Im Fadenkreuz der wunden Sehnsucht

von Simone Kaempf

Berlin, 20. Oktober 2010. Mit einem Türknallen tritt die blutverfärbte Penthesilea der Anja Schneider noch einmal auf die Bühne, stellt sich zwischen die Oberpriesterin und den Griechenführer Odysseus, beide ergebnislos um die Schuld an den Gräueltaten streitend, und schleudert jenen zarten Schlussmonolog heraus, der den Irrtum so hart benennt: "So war es ein Versehen, Küsse, Bisse. Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt. Kann schon das Eine für das andere greifen."

Versehen und Schicksal, Lust und Rohheit verschmelzen in Felicitas Bruckers Inszenierung am Berliner Maxim Gorki Theater in der Tat zu einer diffusen Anziehungskraft. In ihrer "Penthesilea" steht eine Paarwerdung im Vordergrund, eines Paares freilich, das sich an der Kriegsfront finden muss. Anfangs werden Soldatenplaketten aus einem Plastikbeutel auf die Bühne geworfen. Man robbt in einem Video-projizierten Fadenkreuz über die Bühne, und Achill entdeckt Penthesilea zum ersten Mal an der Spitze ihres Amazonenheeres, das sich in den Krieg um Troja einmischt.

Liebesbad im Plastikbottich

Das Kriegsthema ist omnipräsent. Der Bühnenkasten in Sperrholzästhetik bleibt als Ort dennoch recht harmlos verspielt. Die hintere Wand fährt mal rampenartig hoch. Im symbolischen Kampf rutschen die Körper an ihr ab und bleiben leblos liegen. Wenn von Gewalt auch viel die Rede ist: Atmosphärisch befindet man sich auf einem ganz anders angesiedelten, viel harmloseren Terrain.

Penthesilea und Prothoe treten auf als beste Freundinnen, Typ Schulhof, die miteinander raufen und alle Geheimnisse teilen. Achill und sein kleines Gefolge repräsentieren eher eine Jungsgang, die durch Verrohung gekennzeichnet ist. Das Überzarte und exotisch Brutale hat Brucker nicht in einer Person vereint, sondern auf die Geschlechterwelten verteilt. Das antagonistische Prinzip wiederholt sich in Bilddetails, wenn Penthesilea und Achill in einem Plastikbottich als Liebesbad zusammenkommen und das Wasser in der nächsten Szene rot wie Blut gefärbt ist.

Karikatur des pädagogisch-autoritären Machtsystems

Was aber soll man davon halten, dass Prothoe mit komischen Verzweiflungsfusstritten bei den beiden anklopft? Oder dass die Oberpriesterin als ballettrattenhafte Aufseherin mit den Frauen Tanzschritte einübt? Eine der Szenen, die den Eindruck der Unstimmigkeit dieses Abends verstärkt. Was immer die Rechnung war: mehr als eine Karikatur des pädagogisch-autoritären Machtsystems ist nicht das Ergebnis.

Im Hauruck hat Regisseurin Brucker das Pathos des Stücks aufgebrochen. Das Ergebnis ist eine heruntergestrippte Liebesgeschichte, in der es am Ende zu einem blutigen Eklat kommt, so wie das Stück es vorsieht. Mit Anja Schneider und Michael Klammer als Penthesilea und Achill spielen zwei Protagonisten, die glanzvoll eine wunde Sehnsucht ausstrahlen. Zu Furien werden sie sich nicht entwickeln, warum sollten sie auch. Ahnungsvoll schauen sie immer wieder weit nach Vorne, als liege das Unheil dort sichtbar in der Ferne. Episch lehrbuchhaft wird in chorischen Szenen von ihrem Zusammentreffen auf dem Schlachtfeld erzählt. Dazwischen aber fehlt es einfach an einer Not, die sie treibt. Und an einem schlüssigen Zugriff, das Stück in seinen Wendungen, Täuschungen und Gefühlsgewittern glaubhaft zu machen.

 

Penthesilea
von Heinrich von Kleist
Regie: Felicitas Brucker, Bühne: Kathrin Frosch, Kostüme: Sara Schwartz, Musik: Jörg Follert, Video: Stefan Bischoff, Dramaturgie: Jan Kauenhowen, Carmen Wolfram.
Mit: Anja Schneider, Julischka Eichel, Ninja Stangenberg, Nele Rosetz, Michael Klammer, Wilhelm Eilers, Christian Kuchenbuch, Albrecht Abraham Schuch.

www.gorki.de


Mehr zu Felicitas Brucker finden Sie in unserem nachtkritik-Lexikon.


Kritikenrundschau

"Am Ende, nach zweieinviertel Stunden, ist man so schlau als wie zuvor und so ratlos wie der Ochs vorm Berg", schreibt Jürgen Otten in der Frankfurter Rundschau (22.10.2010). Felicitas Brucker interessiere sich in erster Linie für die Ordnungsmuster auf beiden Seiten und dafür, "wie es dem dieser Ordnung abtrünnigen Menschen, hier Penthesilea, dort Achilles, in einem so restriktiven System ergeht. Damit ist eine für das Stück elementare Komponente von Beginn an ausgeblendet: die Beziehung zwischen Gesellschaft und Wahnsinn." Aber kein Wahnsinn waltet, sondern nur soziale und in Ansätzen psychologische Chiffren gesetzt werden, "da sind auch die im Text virulenten Konflikte zwischen den einzelnen (Gedanken-) Welten abgeschliffen." Es fehle schlicht die Fallhöhe, die "Penthesilea" so abseitig, so reizvoll macht, so spektakulär. "Und letztlich auch: so existenziell." Felicitas Brucker scheue diese Dimension, "vielleicht auch, weil sie ihr nicht über den Weg traut". Sie übersehe aber, dass sie genau damit in die ganz gemeine Kleist-Falle tappe.

Dass sie mit ihrem Ausscheren aus den Mustern, die nur Sieg oder Niederlage kennen, chancenlos seien, sieht man das Bild der großen Schräge von Anfang an, so Katrin Bettina Müller in der taz Berlin Kultur (22.10.2010). "In diesem mächtigen symbolischen Apparat ist Kleists Sprache (...) nicht mehr selbst die verstörende Macht, das Instrument des Aufbegehrens, der Funke, an dem sich die Fantasie entzündet; sie ist nicht mehr der Keim, aus dem eine barbarische Mythologie wächst." Warum Kleist, ein preußischer Dichter und junger Offizier, vor mehr als zweihundert Jahren seine Zuflucht in der Antike nahm, beschäftige diese Inszenierung nicht. "Das ist erstaunlich an einem Theater, das auf das Fortleben der Geschichte in der Gegenwart sonst so großen Wert legt." Davon abzusehen, funktioniere aber auch als Befreiung. "Die Dramen Kleists können sich wie gewaltige Gebirgsmassive vor Leser und Zuschauer türmen, romantisch in jedem Sinne, voller erschreckender Abgründe", das nahe heranzuholen, gelinge dieser Inszenierung. "Das hat etwas sehr Sympathisches, freilich um den Preis, dass auch das Wilde und Grenzüberschreitende der Dichtung wie ein zwischen den Festungsmauern gezähmter Fluss wirkt."

"Es hilft auch nicht viel, dass zwischen den kahlen Furnierholzschachtwänden ein großes, rundes Fadenkreuz projiziert wird", findet Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (22.10.2010), denn das "ist nur die Chimäre einer diffusen Bedrohung, die nirgends kenntlich und also auch nie gefährlich wird". Meroe sei sinnfreierweise stumm (und Ninja Stangenberg zu Augenaufreißern und Händewacklern verurteilt); Achill (Michael Klammer) platterweise ein "Hellas" an den Hals tätowiert; Odysseus (Wilhelm Eilers) schüttet sich Wasser über den Kopf, "lauter inszenatorische Notlösungen, um zu kaschieren, dass dieser Zweistundenabend eine leere Mitte umkreist". "Schon möglich, dass Brucker damit näher am gegenwärtigen Gefühlshaushalt ist. Vielleicht stimmt es auch, dass wir heute zu Leidenschaftsaufwallungen a la Penthesilea nicht mehr fähig sind (...) Wer aber mit hohen Tönen, mit Pathos und Göttern nichts anzufangen weiß, braucht es auch nicht zu inszenieren."

So achselzuckend nüchtern, so harmlos, so irgendwie hausmeisterhaft Anja Schneider am Ende Kleists superberühmte Worte "Küsse, Bisse" spricht, "könnte man glatt auf die Idee kommen: War eh alles nur ein Spiel, eh nur ein Missverständnis", so Andreas Schäfer im Tagesspiegel (22.10.2010). Was da eigentlich für ein Krieg sei, in dem man sich aufreibt, nach welchen Regeln die Amazonen nehmen und abstoßen, und inwiefern der Liebesrausch Penthesileas, von dem unablässig die Rede ist, sogar ein Produkt der Gesellschaft sein soll, wie es die Regisseurin im Programmheft-Interview andeutete, "all das bleibt einem schleierhaft. Man versteht bei den Formationsübungen kaum, worum es geht." Fazit: "Ein paar Schritte näher ans verführerisch saugende innere Dunkel sollte man sich schon trauen, wenn man Penthesilea auf die Bühne bringt."

"Felicitas Brucker stellt ihre Schauspieler vor allem zu immer neuen, langen Sprech-Arrangements zusammen, und Kleists hochfahrend symbolische, sich verschachtelt auftürmende Sprache blüht bei einigen Schauspielern zuweilen durchaus auf", so Hartmut Krug auf Deutschlandfunk Kultur vom Tage (21.10.2010). Kampf sei hier vor allem sprachliche Behauptung, und so sind die inneren Suchbewegungen und Selbstverständigungsversuche von Achilles und Penthesilea das Thema dieser Inszenierung. "Insgesamt ist dies eine eher leichtgewichtige, oft elegante, auch spielerische, aber nie den Schrecken und das Entsetzen, das im Verfehlen zweier Liebender liegt, zeigende Inszenierung." Wie allerdings Michael Klammer und vor allem Anja Schneider ihr Suchen spielen, das besitze sinnliche, anrührende Kraft.

 

 
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