Die Geschichte der Wiener Redekur

von Thomas Askan Vierich

Wien, 4. November 2010. "So schnell kann man gar nicht schauen, schon ist wieder ein Franzobelstück geschrieben", sagt Regieassistent Matthias Schweiger in der Rolle des Conferenciers zu Beginn dieses sehr wienerischen Theaterabends. Ein entlarvend ehrlicher Satz. Auch sonst wird nichts verschleiert: Das Stück ist eine Auftragsarbeit der österreichischen Volksbank AG, die damit die Neueröffnung ihrer Wiener Zentrale feiern will. Dass Bertha Pappenheimer die titelgebende Protagonistin des Stücks wurde, ist auch kein Zufall: Hatte sie doch 1878 bis 1881 just in dem Haus gelebt, wo jetzt die Bankzentrale steht.

Bertha Pappenheimer war als Anna O. die "Urpatientin" der Psychoanalyse – und später eine bedeutende Sozialpionierin. Als junge Frau litt sie unter Hysterie und wurde deshalb von Josef Breuer zwei Jahre lang behandelt. Sie nannte diese Behandlung "talking cure" (Redekur) beziehungsweise "chimney-sweeping" (Kaminfegen). Ihre Krankheit wurde 1895 von Breuer und Freud in den berühmten "Studien über Hysterie" dargestellt.

Spermahungrige Gebärmutter

Schweiger erklärt als aufgekratzter Moderator, der aussieht wie ein verfetteter Banker auf Koks, diese Vorgeschichte des Stücks. Er stellt auch dar, wie man sich in der Medizin lange die "Hysterie" erklärte: "Hystera" bedeutet auf Griechisch Gebärmutter. Wenn eine Frau an "Hysterie" leidet, dann wandert ihre Gebärmutter, wenn sie nicht regelmäßig mit Sperma gefüttert wird, suchend durch den Körper, bis sie sich im Gehirn festsetzt und dort Wahnvorstellungen hervorruft. Begleitet von wilden Zeichnungen am Flipchart (die Gebärmutter sieht aus wie das V-förmige Logo der Volksbank) lösen diese Thesen große Heiterkeit beim Publikum aus. Vermutlich glauben viele, Franzobel hätte sich das ausgedacht.

Was sich Franzobel wahrscheinlich ausgedacht hat, ist, dass Bertha gar nicht krank gewesen ist, sondern einfach nur verliebt war in ihren Arzt. Um ihn zwei Jahre bei der Stange zu halten, hätte sie alle Krankheitssymptome nur gespielt. Logische Konsequenz: Die ganze Psychoanalyse fußt auf einer Luftblase. So wie viele Geldgeschäfte einer Bank – auch der Volksbank? Damit will Franzobel keineswegs die Psychoanalyse desavouieren. Und schon gar nicht seinen Auftraggeber. Franzobel geht es um die Zwänge, unter der die junge Bertha litt: Die Krankheit war für sie, ob erfunden oder nicht, eine Methode des Ausbruchs aus einem vorgegebenen, starren Lebenskonzept.

Aus Volksbank wird Volksstück

Diesen Konflikt zeigen Franzobel und Regisseur Jan-Christoph Gockel in einer wild zusammengeschusterten Mischung aus Alt-Wiener Volkstheater und Straßentheater mit je einem Schuss Strindberg, Brecht und Wiener Aktionismus. Aus Volksbank wird Volksstück. Zum zünftigen Volkstheater gehören knallende Türen, Schreiereien, Couplets (alle vier Hauptpersonen dürfen ein mehr oder weniger lustiges Lied singen), auch das Gespensterstück (Bertha tritt zunächst als Geist auf) und die Läuterung zum Schluss dürfen nicht fehlen.

Jan-Christoph Gockel treibt das krass auf die Spitze – ohne Scheu vor Albernheiten. Zunächst spielt das Stück in der Gegenwart. Ein Filialleiter der Volksbank (Vincent Glander), der behauptet er sei der Vorstandsdirektor, bricht begleitet von seiner Sekretärin (Veronika Glatzner), die scharf auf ihn und sein Geld ist, in die eigene Bank ein, um einen Bericht aus dem Tresor zu holen, der die Geschichte der Bertha Pappenheim dokumentiert. Aber er bekommt den Tresor nicht auf. Stattdessen treffen die beiden auf einen wirren Nachtwächter (Ingo Tomi), der gerade entlassen worden ist, seinen Kummer im Alkohol ersäuft und die Bank mit Benzin abfackeln will. Der Nachtwächter erzählt mit badischem Akzent viel Blödsinn – Franzobel kann hier seine Liebe zu kruden bis ordinären Wortspielen voll ausleben: "Ich fahre rauf und runter und hol mir munter einen runter", lallt Ingo Tomi immer wieder. Auch so etwas gehört zur Volkstheatertradition in der Version von Franzobel.

Wer ist hier eigentlich hysterisch?

Dann tritt der Geist von Bertha (Nicola Kirsch) auf und die Szenerie aus wackelnden Volkstheater-Kulissen verwandelt sich zur Wohnung der Pappenheimer, wo Bertha ihren schwerkranken Vater pflegt. Der schwärmt im Delirium von seiner Liebe zu Knaben ("In Ischl gibt's schöne Bürschl") und stellt sich vor, dass er penetriert wird wie beim "Kaminfegen". Köstlich, wie sich Glander als Berthas Papa in seinen Sexualträumen windet – das hat tatsächlich etwas von Wiener Aktionismus. Und indirekt wird hier die Frage gestellt: Wer ist eigentlich hysterisch?

Das ist alles ziemlich schrill, manchmal auch etwas wirr. Manches wirkt schon arg dick aufgetragen, der Einbruch in die Bank wie schlechtes Straßentheater. Aber vielleicht sollte es das auch sein. Nicola Kirsch bleibt als Bertha etwas blass, sie wechselt immer wieder von der gespielt Hysterischen zur genervt dreinblickenden Blondine. Letzteres nimmt man ihr eher ab, was aber wiederum so gar nicht zur historischen Bertha Pappenheimer passt. Ingo Tomi brilliert in seiner Doppelrolle als durchgeknallter Nachtwächter/Arzt und Vincent Glander windet sich sehr eindrücklich, grimassiert aber ein bisschen zu viel.

Alles nur Theater

Die herausragende schauspielerische Leistung liefert Veronika Glatzner als flittchenhafte Sekretärin und schwarz gekleidete Mutter Pappenheimer. Sie entzieht sich zum Schluss als Einzige der allgemeinen, bewusst aufgesetzt wirkenden Versöhnung und möchte sich am leuchtenden Logo der Volksbank erhängen. Sie glaubt nicht an Geister und Besserung. Es war alles nur Theater, alles nur gespielt. Bertha ist eine Simulantin und die Volksbank also entschuldigt, dass sie ihr Wohnhaus entkernt und nur die Fassade hat stehen lassen. Wirklich?

Bei allen Albernheiten und Ironisierungen: So richtig lustig war es dann doch nicht. Es bleibt ein Geschmäckle: Der Name "Volksbank" fiel ein bisschen zu oft. Das ist die Krux mit der Auftragskunst – auch wenn man ihr wie Franzobel mit viel Ironie zu entkommen sucht.

 

Die Pappenheimer oder Das O der Anna O.
von Franzobel
Regie: Jan-Christoph Gockel, Bühne: Julia Kurzweg, Kostüme: Andrea Fischer, Musik: Max Gaier, Hannibal Scheutz, Dramaturgie: Brigitte Auer.
Mit: Vincent Glander, Veronika Glatzner, Ingo Tomi, Nicola Kirsch, Matthias Schweiger.

www.schauspielhaus.at

 

Mehr zu Franzobel und Jan-Christoph Gockel gibt es im nachtkritik-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"Nicht einmal ordentliches Theater kann die Finanzwelt heutzutage also jenseits ihres eigentlichen Kerngeschäftes machen," schreibt Norbert Mayer in der Wiener Tageszeitung Die Presse (6.11.2010) über dieses Auftragswerk einer Bank. Bereits den Text selbst findet Mayer schwach, und weder die "übermütige Regie Jan-Christoph Gockels noch einzelne gediegene schauspielerische Leistungen konnten ihn aus seiner Sicht retten. Einige exklusive Voraufführungen habe es im Originalschauplatz gegeben, erfahren wir, der neuen Zentrale des auftraggebenden Geldinstituts. Was wohl nichts halft: "Diese "Anna O. aber ist eine Null geblieben".

Zwischen "durchaus witzigen Momenten und geistlosem Klamauk" pendelt der Abend aus Sicht von Stefan Mayer im Wiener Standard (6.11.2010), der den Abend kurz und schmerzlos auf gefühlten zwanzig Zeilen abhandelt.

 

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