Dieser Idiotie wollen wir nicht erliegen

von Lars-Ole Walburg

Gorleben, 6. November 2010. Als Theatermensch habe ich mich viel mit der griechischen Antike beschäftigt und davon würde ich hier gern erzählen. Die Stücke, die vielen Menschen heute eher Angst machen mit ihren schwierigen Orts- und Heldennamen, waren in ihrer Zeit sehr aktuelle und leicht verständliche Geschichten. In der Blütezeit des Athener Stadtstaates im 5. Jahrhundert vor Christus entstanden eine Vielzahl von Dramen, von denen einige wenige bis heute überliefert sind. Die "Antigone" des Sophokles beispielsweise, in der sich Antigone dem staatlichen Verbot, ihren Bruder zu begraben, widersetzt und dafür zum Tode verurteilt wird.

In Athen dieser Zeit gab es etwa 40.000 Menschen mit Bürgerrecht und in etwa soviele Plätze hatte auch das Dionysos-Theater. In diesem stritten alljährlich die Dichter bei einem Theaterwettbewerb um die Gunst des Publikums und den ersten Preis. Um dem Spektakel beiwohnen zu können, das sich über Tage hinzog, bekam der normale Bürger als Verdienstausfall ein Tagegeld, eine Diät, um nur einmal kurz daran zu erinnern, was für eine nützliche Sache dieses Wort einmal bezeichnet hat. Die Dichter waren geachtet und bekleideten neben ihrer Kunst zuweilen bedeutende Staatsämter. In ihren Stücken beschäftigten sie sich oft mit gesellschaftlichen Themen, die auch auf der Agorá, dem Marktplatz dikskutiert wurden.

Den Boden für ein eigenes Urteil bereiten
Das Für und Wider eines Kriegseinsatzes wird z.B. Stoff für ein Drama oder auch die moralische Abrechnung nach der Heimkehr der eigenen Truppen. Das Theater bereitet also den Boden für die Diskussion aktuell-politischer Fragen, bringt die Zuschauer zum Nachdenken, damit sie sich nach der Diskussion ein eigenes Urteil bilden können. Für einen heutigen Künstler klingt das – leider – eher utopisch.

Das Blütejahrhundert Athens war das Zeitalter eines bedeutenden Staatsmannes: Perikles. Nicht ungewöhnlich, tritt dieser Perikles im Stück "Der Peloponnesische Krieg" als Figur auf und hält den Athenern folgende Rede: "Wir leben in einer Staatsverfassung, die nicht den Gesetzen der Nachbarn nachstrebt, sondern wir sind eher das Vorbild für andere, als deren Nachahmer. Ihr Name ist Demokratie, weil sie nicht auf einer Minderzahl, sondern auf der Mehrzahl der Bürger beruht. Das Ansehen, das einer in irgendetwas besonders genießt, richtet sich im Blick auf das Gemeinwesen weniger nach seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksklasse, sondern nach seinen persönlichen Leistungen wird er bevorzugt.

Auch dem Armen ist, wenn er für den Staat etwas zu leisten vermag, der Weg nicht durch die Unscheinbarkeit seines Standes verwehrt. Dieselben Menschen, die sich dem Staat widmen, gehen auch ihren persönlichen Geschäften nach und auch wer sich auf sein Gewerbe beschränkt, ist nicht unkundig der öffentlichen Angelegenheiten. Wir sind die einzigen, die einen Bürger, der keinen Sinn für den Staat hat, nicht für ein ruhiges, sondern für ein unnützes Mitglied desselben halten."

Für das Recht kämpfen
Übrigens bezeichnet das Wort "Idiot" im Griechischen einen Menschen, der beschränkt ist und gleichsam jemand, der sich in seine Privatsphäre zurückzieht und sich nicht kümmert um öffentliche und gesellschaftliche Vorgänge. Dieser Idiotie sollten wir nicht erliegen.

Die vorhin genannte Antigone kämpft für das Recht auf Leben und Sterben, das Recht der Familie. Ihr Recht gilt von alters her. Das Staatsrecht ihres Gegenspielers Kreon ist sehr jung. Dennoch muss Antigone sterben.

Wenn heute Aktionen gegen die Produktion von Atommüll strafbare Handlungen darstellen, so ist es durchaus denkbar, dass künftige Generationen das anders betrachten werden. Vielen Dank!

 

Lars-Ole Walburg ist Intendant des Schauspiel Hannover.

Dort erregte das Remake der Republik Freies Wendland im Herbst 2010 die Gemüter. Die hier dokumentierte Rede hielt Walburg am Samstag, dem 6. November im Rahmen der Demonstration gegen den Atommüll-Transport in Gorleben.

 

 

 
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