Durch des Stemanns holden belebenden Blick

von Katrin Ullmann

Hamburg, 22. Oktober 2010. Zuletzt hat sich Peter Stein daran gewagt. An den ungekürzten Faust, Teil I und II. 2000 war das. Für die Expo in Hannover. 30 Millionen Mark, so heißt es, kostete die Produktion für die Stein eine eigene Firma mit über 80 Mitarbeitern gründete. 35 Schauspieler bestritten die insgesamt 22 Stunden währende Aufführung. Bruno Ganz gab den Faust, Johann Adam Oest und Robert Hunger-Bühler den Mephisto, Dorothee Hartinger das Gretchen. Bis zur Ermüdung werktreu war diese Inszenierung, auch wenn Peter Stein die Zuschauer gelegentlich zwischen den Spielstätten hin- und herwandern ließ. Pathetisch, poetisch und bis ins allerletzte Detail genau.

Nicolas Stemann, ebenfalls Regisseur, andere Generation, gleiche Idee: Er inszeniert den ungekürzten Faust. Über eine Spielzeit lang nähert sich Stemann dem Klassiker. Unter anderem mit drei Schauspielern, einigen Musikern, einer Sängerin, einem Tänzer, ordentlich viel Videomaterial und mindesten einem halben Dutzend MacBooks. Im August 2011 wird die Koproduktion mit den Salzburger Festspielen auf der Perner Insel Premiere haben, im darauffolgenden Oktober am Hamburger Thalia Theater.

Freuen Sie sich nicht zu früh
Sicherlich wird sie keine 22 Stunden dauern und auch nicht zum Gähnen werktreu sein. Das beweist die schon eindrucksvoll groß angelegte "öffentliche Probe", die gewissermaßen als Abschluss der ersten Probenphase verstanden sein will. "Normalerweise macht man so was nicht", gesteht Stemann zu Beginn des Abends und beschwört die vollen Ränge und Logen – das Thalia Theater ist ausverkauft – der Abend gewähre lediglich nur "Einblicke in eine Materialsammlung". Es kann natürlich sein, "dass sich ein kreatives Chaos entwickelt", fährt er fort, aber "freuen Sie sich nicht zu früh". Aufmunternd lächelnd geht er ab und die Probe beginnt.

Sebastian Rudolph bestreitet die gute erste Stunde allein. Ist mal Theaterdirektor, mal lustige Person, mal Gott, mal Erzengel, mal Schüler, mal Erdgeist, mal Faust, mal Mephisto und so weiter. Leise spaziert er mit dem Reclam-Heftchen über die leere Bühne, hin und wieder flankieren und traktieren ihn zwei Pianisten, manchmal assistieren ihm abwechselnd ein Mikrofon, ein Tisch, ein Stuhl, eine Rolle Papier und ein paar Tuben Farbe, einmal eine Pistole und viel später verschwindet Rudolph auf seinem "Osterspaziergang" ganz hinter einem lieblichen Osterdekostrauch und grünenden Bäumchen.

Sebastian Rudolph ist toll an diesem Abend. Auf seine spezielle, stille Art ist er unglaublich präsent. Ist anrührend und zweifelnd. Das treffendste und schönste Bild ist vielleicht, wie er verloren in Auerbachs Keller steht: Zwischen bunten Videoprojektionen und einem The-Queen-imitierenden "Another one plays the Faust"-Rocksong tastet er sich behutsam über die Bühne und trägt dabei eine Discokugel wie an einem seidenen Faden. Das riesige, funkelnde Ding hält er wie eine vergessene Handtasche fest, wie ein fremd gewordenes, aber unabdingbares Accessoires einer wilden Party, der er selbst nicht so recht angehört.

Überraschende Lesarten
Philipp Hochmair an seiner Seite gibt den draufgängerischen Unruhestifter, der den andächtigen, sich gelegentlich hanseatisch empörenden Osterspaziergänger bereits bei Hochmairs ersten Auftritt mit permanentem Stühle-Rücken und zischenden Sprechübungen von der Bühne fegt. Patrycia Ziolkowska ist im Bund die Dritte, ist Hexe, Gretchen, Valentin, Marthe Schwerdtlein, Mephisto und Faust. Weich und hart, verspielt und verführerisch, resolut und naiv. Völlig frei von den berühmt gewordenen Versen scheint sie und nimmt den Text ganz nah zu sich, bevor sie sich im nächsten Moment auf eine intensive Verabredung mit dem Mikrofonkabel zurückzieht. Eine Rollenzuordnung gibt es nicht bei dieser Faust-Arbeitsprobe und die dadurch entstehende Versverteilung öffnet – vor allem bei Ziolkowska – eine gelegentlich überraschende Lesart.

Zurzeit dekoriert der Regisseur das schwere Goethe'sche Erbe mit einem wilden und recht Stemann-typischen Materialmix, mit sehr viel Video und noch viel mehr Musik. Zwei Klaviere stehen mindestens auf der Bühne, und gern greift der Regisseur selbst in die Tasten eines dritten. Die Investition in seine musikalische Früherziehung hat sich offenbar gelohnt. Später singt Stemann, noch später wird er sich vermutlich ans Schlagzeug setzen, das sich bereits jetzt von der Seitenbühne vorwagt.

Nicht wirklich filmreif
Viel gebaute Atmosphäre beklebt und illustriert bei diesem Probeneinblick noch den Faust-Text: Eine Sopranistin (Friederike Harmsen) etwa vertont in wunderschön opern-manierlichem Sopran die entsprechende Literaturanalyse, ein Tänzer (Tomislav Jélicic) wirft sich gelegentlich zwischen die Akteure und über allem lenken immer wieder groß projizierte Videostrecken aus dem eigentlich nicht wirklich filmreifen Probenalltag die Blicke vom Bühnengeschehen.

Wie das alles in einem Jahr aussieht? Wie in wenigen Monaten? Wird die Inszenierung stiller? Oder schriller? Wird Faust 2 in einem einzigen Rockkonzert enden?

Wir werden sehen. Wir kommen wieder.

 

Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil (öffentliche Probe)
von Johann Wolfgang Goethe
Regie: Nicolas Stemann, Kostüme: Marysol del Castillo, Musik: Thomas Kürstner, Sebasstian Vogel, Video: Claudia Lehmann.
Mit: Philipp Hochmair, Stebastian Rudolph, Patrycia Ziolkowska sowie Thomas Kürstner und Sebastian Vogel und als Gäste die Sängerin Friederike Harmsen und der Tänzer Tomislaf Jélicic.

www.thalia-theater.de

 

Alles über Nicolas Stemann auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Die öffentliche Probe laufe ab wie am Schnürchen, berichtet Klaus Witzeling im Hamburger Abendblatt (25.10.2010). "Als wäre es gar keine Probe, sondern alles so gemeint." Ohnehin werde "die 'fertige' Aufführung einer (strukturierten) Probe gleichen und nicht plötzlich mit voller Dekoration und historischen Kostümen verblüffen. Dem Regisseur geht es um das Werk und Wort aus vielfach gebrochener, heutiger Sicht." Nicolas Stemann lasse "die Textpartitur auf der Klaviatur aller darstellenden Künste ausspielen: Film, Gesang, Malerei, Rezitation, Schauspiel und Tanz. Das alles ist aufregend und erhellend. Die Hamburger Theaterfreunde dürfen sich freuen und die Salzburger werden sich wundern: Halten sie doch noch immer Max Reinhardts komplette 'Faust'-Stadt in der Felsenreitschule für das einzig wahre Klassiker-Theater."

 

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