Stillleben einer tot gestellten Zeit

von Tobias Prüwer

Leipzig, 19. November 2010. "Und über dem Theater hin / Sieht man im schwärzlichen Gewimmel / Ein Kranichheer vorüberziehn. / ... Was ist's mit dem? / Was kann er meinen? / Was ist's mit diesem Kranichzug?" – Wie bei Schiller treten die Schreitvögel als seltsame Boten auf. Sie künden von Verlust und Raubbau an Erfahrungen, die man Sicherheit und Heimat nennt. Ihre behauptete Erhabenheit gedeiht zum Zerrspiegel des Menschen, der in "we are blood" in vielen Rollen, aber stets elendig auftritt. Ein Heimatstück, das nicht zwangsläufig in Ostdeutschland spielt.

Prolog: 1985, zwei Männer und Frauen in landschaftlicher Idylle. Sie spekulieren über ihre Zukunft, erzählen sich gegenseitig von ihren Lebensentwürfen in punkto Arbeit – als es solche noch für viele gab. Aber richtig nach Aufbruch sieht sich schon das nicht an. Plötzlich geht das nahe gelegene Kernkraftwerk in Flammen auf und verheißt eine glühende Landschaft.

Bleierne Melancholie, trostlose Normalität
Blühend jedenfalls sieht es 2008 am gleichen Ort keinesfalls aus. Eine allgemeine Niedergeschlagenheit hat sich breit gemacht, es herrscht bleierne Melancholie, der ganz und gar nichts Romantisches anhaftet. Das Leben im Umbruch ist Alltag geworden, freudig stimmt die trostlose Normalität aber niemand. Wie organisieren sich Menschen in solch einer Situation? Was bedeutet dieser in seinen Auswirkungen bis heute anhaltende Einschnitt für die sozialen Beziehungen?

Das untersuchten drei Jahre lang ein Verbund von wissenschaftlichen Instituten und das Maxim Gorki Theater Berlin (MGT) am Beispiel des brandenburgischen Wittenberge. Hier zog mit der Wende die nachindustrielle Ära jäh ein. Auf einen Schlag waren zahllose Menschen ohne Brotarbeit. Ein Drittel verließ die Stadt. Vier Autoren-Stipendiaten des MGT haben sich mit den Wissenschaftlern ausgetauscht und deren Beobachtungen in Stücken verarbeitet. Eins davon ist "we are blood" von Fritz Kater, dem Alter Ego des MGT-Intendanten Armin Petras, im Mai von ihm selbst an seinem Haus uraufgeführt.

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© R. Arnold /Centraltheater

Kein reines Ostphänomen
Leider ist der Textgrundlage absolut gar nicht anzumerken, welchem besonderen Arbeitsprozess sie entsprungen ist. Die andernorts reizvolle Unentscheidbarkeit zwischen Fiktion und Wirklichkeit kann nicht gemeint sein, wenn Wissenschaft behauptet wird. Über das hier bedeutungslose Prädikat "soziologisch überprüft" kommt der Text nicht hinaus. Allerdings, und das ist die gute Nachricht, tut das dem Text keinen Abbruch – "we are blood“ könnte vielerorts spielen, nicht nur in der Prignitz. Denn sie sind kein reines Ostphänomen, die menschlich ausgedörrten Landstriche ohne Perspektive für die Verbliebenen. Die Leipziger Inszenierung verleiht ihnen ein Antlitz, transportiert ihre Stimmung. Ob nun wahr oder wahrhaftig, das spielt keine Rolle.

Dementsprechend lose sind die Stränge der Handlung verbunden und Schwermut bildet den kleinsten gemeinsamen Nenner der Figuren, die diesen zerfaserten Abend aus Einzelepisoden geben. Da ist Ingenieur Tom (spießig-superb: Paul Matzke), der von einem boomenden Regionalzentrum und Autokino träumt. Fortschritt muss doch machbar sein. Tierschützer Rafael (mächtig-emphatisch: Manuel Hader) ist sein verzweifelter Kontrahent, der für die Kraniche sogar in den Hungerstreik geht. Aus Braunschweig zurückkehrend, muss sich seine Ex-Flamme Lisa (hinreißend hin-und -hergerissen: Melanie Schmidli) den Wegzug vorwerfen lassen, während sie sich um ihren Bruder Beni sorgt: Nach einem Autounfall liegt dieser mit schweren Kopfverletzungen im Krankenhaus, das sich mehr und mehr als zentraler Ort herausschält.

Anrufung des Totalen
Hier vegetiert auch ein todkranker Junge, der mal ficken, mal sterben will. Hier kreuzt sein von der Mutter verlassener Vater (schüchterner Stotterer: Hagen Oechel) den Weg einer Hilfskraft (beseelt-nüchtern: Sarah Franke), die im Prolog noch von der Journalistik träumte. Und der Chefarzt ist unfähig, einen Sinn in dem zu sehen, was er retten soll: das Leben. Hält das Blut diesen Käfig voller Loser zusammen, wie der Titel suggeriert? Verweist nicht der Doktor darauf, wenn er den individuellen Menschen verdammt und von einer Gemeinschaft doziert? Welcher Chor ist da gemeint, der sich über das Singuläre erheben soll? Kann diese Anrufung des Totalen etwas anderes sein als Blut-und-Boden-Fantasie?

Eine vollendete Lethargie durchzieht die Inszenierung, welche ohne große Regieeinfälle auskommt – und das ist nicht bösartig gemeint. Am Bühnenrand markiert ein Gestell die Grenze dieses trostlosen Tableaus. Hinter der Holzbalkenkonstruktion, die das Geschehen wie Fenster einrahmt, öffnet sich eine freie Bühnenfläche für das weit gefächerte Spiel. Dieses wird von souveränen Schauspielern gegeben, deren Figuren nachgerade das Gegenteil hiervon bilden. Getrieben manövrieren sie durch den losen Haufen von Geschichten. Mitunter hat es den Anschein, als spiele sich dieses Kaleidoskop im Geist eines Einzelnen ab, der nach Erinnerung sucht.

Real, irreal, schreißegal
Vielleicht ist das Ganze nur eine Kopfgeburt Benis, der seine Schwester nicht erkennt, als Zeitsoldat unbedingt Mullahs und Taliban bekämpfen will, aber den Test nicht besteht? Mutet die Bilderfolge nicht wie sein Kopfkino an, das auf der Bühne aus ihm heraus bricht, wenn er zu Metallicas "One" Luftgitarre spielt? Diese Fährte scheint Regisseur Sascha Hawemann, in der Regel auf die eingesetzte Musik sehr bedacht, jedenfalls zu legen, denn der Song handelt von einer Person, die nicht weiß, ob sie träumt oder wacht, nur einen tiefen Schmerz in sich als wirklich ausmachen kann. So könnte der mit sich ringende Beni das einigende Band hergeben – aber nur nach einiger Konstruktionsleistung des Zuschauers.

Real, irreal, scheißegal: Das Allerlei aus Straucheln und Scheitern, Fantasie- und Hoffnungslosigkeit, in dem jede Figur ohne Chance an der eigenen Biografie herumfrickelt, gerinnt zu einer Art Sittenbild, zum Stillleben einer tot gestellten Zeit: Heimat auf der Scholle. Wenn am Ende dieser emotionalen Wüstung die Schauspieler zum polyphonen Kranichchor einstimmen, der zum Klagelied der sich schindenden Kreatur Mensch anhebt, wird jeder Reality-Check unnötig.

 

we are blood
von Fritz Kater
Regie: Sascha Hawemann
, Bühne: Wolf Gutjahr
, Kostüme: Hildegard Altmeyer, Licht: Henrik Vorberg, 
Dramaturgie: Johannes Kirsten.
Mit: Sarah Franke, Manuel Harder, Benjamin Kiesewetter, Christian Kuchenbuch, Paul Matzke, Hagen Oechel, Emma Rönnebeck, Melanie Schmidli.

www.centraltheater-leipzig.de

 

Mehr lesen? Im Januar 2010 inszenierte Sascha Hawemann in der Box des Deutschen Theaters die deutsche Erstaufführung von Dennis Kellys Stück Taking Care of Baby.

 

Kritikenrundschau

Fritz Katers "we are blood" entpuppe sich "aus dem soziologischen Versuchsanordnungs-Kokon heraus zum tatsächlich wunderbaren Theaterabend", findet findet Steffen Georgi von der Leipziger Volkszeitung (22.11.2010). Die Zuschauer seien schnell gefangen "von einer Erzähl-Melodie, die nicht tönt, sondern ohne Hast von Szene zu Szene fließt". "Schwachstelle des Stückes" seien der Naturschützer und der Immobilienspekulant in ihren "arg akkurat ausgearbeiteten Gegensätzlichkeiten". Doch diese Konstruiertheit gerade bald in Vergessenheit, "weniger was, als vielmehr wie es hier gezeigt wird, überzeugt". Hawemann habe "ein feines Gespür für subtile Interaktionen, für das Inszenieren von Spannungen in Kleinigkeiten". Eben diese Art von "Genauigkeit" fehle "so verdammt oft" am Theater. Und ob dieser Genauigkeit könne man es sich auch leisten, "den Bezug zu Tschechow - ein Meister in Genauigkeit - zu suchen, wenn ein Zitat aus dessen 'Die Möwe' dezent wie ein Schatten durch das Stück huscht." Mit diesem "erstklassig austarierten Ensemble-Stück" zeige die Skala auch, "welches Schauspieler-Potenzial hier existiert". Das zeigt sich bis in die Schlussszene hinein: "Wie diese Menschen ihrem Dasein entfliehen, als Kraniche eins werdend im sich verdunkelnden Raum – das ist reine Poesie. Großartig."

 

 
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