Die andere Welt hinter dem Spiegel

von Caren Pfeil

Dresden, 29. Oktober 2010. Man nehme das neueste Buch der gerade angesagtesten deutschen Bestsellerautorin, bringe es, noch bevor es ganz ausgelesen ist, auf die Bühne, tue dies zur besten Zeit des Jahres Ende Oktober, also eigentlich in der Vorweihnachtszeit, mische dazu die Musik einer gerade angesagten Pop-Band, bereite das ganze professionell marketingtechnisch auf, und schon hat man Zuschauerzahlen, von denen jedes Theater träumt.

Dass die Schauspielhäuser sich am Jahresende auch den jüngeren Zuschauern öffnen, weil deren Eltern, wenn es aufs "Fest" zugeht, entweder ihre Liebe für die kulturelle Bildung ihres Kindes entdecken oder die zum Theater, oder beides, gehört hierzulande inzwischen zum guten Ton.

Ängste und Träume einer ganzen Kindheit
Dass aber bei so viel marktwirtschaftlicher Strategie so ein wunderbar verzauberndes, phantasievolles, spielerisch übersprudelndes und poetisches Theater herauskommen kann, ist umso schöner und passiert in Dresden dank eines zum großen Teil wundervoll aufspielenden Ensembles, berückender Kostüme, einer phantastisch wandelbaren Bühne, inspiriert und zusammengehalten von einem Regisseur, der sein junges Publikum mit Herz und Humor mitnimmt auf eine Reise in die Traumwelten junger wie alter Seelen.

Wie jede gutgeschriebene Prosa ist auch "Reckless" für das Theater nicht unbedingt geeignet. Es sind Phantasiewelten, die sich im Kopf des Lesers entfalten, und deren Helden in eine Welt hinter dem Spiegel geraten, in der die Ängste und Träume einer ganzen Kindheit versammelt sind. Da gibt es herrlich schräge, skurrile, mutige und in ihrer Beschränkung anrührende Figuren. Der Hauptheld Jacob Reckless aber muss seinen Bruder retten. Der war ihm in die Spiegelwelt gefolgt und dort von den Goyls, den Wesen mit der Steinhaut verletzt worden, nun wächst ihm selbst eine Jadehaut.

Auf diesen Jadegoyl wiederum scheinen die Wesen der Unterwelt wie auf einen Messias gewartet zu haben, um ihren Kampf mit den Menschen endlich siegreich für sich zu entscheiden. Über allem herrscht ein Feenschwesternpaar, das nur scheinbar in den Kategorien von gut und böse begreifbar ist, sondern den ewigen Dualismus von Liebe und Verrat, begehren und zerstören, Wahrheit und Lüge versinnbildlicht.

Die ganze Theatermaschinerie in Bewegung gesetzt
Robert Koall hat in seiner Theaterfassung das gestische Potential aus dem Roman herausgefiltert, ohne diesen lediglich "einzudampfen", was bei Adaptionen sonst häufig geschieht. Hier bleibt die Sprache von schöner Kunsthaftigkeit, vieldeutig, und mit dem Spiel und den wunderbaren Bildern lebendig korrespondierend.

Auf dieser Basis gelingt es der Inszenierung, spannende Situationen zu schaffen, in denen die Figuren tatsächlich etwas Existenzielles auszutragen haben, das mit Liebe, Angst, Vertrauen und Hingabe zu tun hat. Bei dem lustvollen und prägnanten Körperspiel des jungen Ensembles, das die Szene auf diese Weise permanent energetisch auflädt, bewegt sich niemand "normal" - Bilder, Sprache und Bewegung sind kunstvoll und dennoch höchst lebendig choreografiert. Wenn auch die ganze Theatermaschine in Bewegung gesetzt wird, um zu zaubern, demonstriert die Inszenierung dennoch eindrucksvoll das Wesentliche des Theaters: die Vorstellungskraft der Schauspieler.

Gleich zu Beginn wird das Spiegelbild zweier Figuren von zwei anderen Darstellern hinter dem Spiegel in schönster Unvollkommenheit gedoubelt. Das junge wie das alte Publikum lacht und die Vereinbarung zwischen oben und unten ist getroffen: wir spielen bloß, nichts weiter.

Suche nach Wahrhaftigkeit
Frank Panhans, der zurecht inzwischen als Spezialist für Kinder- und Jugendtheater gilt (man kann die Hoffnung haben, dass diese Spezialisierung langsam ihre Zuordnung, nur 2. Liga zu sein, verliert), gibt der Geschichte alles, was das Genre braucht an Überraschung, Grusel, viel Witz und Helden, mit denen man mitfühlen kann. Das Entscheidende ist, dass er sein Publikum nicht abspeist mit durchschaubaren Antworten, sondern bis ins Detail nach Wahrhaftigkeit sucht.

Denn Cornelia Funkes Helden sind nie einfach. Sie lieben und sie zweifeln, sie sind ganz cool und plötzlich außer sich, wenn sie beispielsweise vom Wasser der Zauberquelle naschen und in heißem Begehren übereinander herfallen. Dass diese Szene wie eine charmante Verbeugung vor Alexander Langs "Sommernachtstraum" vom Anfang der achtziger Jahre wirkt, weiß freilich kein Kind, und dennoch wird hier nicht bloß der "Erwachsenenspaß" bedient, sondern Leidenschaft und Begehren für Kinder völlig unverstellt und lustvoll ausgespielt.

Als wäre es nicht das ganze Leben
Plötzlich begehrt Clara, die Geliebte von Will, den sie durch ihren Kuss erlösen soll, den Bruder, um dessen Liebe wiederum die Fuchs-Frau vergeblich ringt, und die Geschichte ist ganz bei ihrem Thema angekommen: bei der Tiefe, in die man fällt, wenn man die Liebe verliert, bei der Einsamkeit des Verlassenen, wenn wie bei Jacob und Will der Vater einfach weggegangen war. Und dann geht man im Innern in die andere Welt hinter dem Spiegel, in der es Trost und Schutz zu geben scheint, und fällt am Ende doch auf sich selbst zurück.

Denn der Preis für die Rettung seines Bruders ist hoch: Nur ein Jahr noch hat Jacob zu leben. Erst dadurch aber kann er sich der Liebe zu Fuchs hingeben, als wäre es das ganze Leben, dieses eine Jahr. Vielleicht. Denn er wäre nicht Jacob, wenn er nicht doch auf die Suche gehen würde nach einer Medizin, die ihn retten könnte. Außerdem ist "Reckless" nur der Anfang einer Geschichte, die Cornelia Funke weiterschreiben wird. Auch das ist Kommerz, aber auch das muss nicht unbedingt Quantität statt Qualität bedeuten.

 

Reckless. Steinernes Fleisch, UA
nach dem Roman von Cornelia Funke
Bühnenfassung: Robert Koall

Regie: Frank Panhans, Bühne: Maria-Alice Bahra, Jan Alexander Schroeder, Kostüme: Irène Favre de Lucascaz, Musik: Polarkreis, Sounddesign: Jan Maihorn, Choreografie: Marcus Grolle, Licht: Gunter Hegewald, Dramaturgie: Robert Koall.
Mit: Sebastian Wendelin, Matthias Luckey, Antje Trautmann, Annika Schilling, Stefko Hanushevsky, Thomas Braungardt, Wolfgang Michalek, Annett Krause, Cathleen Baumann, Vera Irrgang, Benedikt Kauff, Johannes Döring, Lilli Horváth, Gesine Joiko, Robert Lewetzky, Karin Matko, Matthias Wiegand.

www.staatstheater-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Cornelia Funkes Roman sei "durch und durch erfüllt von dem großen, herrlichen Reichtum, zu dem Sprache fähig ist", schreibt Uta Wiedemann in der Freien Presse (1.11.2010). "Dass die Sprache der Bühnenfassung dagegen abfällt, ist fast zwangsläufig und der Hauptgrund, weshalb generell Romanadaptionen für das Theater, diese inflationäre Erscheinung, zumeist mit Skepsis und als lästig betrachtet werden. Das Staatsschauspiel hat das Problem aber erstaunlich gut gelöst." Dramaturg Robert Koall habe "die Verzahnung der beiden Welten oder die beständige Dualität der einen Welt von Gut und Böse, Schönheit und Schrecken, Hoffnung und Verzweiflung, schließlich von Leben und Tod ernst genommen und sehr exakt in der Theaterfassung platziert. Das fulminante Spiel der Darsteller bzw. Frank Panhans rasante Regie engt die jeweiligen Szenen zwar etwas ein, was grundsätzlich bedauerlich ist, aber die Inszenierung behält dadurch ihren durchgängig leichten, optimistischen Grundton, was an einem kalten Herbstabend gut tut."

Die Dresdner "Reckless"-Inszenierung werde "vom frisch aufspielenden Ensemble getragen", meint Bistra Klunker in den Dresdner Neusten Nachrichten (1.11.2010). Regisseur Frank Panhans wisse "sehr gut, wie man im Theater mit Spannung und Humor Geschichten für Kinder und Jugendliche erzählt". So fehle etwa auf der Bühne "der pathetische, humorlose Ton des Buches und keiner vermisst ihn."

Kongenial sei die Bühnenfassung von Robert Koall, "fantasievoll und trickreich" die Regie von Frank Panhans, befindet Rainer Kasselt in der Sächsischen Zeitung (1.11.2010). Die temporeiche, artistische und glänzend choreographierte Aufführung ist ein Fest für Jung und Alt. Sie mixt Düsternis mit Humor, Magie mit Wirklichkeit." Und die Rollen seien "ein Fressen für die Schauspieler".

 

 
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