Sonst kommen wir euch besuchen ...

von Georg Kasch

München, 28. September 2007. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Niemand von jenem Personal, das Barbara Weber in ihrem Projekt "Tanger unplugged" im Neuen Haus der Münchner Kammerspiele versammelt. Da treten auf: Paul und Jane Bowles, amerikanische Schriftsteller, die Tanger sehen und bleiben.

In ihrem Gefolge William S. Borroughs, der mit Allen Ginsberg und Jack Kerouac um 1950 die Stadt unsicher macht. Die dekadente Woolworth-Erbin Barbara Hutton, die hier ihr sagenhaftes Vermögen durchbringt. Dazu die afrikanische Göttin Mami Wata, ein europäischer Pensionär und sein einheimischer Diener sowie Agenten, Heiratsschwindler, Flüchtlinge.

Houseboy sucht Schlepper

Migration ist das Spielzeitmotto der Kammerspiele mit dem Slogan "Da kann ja jeder kommen". Nach dem Ödipus-Exil Kolonos nun also der Fluchtpunkt Tanger. Diese Stadt an der Meerenge von Gibraltar, keine 20 Kilometer vom spanischen Festland entfernt, war schon immer Projektionsfläche für Zivilisationsmüde und Fliehende. Heute suchen europäische Pensionäre billige Houseboys und oft weit gewanderte Afrikaner einen Schlepper, der für sie ein Boot ins gelobte Europa organisiert.

Davon zu erzählen, ohne Klischees zu produzieren oder moralinsauer zu werden, ist beinahe unmöglich. Barbara Weber scheint sich dessen bewusst zu sein. Ihre unplugged-Methode – geringe Produktionskosten, wenige Requisiten, Textcollagen in Zusammenarbeit mit Co-Autor Mike Müller – hat sie schon auf ähnlich vermintem Terrain angewendet, in Abenden über Michael Jackson oder die RAF. Sie zitiert die vorhandenen Klischees, übertreibt, ironisiert.

Die Bühne: ein Kitsch-Sammelsurium mit mediterranem Balkon, begehbarem, diamantverziertem Totenschädel und bunt blinkendem Konsumaltar. Die Kostüme: für die Milliardärin ein pinkes Ballkleid, weiße Handschuhe für ihren Diener und für den Marokkaner ein knöchellanges Leinenhemd mit bunter Kette. Die Requisiten: Schreibmaschinen, die die Schriftsteller unter dem Arm tragen, und Geld, das sie den Einheimischen ins Maul stopfen.

Textstreaming, Rollenhopping

So sind auch sämtliche Figuren überdrehte Pappkameraden: Die gutmenschige Journalistin stakst langbeinig durch die Gegend und piepst ihre Botschaft, die niemanden interessiert, der Dichter im Drogenrausch tanzt zu psychedelischer Musik (Arvild Baud), der Neuankömmling bestellt sofort einen "Thé à la menthe" und die durchgeknallte Erbin bestiehlt sich selbst und lässt sich dafür von ihrem Diener zum Bach-Gounod'schen "Ave Maria" vermöbeln.

Überdreht sind auch die Texte, in denen sich postmoderne Theorien, Reportageschnipsel und Beat-Literatursätze zu einem raunenden Strom vereinen. Es ist schwer, den Überblick zu behalten, weil die Schauspieler nonchalant aus oder in Charaktere gleiten: Eben noch war Karin Pfammatter die schwerreiche Hutton, nun scheint sie plötzlich die Dichterin zu sein. Aber aus welcher Rolle spricht dann Tabea Bettin? Oder redet sie als sie selbst? Da schaltet man schon mal ab.

Masse macht Macht

Wiedereinstiegsangebote aber gibt es zuhauf, gerade weil die Stimmung regelmäßig kippt. Eben noch schreiben sich die Schauspieler Rollen zu und blödeln dabei herum, etwa wenn sich der Dichter lauthals verleugnen lässt ("Ich bin nicht da!") und seine Frau ungefragt verkündet: "Ich bin auch nicht da!" Dann aber gerät dieser postdramatische Rollendiskurs aus dem Ruder: Das Reihumgefrage nach einer Identität schießt sich auf Steven Scharf ein, dessen Stimme unsicher, brüchig klingt, der plötzlich am Pranger steht und wortwörtlich "zum Neger" gemacht wird. Mit einem Mal ist die Stimmung aggressiv, bedrohlich, da funktioniert der Mechanismus von Masse und Macht.

In einer anderen Szene spricht Scharf eine verzweifelt-berückende Liebeserklärung an einen jungen Mann, der sich als Stricher herausstellt. Doch noch ehe man begreift, wer Täter und wer Opfer ist, sind alle Protagonisten in gegenseitige Plagiatsvorwürfe verstrickt, führen sie Voodootänze auf oder persiflieren Casablanca.

Das Ende kommt unvermutet kraftvoll: Da wird die kleine, zarte Karin Pfammatter zur Stimme Afrikas. Ihrem ruhigen, dunklen Timbre mischt sich ein bedrohlicher Unterton bei, wenn sie spricht: "Wir wollen keine Geschenke, wir wollen Business. Sonst bauen wir große Schiffe und kommen euch besuchen, fahren Richtung Grönland, und auf der Höhe von Nordeuropa biegen wir rechts ab, landen in Deutschland, Holland, Belgien oder Frankreich und bleiben einfach. Das wird unser D-Day. Ihr hattet doch schon mal Schwarze Männer, die euch befreiten, und diesmal spielen wir unsere Variante durch."

So, und jetzt noch mal: Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

 

Tanger unplugged
von Barbara Weber, Mike Müller und dem EnsembleRegie: Barbara Weber, Bühne: Janina Audick, Kostüme: Daniela Selig, Musik: Arvild Baud. Mit: Tabea Bettin, Karin Pfammatter, Lasse Myhr, Steven Scharf, Sebastian Weber und Arvild Baud

www.münchner-kammerspiele.de


Kritikenrundschau 

In der Münchner Boulevardzeitung tz (1.10.2007) schreibt Alexander Altmann: Die Schweizer Regisseurin sehe ihre Arbeiten als, und er zitiert Weber selber, "schlampiges Dokumentartheater" das "postmoderne Mythen" seziere. Das klinge gut, herausgekommen sei aber "wieder nur eine überdrehte Trash-Revue mit Polit-Pädagogik im Stile des Frontal-Unterrichts". Die richtige "soziologische Analyse" ergebe leider noch kein "richtig gutes Theater", sondern nur eine "grell bebilderte Message".

Auch in der konkurrierenden AZ wird am 1.10.2007 gegähnt. Michael Stadler schreibt: "Der Diskursbrei, der hier angerührt wird, öffnet nur selten die Ohren und Denkräume". Webers Tanger könne "tödlich langweilig" sein.

Ganz anders Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (1.10.2007): Barbara Weber entwerfe "ein ebenso präzises und unterhaltsames Kaleidoskop eines Mythos' der Neuzeit, durch das immer wieder die Farben gegenwärtiger Flüchtlingsmisere" huschten. Tanger sei der "wundersame Versuch, Geschichte zu emotionalisieren und gleichzeitig in ein kluges, sehr eigenständiges ... Unterhaltungsformat zu übersetzen".

 
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