Der Stoff, aus dem geplatzte Träume sind

von Matthias Schmidt

Halle, 13. November 2010. Mit Shakespeares letztem Drama "Der Sturm" verabschiedet sich der Intendant des "neuen theaters halle", Christoph Werner, als Regisseur von seinem Haus. Zum Spielzeitende wird er dahin zurückgehen, wo er vor fünf Jahren herkam – ans Puppentheater Halle. Als Blütezeit des neuen theaters wird man Werners Intendanz wohl leider nicht erinnern: Anfangs hemmte ihn der Streit mit dem von der Stadt hinausgeworfenen Gründer Peter Sodann (der das Haus bis heute nicht betritt), dann akzeptierte er Stellenstreichungen und musste schließlich den Verlust der Eigenständigkeit der Kulturinsel Halle hinnehmen, deren Mitte das "neue theater" war. Und zu befürchten ist, dass auch mit der eingeleiteten Schließung des Thalia Theaters das eigene Profil des "neuen theaters" innerhalb der Mehrsparten-GmbH weiter geschwächt wird.

Unter Prosperos Zaubermantel
In dieser Situation den Zauberstab auszupacken und Shakespeares komplexestes Stück zu inszenieren, ist eine mutige, aber keinesfalls schlechte Idee. Die alten (und neuen) Kollegen des Puppentheaters dazu zu holen, ebenfalls nicht. Denn mit diesem, seit 1995 von ihm geprägten Ensemble feierte Christoph Werner seine größten Erfolge. Und den "Sturm" haben sie bereits 2002 (mit Traugott Buhre, gemeinsam mit dem Kölner Theater) einmal sehr erfolgreich gemeistert.

Herausgekommen ist ein opulenter, ein bildreicher Abend. Die Ausstattung ist toll, die Bühne eine dreistöckige dunkle Burg, in deren Hof Holzstege ein Wasserbassin queren. In diesem Gebäude vermutet man einen wahrhaft mächtigen Zauberer Prospero. Im Wasser stehen Kerzen, dezent wird Musik eingespielt, eine Windmaschine dreht sich, ein Blech erzeugt Donner – es werden die Mittel des Theaters bezaubernd genutzt. Schön auch die Kostüme: Prosperos Zauberermantel, die Tierköpfe der Inselelfen – märchenhaft! Rein äußerlich ist dieser "Sturm" ein großartiger.

Eine Regie-Konzeption, eine Interpretation, einen eigenen Zugang zum Stück allerdings sucht man vergebens. Das ist mehr als schade, denn streckenweise bereitet es fast Schmerzen anzusehen, wie beispielsweise Jörg Lichtenstein als Prospero seine Texte proklamieren muss, ohne mit einer Haltung oder wenigstens einem Charakter ausgestattet zu sein. Er macht es ordentlich, er macht es sogar gut, nur fehlt ihm, was der ganzen Inszenierung fehlt: die Motivation, uns diese Geschichte zu erzählen.

Figuren ohne Charakter
Er ist kein Träumer, kein Intellektueller, kein Rächer – er ist ein Mann ohne Eigenschaften. Nicht viel anders ergeht es Magda Lena Schlott als Miranda. Ihre Hochzeit mit Ferdinand (Peter Weiß) ist optisch ein Traum, ein kitschig-schönes Ritual bei Kerzenschein mit deftigem Kuß und (warum auch immer) splitternacktem Händchenhalten danach. Aber irgendwie hat man das Gefühl, sie entdeckt die Liebe nicht, sondern ihr passiert das einfach so.

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© Gert Kiermeyer

Schlimmer noch erwischt es Hilmar Eichhorn, der den Caliban mit der Ansprechhaltung eines Teletubbies zu jammern und zu winseln hat. Er ist kein wilder, triebgesteuerter "canibal", wie das Namens-Anagramm es andeutet, sondern eine lächerliche Figur, die wichtige Gedanken zu formulieren ohnehin nicht in der Lage ist. Nur die wirklich hartgesottenen Eichhorn-Fans konnten dieser Art von Komik einen Rest Respekt abgewinnen und gelegentlich schmunzeln. Wenn die Inszenierung wenigstens aufs Komödiantische ausgerichtet wäre! Ist sie aber nicht. Reinhard Straube und Joachim Unger als Trunkenbolde Trinculo und Stefano schaffen es nicht einmal, mit echten Wein-Flaschen und naturalistischem "Besoffen-Spielen" Stimmung in den Laden zu bringen. Und die Gestrandeten, die Mailänder und Neapolitaner? Sie werden ein paar Mal mit einem Schiff auf Rollen vorbeigefahren – auch das ein hübscher Einfall – und bleiben ansonsten ebenfalls blaß. Der Funke springt einfach nicht über, weil die Regie vor lauter Willen zur Form die Beschäftigung mit dem Inhalt vernachlässigt hat.

Riesige Puppenköpfe und Elfengesang
Noch eine Leerstelle: Shakespeares Sprache! In diesem Text stecken Sätze, die auf so viele Arten gesprochen werden und dennoch immer Wirkung erzielen können. In Halle tun sie es nicht. Zu viel wirkt aufgesagt, was, ganz nebenbei behauptet, die Schwächen der verwendeten Übersetzung von Jens Roselt ans Tageslicht bringt. Denn, ohne hier eine Übersetzungsdebatte anzustiften: "Wir sind aus demselben Stoff, aus dem auch Träume gemacht werden", beispielsweise hat weder Melodie noch Charme. Bei Shakespeare heißt es, "We are such stuff/ As dreams are made on". Am besten trifft es wohl B.K. Tragelehn mit seinem "Wir sind ein Stoff / Aus dem man Träume macht." Andererseits, am Übersetzer lag es nun wirklich nicht, denn mit demselben Text schaffte Corinna von Rad kürzlich in Weimar eine höchst lebhafte, vor allem sprachlich mitreißende Inszenierung. Eine, die Figuren interpretierte, die Prospero nicht als kulturbeflissenen Utopisten, sondern als Zyniker agieren ließ.

Ein solcher, wie auch immer gearteter Zugriff auf den "Sturm" fehlt in Halle komplett. Was den Abend rettet, sind die Ausstattung und die Mitwirkung des Puppentheaters. Die Puppen(schau)spieler mit ihren Tier- und riesigen Kinderköpfen agieren auf den Punkt, sie halten die Inszenierung ästhetisch zusammen. Und sie "liefern" mit Steffi König als Ariel die bedeutendste Leistung des Abends. Ihr elfenhafter Gesang sorgt für eine zauberhafte Grundstimmung. Er allein schafft einen Eindruck davon, was die "bezauberte Insel" aus Shakespeares "Sturm" auf der Kulturinsel für ein Ort hätte sein können. Man kann daher durchaus das Positive loben. Es war ein netter Abend, weniger als zwei Stunden kurz, ansehenswert und durchaus kurzweilig. Mehr aber war dieser "Sturm" leider nicht.

 

Der Sturm
von William Shakespeare
Deutsch von Jens Roselt
Regie: Christoph Werner, Dramaturgie: Bernhild Bense, Ausstattung: Angela Baumgart, Masken: Hagen Tip, Musik: Sebastian Herzfeld, Videos: Conny Klar.
Mit: Peer-Uwe Teska, Matthias Zeeb, Jörg Lichtenstein, Andreas Range, Peter Weiß, Stanislaw Brankatschk, Hilmar Eichhorn, Joachim Unger, Reinhard Straube, Karl-Fred Müller, Magda Lena Schlott, Steffi König, Nils Dreschke, Uwe Steinbach, Theresa Schafhauser Jorente, Kerstin Teska.

www.kulturinsel-halle.de

 

Einen anderen Shakespeare, Hamlet nämlich, inszenierte Christoph Werner in Halle 2008.

 

Kritikenrundschau

Andreas Hillger schreibt in der Mitteldeutschen Zeitung zu Christoph Werners "Sturm"-Inszenierung: "Generell muss die im Programmheft mehrfach wiederholte Feststellung, dass es sich hier um ein Märchen handelt, für den Verzicht auf alle psychologischen Einlassungen dienen. Alle Figuren sind, was sie sind – und man erfährt bestenfalls aus Erzählungen, wie sie dazu wurden." Das immerhin sei "plausibler als die pauschale Behauptung, dass es sich hier weder um eine Komödie noch um eine Tragödie handelt – was in der Konsequenz dazu führt, dass man weder das eine noch das andere Extrem zulässt." Der Wortwitz der Dialoge sei in Jens Roselts Übersetzung "ohnehin auf akademisches Niveau geschrumpft, angesichts vieler Eindeutigkeiten vermisst man schmerzlich den poetischen Doppelsinn früherer Deutungen." Für das Bleibende seien die Puppenspieler zuständig: "Unter Hagen Tilps phantastischen Masken entfesseln sie als Amphibien die Naturgewalten und treiben die Menschen in die Irre oder aufeinander zu. Als monströse Kinderschar zelebrieren sie Mirandas schöne Hochzeit mit dem braven Ferdinand und geleiten das junge, nackte Paar zum Brautlager. Hier wird die spielerische Freiheit gelebt, die den unmaskierten Darstellern fehlt. Die Larven sind lebendig, während sich die Menschen verpuppen."

 

 
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