Die Abschaffung des Gartens

von André Mumot

Hannover, 4. November 2010. Ein Paradies könnten wir haben, bestimmt. Hätte der Mensch, wie es an diesem Abend heißt, nur nicht begonnen, "Ähren zu zupfen und Körner zu zählen". Da führt, wie Weltgeschichte und Klimaforscher wissen, rasch eins zum anderen, und lange geht das nicht mehr gut. Das heißt? Schluss machen mit den Genmaiserfindern und Rohstoffeausbeutern und Erderwärmern. "Die Welt ohne uns" ist ein Projekt, in dem sich das Schauspiel Hannover zusammen mit dem Berliner Produktionskollektiv "lunatiks produktion" ausmalt, wie es wohl wäre, wenn die Menschheit geschlossen, aber ohne apokalyptischen Verseuchungsknall, abtreten würde vom Angesicht der Erde – und damit auch von der Theaterbühne.

Bis 2015 wird also botanisches Langzeittheater veranstaltet: Dreimal jährlich lässt sich in einem eigens angelegten Garten beobachten, wie sich im "post-anthropologischen Zeitalter" die Natur fortentwickelt. Und wenn es wieder soweit ist, so wie an diesem Abend, an dem bereits Akt Drei uraufgeführt wird, steigen die Zuschauer gemeinsam in einen Bus, brechen auf zum Außenspielort und werden schon auf der Fahrt durch die abendliche Großstadt auf die Zukunft eingestimmt: Eine Tonbandstimme kommentiert, was links und rechts vom Wege liegt, und weissagt ungerührt, wie sich die Zivilisationslandschaft verwandelt haben wird – wie die Wölfe zurückkehren und die Rauhaardackel der Menschen fressen, wie im Burger King noch ein Burger auf dem Tresen liegt und nicht verrottet, wie die Kakerlaken den Menschen nachsterben, als wären sie ihre besten Freunde gewesen.

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"Die Welt ohne uns (III)"   © Karl-Bernd Karwasz

Wachsen oder weichen

Und dann erreicht man das Ziel, ein verlassenes Kasernengelände, auf dem tatsächlich völlige, gespenstische Dunkelheit herrscht und in dem ein kleiner Betrachtungspavillon mit Glasfront den zurück in die Zukunft Gereisten Unterschlupf bietet – und Blick auf den Garten. Der ist jetzt angestrahlt, und ein sehr effektvoller Sturm geht in herbstlicher Manier über ihn hinweg, lässt Blätter fliegen und zeigt verdorrtes Gewächs, eine hinfällige Wasserpumpe, Brombeersträucher, Ödnis. Der Apfelbaum, der sich als einer der Hauptdarsteller des Projektes erweisen sollte, ist in schlechter Verfassung, man bangt um die Identifikationspflanze. Siehe da, ein bitterer Trost: Es geht auch ohne uns übel weiter.

Um dies näher zu erläutern, treten die Schauspieler Dominik Maringer und Nadja Petri in Erscheinung und verhöhnen unsere romantische Verklärung. Die Natur, stellen sie klar, ist keine arkadische Idylle, sondern Schlachtfeld, die Pflanzen führen einen Verdrängungswettbewerb um Nahrung, um Platz. "Konkurrenz und Kapitalismus" sind am Werke – "Altruismus gibt es nicht mehr." Keine Gärtner, die für Ausgleich sorgen, hegen und pflegen. Es gibt nur "wachsen oder weichen."

Singen, scherzen, Infos wiedergeben

Um zu veranschaulichen, wie die Buche, das alte Miststück, anderen Pflanzen den Lebenssaft aussaugt, wird ein Stiefmütterchen in eine Mikrowelle gestellt und diese in Betrieb genommen. Das ist in der Tat ein fantastischer Moment, weil die Blume zur tragischen Figur wird, zur sterbenden Heldin, indem sie langsam in Agonie zusammensinkt. Ansonsten aber ist das botanische Theater ein Theater, in dem Menschen anderen Menschen Wissenswertes über Pflanzen mitteilen. Gleich, denkt man, kommt Ranga Yogeshwar hinter einem Busch hervor. Ihm würde es hier gefallen, denn es gibt einiges zu lernen.

Es spricht für dieses Projekt, dass es nachdenklich ist und unaufgeregt und konsequent in seiner Gedankenspielerei – zugleich aber staunt man über den Hang zur Seriosität. Schließlich verspricht ein solches Pflanzentheater Kurioses, theatrale Selbstzersetzung, ironische Anti-Dramatik. Man malt sich Albernheiten aus oder Stille, ahnt Extremes. Nachdem aber im ersten Akt (der im Mai Premiere hatte) ein Abschiedsfest für die Menschheit gefeiert und anschließend ein Hörspiel abgespielt wurde, ist mit dem zweiten Akt eine traditionellere Aufführungsform gefunden worden, die sich nun auch in der dritten Ausgabe wiederholt. Autor und Regisseur Tobias Rausch setzt vorläufig auf Referatsperformance: Die Pflanzen werden angespielt von Darstellern, die auch ein bisschen singen, ein wenig scherzen, vor allem aber Informationen wiedergeben.

Doch der dritte Akt ist eben nur ein Akt des Fünf-Jahre-Dramas und nur eine szenische Möglichkeit unter vielen. Es soll, so wird verlautet, noch manches ausprobiert werden in dem Garten, der keiner mehr sein kann, weil die Natur ihr mitleidloses Regiment walten lässt. Am Schluss gibt es einen Vorgeschmack, denn da setzen die beiden Schauspieler Tiermasken auf, werden zu Hase und Bär und beginnen, brutal auf Kohlköpfe einzuschlagen. Vielleicht geht es ja jetzt erst wirklich los mit der konsequenten Menschheitsleere. Bislang können die Gärtner jedenfalls nicht loslassen, und das post-anthropologisches Theater kommt ohne uns nicht aus.

 

Die Welt ohne uns (III): Wachsen oder weichen - Drei Jahre nach dem Ende der Menschheit
Botanisches Langzeittheater
Konzeption Aljoscha Begrich/ Tobias Rausch (lunatiks produktion), Text und Regie: Tobias Rausch, Ausstattung: Kirsten Hamm, Musik: Matthias Herrmann, Recherche: Eva-Maria Reimer, Wissenschaftliche Beratung: Joachim Tantau; Landschaftsgestaltung: Johannes Böttger, Dramaturgie: Friederike Trudzinski.
Mit: Dominik Maringer, Nadja Petri und Pflanzen.

www.lunatiks.de
www.staatstheater-hannover.de


Mehr zum Performance-Kollektiv lunatiks produktion? 2008 haben sie in Greifswald das Doku-Theater Schicht C inszeniert, 2009 wurde ihr kollektiv geschriebenes Stück Statisten des Skandals über die Barschel-Affäre in Kiel aufgeführt.

 

Kritikenrundschau

"Wir befinden uns im Jahr drei nach dem Ende der Menschheit, Vögel haben die Städte zurückerobert, in den Baumärkten explodieren die Farbeimer. Das erfahren die Zuschauer im Bus, der sie vom Schauspielhaus zum Spielort fährt", beschreibt Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen (8.11.2010). Durch die Scheiben eines Containers mit Sitzbänken blicke man dann in den Garten. "Die Schauspieler Dominik Maringer und Nadja Petri treten in Flauschjacken auf und berichten von Kämpfen im Pflanzenreich. Ein Hauen und Stechen ist das. Der Apfelbaum vergiftet den Boden, und der Riesen-Bärenklau verdrängt alles." Diese Lehrstunde in Biologie sei unterhaltsam, ein Lied werde auch gesungen, und die Spieler geben sich große Mühe, ausgelassen zu sein. "Aber es bleibt eine Lehrstunde." In der ersten Folge hätten die Zuschauer zumindest noch das Gelände erkunden können. Jetzt blieb ihnen nur der Blick in den Garten.

 

 
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