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Totes Geld, so lebendig wie ein Alien

von Hartmut Krug

Berlin, 13. November 2010. Eine offene Bühne, voll gestellt mit Pulten. Zwischen all den Mikrophonen, Computern, der Leinwand und einem kleinen Tisch-Gewächshaus ist nicht viel Spiel-Raum. Und so wird nicht ein Verwandlungsspiel gegeben, sondern es werden mit vielerlei Material Erklärungsmuster vorgespielt. Zwei Mediatoren, daher kommend wie weißblonde Klone aus einem Alien-Film mit geklonten Kindern, hantieren zwischen einigen Pappfiguren (wie einer Killerbiene und einem Mars-Attack-Alien als Zettelwand), und zwei Referenten präsentieren uns mit Ausschnitten aus Filmen, mit Video-Statements und Zitaten von Wissenschaftlern und Politikern das Genre des vor allem amerikanischen Science-Fiction-Films als Metapher für das Geld, das wie ein Alien vom Menschen Besitz ergriffen hat.

In wenig mehr als einer Stunde erklären sie uns in "Money - it came from outer space" die Muster eines Genres und unserer Geldwirtschaft – die eine (Christiane Kühl) sachlich nüchtern auf Deutsch, der andere (Chris Kondek) zupackend und locker auf Amerikanisch schwadronierend, wobei er sich in seinem Erklär-Engagement gelegentlich leicht verhaspelt, von seiner Partnerin aber immer wieder elegant zurück geführt wird.

Bedrohungsmaterie aus dem Nichts
Diese witzig-intelligente Performance ist eigentlich ein sacht inszenierter Vortrag. Vorstellbar und wünschenswert, dass sie/er auch an der Uni im Filmseminar oder bei den Wirtschaftswissenschaftlern ihre Wirkung entfaltet. Denkbar, dass das nicht nur bei Attac, sondern auch in der Urania belebend wirken könnte. Science-Fiction-Filme handeln nicht von der Zukunft, sondern von der Gegenwart, und die empfundenen und erfundenen aktuellen Gefahren, von denen sie erzählen, sind meist der Kommunismus oder die Atombombe. Diese unverstandenen Gefahren kommen in Verkörperung von unbekannter Materie, als Monster und als Aliens daher.

Nur selten sind sie liebe, heimwehkranke E.T.s, fast immer aber todbringende, unbeherrschbare, aggressive Wesen, die in die Körper der Menschen eindringen, um ihn Besitz ergreifend zu beherrschen. Es ist sehr unterhaltsam, wie in der Performance die Etappen der Besitzergreifung mit Filmbeispielen definiert werden: eine Bedrohungsmaterie kommt aus dem Nichts, sie besitzt keine feste Gestalt, doch sie bewegt sich, sie wächst unaufhaltsam und greift auf den Menschen über, bis sie nicht mehr zu stoppen ist und außer Kontrolle gerät.

Absurde Begriffswaffen, Vampire & Präsidenten
Wie nun dieser Prozess und diese Funktionsweise auf das Geld als Alien übertragen wird, wirkt anfangs filmisch etwas bieder: Da sieht man auf Live-Bildern, wie im Tisch-Herbarium aus allerlei Samen und Blüten Geldstücke und -scheine gezogen werden, und aus einem zerschlagenen Ei rutscht ebenfalls ein Geldstück. Doch wenn die vorgetragenen Zitate und die vortragenden Fachleute mit Science-Fiction-Filmausschnitten kommentiert werden, wird der Abend wunderbar. Ganz nebenbei wird der Entwicklungsweg des Geldes von Münzen und Papiergeld bis zur Kreditkarte erklärt, bis Geld schließlich allein arbeitet und den Menschen und die Maschinen beherrscht, auch wenn es gar nicht mehr vorhanden ist.

Dazwischen gibt es natürlich Bilder aus dem tollem Film The Brain Eaters. Selbstverständlich wird Marx zitiert (das Kapital ist wie ein Vampir), auch Nixon (Wir lassen keine Spekulanten an unseren Dollar), vor allem aber erklärt Elmar Altvater absurde Begriffswaffen wie Wachstumsbeschleunigungsgesetz, Rettungsschirm und Schuldenbremsen und das verheerende Schuldner-Suchen des Geldes, das nach der Dritten Welt und den Schwellenländern nun die Staaten, die es und die Banken in der Krise gerettet haben, als neue Schuldner gefunden und gefangen hat.

Diese Performance ist beileibe kein inszenatorischer Geniestreich, aber sie gibt auf sympathisch unaufgeregte Art Erklärungsmuster. Die meisten wussten wir schon vorher, aber sie gewinnen in Verbindung mit den Science-Fiction-Filmausschnitten und der Alien-Metapher eine belebend neue Kraft. Egal, wie auch immer man den Abend nennt, ob Performance, inszenierter Videovortrag oder Medien-Theater, was zählt, ist, dass er durchaus anregend und unterhaltsam ist für den Zuschauer, der gern auch mal nach- und weiterdenkt.

 

Money – It came from outer space
Projekt von Chris Kondek und Christiane Kühl
Konzept/Regie/Video: Chris Kondek, Konzept/Dramaturgie/Text: Christiane Kühl, Bühnenbild/Kostüme: Sonja Füsti, Musik: Hannes Strobl.
Mit: Chris Kondek, Christiane Kühl, Marc Stephan, Hannes Strobl, Jutta Vanaga

www.hebbel-am-ufer.de

 

Der Performance- und Videokünstler Chris Kondek arbeitet auch für Regisseure wie Stefan Pucher oder die Choreografin Wanda Golonka. Zum Beispiel in Puchers Wiener Shakespeare Antonius und Kleopatra. Gemeinsam mit Christiane Kühl realisierte Kondek im März 2010 an den Münchner Kammerspielen den Abend Übermorgen ist zweifelhaft // 2012.

Ebenfalls um Aliens, Science-Fiction-Filme und Gegenwarts-Ängste dreht sich Stefan Kaminskis Live-Hörspiel Es kam von oben, das unlängst im Deutschen Theater zur Premiere kam.

 

Kritikenrundschau

Als "höchst erhellende Exkursion" bezeichnet Patrick Wildermann im Tagesspiegel (15.11.2010) die Performance von Chris Kondek und Christiane Kühl. "Wer die Börsen-Verwerfungen der Gegenwart verstehen will, so die These der Monetenforscher, muss die B-Movie-Schocker der Vergangenheit sehen. (...) Sie entdeckten darin Zustandsbeschreibungen unserer Kopflosigkeit angesichts der entfesselten Märkte". Kondek und Kühl stellten "in ihrer gewitzten Video-Vortrags-Performance nebst Interviews mit Wissenschaftlern das Geld als höhere Intelligenz vor, die uns als Wirt benutzt, aber in der nächsten Evolutionsstufe nicht mehr brauchen wird".

Doris Meierhenrich beschreibt in der Berliner Zeitung (15.11.2010) die Close-Up-Videobilder eines dadurch ins Gigantische gezogenen Gartenmodells – "eine gespenstische Wachstumshölle", ein "Wald geplatzter Blasen" – und erläutert dann: "Wir sitzen in der großartigen Performance 'Money' von Chris Kondek und Christiane Kühl, und es besteht kein Zweifel: Indem man diese Monstergemüsebilder sieht, blickt man direkt ins Herz der Gegenwartswelt, dessen außer Kontrolle geratener Lebenssaft nichts anderes ist, als das Geld. Kein Zweifel auch deshalb, weil diese äußerst durchdachte Bild-Textmontage so spielerisch vielgestaltig und dokumentarisch genau zugleich ist, wie kaum etwas, das man zu diesem Thema in den letzten Jahren sehen konnte."

"Bei allem Ulk und aller Kunst" habe Kondeks und Kühls Stück "einen Haufen Wissen geladen, den man gern mal wieder mitnimmt", meint Jenni Zylka in der tageszeitung (15.11.2010). "Einfach nur, um sich der Bedeutung von Geld auf ein Neues bewusst zu werden. (...) Wenn der Mehrwert dieses Stückes, das erratisch und dementsprechend unterhaltsam die Parallelen zwischen Geld und dem 'Fremden', dem Alien auslotet, sich im Prinzip auch in jenem Satz, der schon im Titel steht, erschöpft: Man fühlt sich beschwingt und bestätigt, wenn man nach dem kurzen Theatervergnügen das Bier zahlen will. Man hatte es ja immer schon geahnt. Die bösen Außerirdischen sind mitten unter uns. Sie lauern als Klimpergeld im Münzbeutel. Oder stehen in Rot und mit Minuszeichen davor auf dem Kontoauszug."

 
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