Biografie, noch ein Spiel

von Michael Laages

Zürich, 10. November 2010. Er selber muss sich ja gerade entscheiden, wie und wohin es weiter gehen soll mit ihm. Max Frisch, der studierte Architekt, ist schon gefangen in der Sehnsucht hin zum Theater und hat sich an ersten Stücken versucht, noch ohne nennenswerten Erfolg. Aber Schriftsteller will er werden, jetzt noch, mit über 40 Jahren – "Stiller", in Angriff genommen 1954, erregt als erster Roman großes öffentliches Interesse; Frisch schlägt endgültig den Weg des Schriftstellers ein, und es darf wohl voraus gesetzt werden, dass gerade er, dessen erste literarische Liebe doch das Theater war, von Anfang an zu unterscheiden weiß, welches Material eher zum Theaterstück taugt und welches für das Handwerk des Erzählers. "Stiller" ist also vermutlich nicht zufällig ein Roman.

An derlei banale Details der schriftstellerischen Handwerkerei muss wohl immer mal wieder erinnert werden angesichts der Überfülle von Roman-Dramatisierungen auf den Bühnen allüberall. Und Heike M. Goetzes "Stiller"-Fassung für die Box im Schiffbau des Schauspielhauses Zürich fällt insofern auch gar nicht sonderlich aus dem Rahmen – sie kämpft halt nur mit den Komplikationen, die sich fast immer in und aus der Roman-Bearbeitung ergeben. Im Fall "Stiller" sind sie allerdings nachgerade exemplarisch zu betrachten.

Abschütteln, was war

Zur Story: Bei der Einreise in die Schweiz wird ein Reisender, der sich als James Larkin White ausgibt, für den vor sechs Jahren auf rätselhafte Weise verschwundenen Bildhauer Anatol Ludwig Stiller gehalten; und während sich der Mann mit großer Beharrlichkeit gegen die Vorstellung wehrt, er könne dieser Stiller sein, beginnt Frischs Roman mit der biographischen Rückschau auf ein verborgenes Leben, auf ein Leben im Untergrund, auf der Flucht; als Künstler und (vor allem!) als Mann will Stiller abschütteln, was war.

Das ist vor allem eine unglückliche, weil unerfüllte, ja unerfüllbare Liebe in der Ehe mit der Tänzerin Julika, und daneben die außereheliche Beziehung zu Sybille, jung und kräftig und damit das genaue Gegenteil zur anämischen, wie ein fahles Schemen durch die Welt schwebenden Julika. Sybille ist ihrerseits verheiratet mit dem Juristen Rolf, der später als Staatsanwalt den "Fall Stiller" in dienstlichen Händen halten wird. Eine Konstruktion aus vier zentralen Personen, Stillers Anwalt und der Gefänigniswärter kommen für die Züricher Schauspielfassung hinzu.

In der Zwischenwelt

Und es ist nun nicht etwa so, dass sich dieser Geschichte bis hin zu Julikas Tod an der Herz-Lungen-Maschine nicht halbwegs gut folgen ließe in zwei konzentrierten Theaterstunden; zumal Goetze mit Frank Seppeler (der aus Berlin kommend zum neuen Züricher Ensemble der Intendantin Barbara Frey stieß) einen Protagonisten zur Verfügung hat, der durchaus überzeugend das beunruhigende Ungleichgewicht zwischen wachsender Nervosität bis hin zu latenter Hysterie auf der einen Seite und auf der anderen der wachsenden Leere eines Mannes findet, der immer mehr Gewissheiten über sein Leben verliert; und zwar genau in dem Maße, in dem er Vergangenheiten akzeptieren und eingestehen muss.

Wie eine hohle Hülle steht er einmal minutenlang auf der Bühne, in sich zusammen fallend, eigentlich immer weniger vorhanden, je mehr wir über ihn erfahren. In diesem Zwischenwelt-Bewusstsein ist Seppeler sehr stark; um ihn herum agieren vor allem Projektionen seiner Ich-Optionen. Nicht umsonst tragen alle Personen gegen Ende Stillers, das heißt: Seppelers Maske. Ursula Doll und Julia Kreusch, als Tänzerin und Juristengattin, wirken vor allem im Kontrast; Sean McDonaghs Staatsanwalt Rolf bekommt demgegenüber sehr wenig Spielfutter, Miriam Maertens als immerzu lächelnder, grotesk-naiver Anwalt dafür umso mehr. Danny Exner spricht abgründiges Schwyzerdütsch und spielt schwanenseegesättigt Klavier.

Auf Sofas und Sesseln

Wie nachvollziehbar aber auch immer Zeichnung und Führung der Personen geraten sein mögen, die zentrale Leerstelle der Bearbeitung bleibt – Romansprache ist und wird hier nicht zur Bühnensprache. Geradeaus geht sie über die Rampe ins Publikum, selbst erkennbar dialogisch strukturierte Passagen mutieren zu Statements, das Spiel zwischen Menschen wird nie wirklich kenntlich. Und es sieht auch nicht so aus, als wäre es Goetze darum gegangen. Wir sehen Figuren und hören Papier. Immerhin raschelt es (und ermüdet es also) nicht, aber Leben bekommt es eben auch nicht eingehaucht.

Womit viel zu viel Last auf den Schultern der Bühnenbildnerin Bettina Meyer landet; auch sie aber scheint vor allem mit Ausprobieren beschäftigt. Überall sind Spuren ausgelegt: mit dem üppigen Sortiment aus Sofas, Sesseln und überhaupt Sitzecken, Tischen mit Teekännchen drauf und einem Klavier inklusive; auch mit der aufwendigen Hinterbühnenkonstruktion, einem Wand-Aufbau, in der sich Stillers Gefängiszelle befindet. Sie kann sogar heraus gefahren werden.

Zwingend aber ist all das nicht. Nur das Alpenpanorama hoch oben ist eindeutig – und passt: denn Frischs Roman taugt ja auch halbwegs zur bitteren Polemik auf das Schweiz- und Schweizer-Sein an sich. Dann müssen aber vor der Bergwelt noch Projektionen von Rolf und Sybille auftauchen, allerdings eben nur so, als sollte halt auch noch diese Pointe des Theaterhandwerks vorgeführt werden; ohne Sinn, ohne Motiv.

Aber vielleicht ist ja auch dieser "Stiller" generell und grundsätzlich nur noch ein Roman auf der Bühne, der von sich aus (und mit ziemlich guten Gründen) kein Theaterstück war und werden sollte.

 

Stiller
nach dem Roman von Max Frisch, Textfassung von Heike M. Goetze und Simon Helbling
Regie: Heike M. Goetze, Bühne: Bettina Meyer, Kostüme: Inge Gill Klossner, Musik: Danny Exner, Choreographie: Sara Leimgruber, Dramaturgie: Meike Sasse. Mit: Ursula Doll, Danny Exner, Julia Kreusch, Miriam Maertens, Sean McDonagh und Frank Seppeler

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr Max Frisch: In Basel inszenierte Simon Solberg im September 2010 Graf Öderland, in Bern Philipp Becker im März 2009 Mein Name sei Gantenbein. Im November 2008 zeigte Dietmar Rahnefeld in Halle Biografie: Ein Spiel, im selben Monat brachte Barbara Weber dieses Stück am Theater Neumarkt in Zürich heraus. Und ebenfalls in Zürich in eben diesem November 2008: Andorra, inszeniert von Matthias Fontheim.

 

Kritikenrundschau

Der Abend zeige keine falsche Scheu vor simplen Sinnbildern einerseits und sinnlichen Bühnenbauten andererseits, so Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (12.11.2010). "Es ist, als ob die Regisseurin – die sich seinerzeit bezeichnenderweise deshalb für ein Regiestudium in Zürich entschied, weil es nicht so theorielastig sei – noch kaum etwas von Pop und 'Post' (Postmoderne, Postdramatik) gehört hätte." Sie lasse ihrer Leidenschaft fürs existenzielle Erzählen freien Lauf, "und diese läuft gut". In Goetzes zweistündiger Inszenierung werde alles vergrössert, unter die Lupe genommen, aufgeblasen, "wird der komplexe Roman zwar reduziert, doch mit Wonne gespielt". Am Schluss stirbt Julika vor einer riesigen Lungenmaschine aus den Fünfzigern, mit verkrampft angehobenen Armen, "und Stiller flieht an die Seepromenade, schaut auf die Berggipfel". Fazit: "Das ist bombastisch melancholisch, ein bisschen kitschig, aber bildschön."

Bei der schönen, aber schwierigen Julika, der Tänzerin und Gattin Stillers, trage das Kettenrauchen im Roman durchaus selbstzerstörerische Züge, schreibt Barbara Villiger-Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (12.11.2010). Heike M. Goetze lasse Julika gerade noch eine einzige Zigarette rauchen. Trotzdem habe Bettina Meyer auf ihrer Bühne, die an die Lobby eines abgetakelten Hotels erinnere, viele große Aschenbecher placiert. "Der Dekor steht für sich in dieser Inszenierung, in der manches nicht zwingend und schon gar nicht überzeugend ist, ohne deshalb gleich als Verlegenheitslösung gelten zu müssen." Vielmehr entstehe der Eindruck eines collagierten Sammelsuriums, das, im Raum verteilt, manchmal benützt wird von den Schauspielern, manchmal auch nicht. "Einigermassen zufällig. Oder nach der Zaunpfahlmethode." So hinterfragbar das ganze Setting immer wieder wirke, "findet die Inszenierung dennoch sofort ihren Drive. Sie ersetzt die kunstvolle narratologische Komposition der Romanvorlage durch ein Kaleidoskop von Fragmenten, das sich problemlos zur Story formt." Für Villiger-Heilig gelingt "zwar kein großer Theaterabend", doch Goetze durchleuchtet "scharf die Komplexität des Paarlebens."

 

 
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