Dieselben Eltern, dieselbe Kindheit, dieselben Idole

von Stefan Bläske

Wien, 21. Oktober 2010. Jetzt mal ehrlich: Waren Sie mehr der Typ für Winnetou und Terence Hill? Oder für Rambo, Rocky und Schwarzenegger? James Bond? Chuck Norris? Karate Kid? Die meisten pubertierenden Jungs brauchen ihn: ihren First Action Hero. Zachary Oberzan, Performer aus New York City, war leidenschaftlicher Fan von Jean-Claude Van Damme. Er ist es noch, und steht dazu. Das Besondere an seiner Jungenphantasie: Zachary Oberzan hat die Van Damme'schen Schlachten weder brav mit Playmobil noch handfest im Pausenhof geschlagen, sondern mimetisch-theatral zuhause - mit seinem großen Bruder und einer Videokamera. Lange bevor durch "Be Kind Rewind" das "schweden" von Filmen zur Mode wurde, haben die beiden Brüder ihre liebsten Action- und Horrorfilme nachgedreht. Ein bisschen Parodie, ein bisschen heiliger Helden-Ernst.

In Oberzans Solo-Performance sehen wir nun Hollywoodfilme und Homevideos als Parallelmontagen auf der Leinwand - und wissen nicht was peinlicher oder lustiger ist: der halbnackte, muskelbepackte Original-Van-Damme, der trainingshalber so lange gegen eine Palme tritt, bis er mit blutenden Beinen zusammenbricht; oder die zwei halbnackten Halbstarken, die vor häuslichen Gardinen mit schauspielerischem und kämpferischem Ehrgeiz ganz rücksichtsvoll gegen eine zarte Zimmerpflanze treten.

Was in zwanzig Jahren geschah

Inwiefern diese kindliche Filmfabrikation zugleich Katalysator und Auspuff war für Heldenbedürfnisse, Gewaltphantasien und Schauspielerambitionen, zeigt sich so richtig erst im Vergleich mit einer dritten Filmebene: Zwanzig Jahre später nämlich hat Zachary Oberzan mit seinem Bruder Gator die Szenen noch einmal nachgedreht, Einstellung für Einstellung.

Diese zwanzig Jahre, dieses Dazwischen, ist das eigentliche Thema des Abends. Während Zachary zum erfolgreichen, international tourenden Schauspieler geworden ist, der mit der Wooster Group und dem Nature Theater of Oklahoma arbeitete, hat sein Bruder unter anderem wegen Drogendelikten im Gefängnis gesessen: inzwischen wieder frei, wirkt er noch immer ein wenig wie hinter tausend Stäben, ein Kraftpaket und Bündel Elend gleichermaßen.

Als alles noch Spiel war

Wie dieses ungleiche Brüderpaar nach zwanzig Jahren zusammenkommt und noch einmal die teilweise gar nicht jugendfreien Jugendspielfilmereien nachdreht, ist äußerst spannend anzusehen: Weil da offenbar ein Loser und ein Gewinner aufeinandertreffen und man mehr als nur ahnt, dass alles auch ganz anders hätte kommen können.

Weil beide Brüder mit dieser Situation und miteinander erstaunlich gut umzugehen wissen, und unter allem Neid und Befremden eine große Geschwisterliebe durchscheint. Weil Gators Körper, korpulent geworden und tätowiert, uns in jeder Einstellung sein Vom-Leben-Gezeichnet-Sein zeigt, und wir in den beiden erwachsenen Spielern doch stets die Teenager wiedererkennen, und jene Sehnsucht spüren nach dem unschuldigen, konsequenzverminderten Spiel, nach dem Kampf der Kinder, der noch kein Kampf des Lebens ist. Weil wir spüren, wie schnell aus Spiel und Theater ernst werden kann.

Das alles passiert auf der Leinwand und in unserem Kopf, während Zachary Oberzan ganz schlicht in der Mitte der Bühne sitzt und lippensynchron - das hat er bei Wooster Group und Nature Theater ja üben können und tatsächlich zur Perfektion gebracht - die Texte ausgewählter Passagen einspricht, und ab und zu, mit Gitarre, ein Lied singt. Ruhig, melancholisch, ergreifend.

Blick auf alte Träume

In den Filmen und Remakes wird es zwischenzeitlich durchaus laut, wenn Fäuste und Füße fliegen ("Kickboxer"), und ekelerregend, wenn Krokodile Menschen und Menschen Herzen fressen ("Faces of Death"). Bestechend ist die Inszenierung vor allem in ihren leisen Tönen, berührend dank der Kinderbilder und der Briefe aus dem Gefängnis.

Man mag das viele Filmgucken irgendwann leid sein und sich etwas mehr "Theater" wünschen. Man mag Van Damme Panne finden, und die ihm nacheifernden Möchtegernstarken nicht minder. Die Oberzan-Brüder aber lernt man lieben im Laufe dieser 60 Minuten. So wie sie sind, oder auch so, wie sie sein könnten. "Your brother. Remember?" ist weit mehr als ein filmisches Lehrstück über zwei Jugendliche und ihre Actionhelden. Es ist trotz mancher Flunkereien eine radikal ehrliche Performance über die Schwierigkeit, dem was man einmal war, dem was man ist, und dem was man hätte werden können, aufrecht und lächelnd in die Augen zu schauen.

 

Your Brother. Remember?
Konzept/Regie/Performance: Zachary Oberzan, Videoperformance Gator Oberzan
Text: Zachary und Gator Oberzan, Regieassistenz und Tourmanagement: Nicole Schuchardt
Licht, Ton- und Videotechnik Tom Barcal.
Mit: Zachary Oberzan.
Eine Koproduktion von Kunstenfestivaldesarts, brut Wien und Noorderzon Performing Arts Festival/Grand Theater Groningen.

www.brut-wien.at

 

 

 
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