Zuschauer im protestantischen Berlin nicht an. Bleibt nichts, als sich der Wucht dieser Höllenfahrt durch die Innenwelt hinzugeben und das barocke Spektakel zu genießen.

 

Tirant lo Blanc
nach Joanot Martorells Ritterroman
Inszenierung: Calixto Bieito/Teatre Romea

Eine Koproduktion von Institut Ramon Llull, Teatre Romea (Barcelona), Hebbel am Ufer (Berlin), Ajuntament de Viladecans und dem schauspielfrankfurt im Rahmen der Frankfurter Buchmesse Frankfurt 2007 Katalanisch mit dt. Übertitelung

www.hebbel-am-ufer.de

 

Kritikenrundschau

Patrick Wildermann hat es gefallen. Im Berliner Tagesspiegel (29.9.2007) schreibt er, der Regisseur hätte sein Vorab-Versprechen, ein Fest zu geben, "eine Feier der Lüste, des Turniers und der Heldentaten aus der mittelalterlichen Ritterwelt Martorells", "vollends" eingelöst. Ein "vital pulsierendes Traumspiel und Orgienmysterientheater" sei zu sehen, "Bild für Bild opulent, elektrisierend, auch erotisierend". Die Durchmischung mit neuzeitlichen Requisiten und Zitaten zeige, dass die Werte von damals zwar entrückt seien, wir aber keine neuen hätten und die Sehnsucht die gleiche geblieben wäre.

Ganz anders, regelrecht erbost Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (29.9.2007). Sie findet, Calixto Bieito, "der katalanische Starregisseur, der gemeinhin nicht für seinen feinen Geschmack, sondern die derbe Sinnlichkeit seiner Bühnensprache engagiert wird", hätte sich mit dem Ritterroman "schlicht überhoben". Sein Theater sei "zu simpel", denn es suche und finde unter allem immerzu nur die Triebstruktur, "das ewig gleiche Stöhnen". Und es kommt noch ärger: "Bieito schlägt keine Brücken zwischen den Zeiten, denn er hat selbst keinen Begriff von irgendeiner Zeit. Er kennt nur Begehren, das alles gleich macht, gleich dumm."

Franziska Bossy auf Spiegel online (28.9.2007) hingegen findet: "Die krude Körperlichkeit der Ritter-Parodie ist gepaart mit einer deftigen Gesellschaftskritik à la Buñuel, die der wüsten Porno-Koch-Show zu einer abgründigen Tiefenschärfe verhilft." Bieito nutze Motive des Riterromans "als Steilvorlage für seine Satire, etwa um die spanische Tourismus-Branche anzuklagen. Deren werbende Absicht gegenüber deutschen Urlaubern setzt Bieito mit kultureller Prostitution gleich und inszeniert ein groteskes Zerrbild: Auf dem lasterhaften Fest der Triebe erklärt die Kunstfiguren-Mannschaft dem Publikum in deutscher Sprache das Rezept für spanische Paella und reicht Tellerchen mit dem Gericht und Rotweingläser in die Zuschauerreihen."

Cervantes, schreibt Dirk Pilz (NZZ, 4.10.2007), habe diesen Roman vom "Weißen Ritter" einst als "Schatz des Vergnügens" zu loben gewusst, Bieito entdecke in ihm "ein erotisierendes, schweißdampfendes Traumspiel, das von der umstürzenden Kraft der Leidenschaft erzählt. Die Ritterordnung ist uns fremd, die unordentliche Logik des Begehrens nicht." Der Zuschauer erlebe "eine Ritter-Oper mit viel Buñuel und katholischer Liturgie im Gepäck." Und rasch gebe er auf, "nach Sinnzusammenhängen zu fahnden" und überlasse sich "der auf Epiphanie und Entrückung angelegten Bildsprache". In einer "genauso katholizismuskritischen wie fröhlich orgiastischen Inszenierung, die lustvoll Unordnung zu stiften trachtet".

 

 
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