Von Lebenslügen und anderen Feuchtgebieten

von Harald Raab

Mannheim, 20. November 2010. Spätestens seit Kurt Tucholsky und Loriot wissen wir: Männer und Frauen passen nicht zusammen. Das Autorenteam Theresia Walser und Karl-Heinz Ott setzen noch eins drauf: Mensch und Mensch, das kann nicht gut gehen. Ist natürlich kein brandneuer Stoff. Doch in ihrem aktuellen Stück "Die ganze Welt" finden sie eine ziemlich originelle Variante der Wer-hat-Angst-vor-Virginia-Woolf-Kampfzonen, Feuchtgebiete inklusive.

Für Theresia Walser sind aller guten Dinge drei – bei vier Auftragswerken des Nationaltheaters Mannheim eine hohe Trefferquote: "Ruhe vor dem Sturm" war ein exorbitanter Erfolg, Monsun im April immer noch ein beachtlicher. Nur Der Herrenbestatter in der vergangenen Spielzeit geriet zu einem etwas biederen Erzähltheater.

Allerweltswahrheiten, Wortwitz, Doppeldeutigkeiten

Jetzt hat die Autorin mit Karl-Heinz Ott zum Drive ihrer ersten beiden Mannheim-Produktionen zurückgefunden. In ihrem Zwei-Paar-Stück, wo in die verlogen-biedere Abschottung von Regina und Richard mit Tina und Dolf Menschen brechen, die alles durcheinanderwirbeln und die Offenbahrungsschleusen öffnen, ist alles im Doppelsinn ver-rückt. Die Beziehungen der Figuren, ihre Konstellationen im Bühnenraum, die Mono- und die Dialoge – die Sprache aus Wortwitz, Allerweltswahrheiten, kleine Wortschöpfungen, Doppeldeutigkeiten: Alles gerät etwas aus der Spur.

Wie in einem zerbrochenen Spiegel reflektieren sich die ramponierten Lebensentwürfe: Es geht um Lebenslügen, die man niemandem nehmen soll, will man ihm nicht seine Hoffnung auf ein bisschen Glück rauben. Es geht also auch um Glücksvorstellungen, ums Verschweigen von Realitäten und vom großen Crash, wenn die nackte Wahrheit nicht mehr bemäntelt werden kann. Burkhard C. Kosminski, Schauspielchef in Mannheim, entfaltet den gebrochenen Beziehungskosmos in einer Atmosphäre des ewig gleichen Kommunikationsgetues, aber auch der Wutausbrüche aus Nichtverstehen und Nichtverstandenwerden. Man redet miteinander, doch wenn es ernst wird, immer aneinander vorbei.

Monströser Parkettmusterstreifen

Für den Gefühlshaushalt der beiden Paare, die zum Nahkampf mit Schattenboxen und Seelenstriptease antreten, bietet Florian Ettis Bühne viel Symbolisches: im Vordergrund ein an beiden Seiten hochgezogener monströser Parkettmusterstreifen, im Hintergrund schwarze Aushänger mit einem himmelblauen Boden. Vorne vier Stühle mit Regina und Richard frontal zu den Zuschauern, hinten im Bodennebel auf Stühlen Tina und Dolf.

Lächerliche Figuren, arme Tröpfe spielen dieses Spiel, in dem es keine Gewinner, nur Verlierer gibt. Die Macht der Gewohnheit ist der Kitt, der alle beieinander hält. Kosminski choreographiert das Aufeinanderprallen der beiden Paare wie eine Laborsituation zwischen Typenklischee und Charakter, aber immer konzentriert auf die Sprache. Alles fließt, alles zerfließt.

Sabine Fürst, Irene Kugler, Ralf Dittrich und Sven Prietz loten Sprache und Rollen mit hoch konzentriertem Einsatz aus. Und demonstrieren so, was Theresia Walser über ihre Arbeit sagt: "Alles kommt aus dem Leben und verweist wieder auf das Leben, am allermeisten das, was wir als grotesk empfinden."

 

Die ganze Welt (UA)
von Theresia Walser und Karl-Heinz Ott
Regie: Burkhrad C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüme: Ute Lindenberg, Dramaturgie: Ingo Brux.
Mit: Irene Kugler, Ralf Dittrich, Sabine Fürst und Sven Prietz.

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Mehr zu Inszenierungen Burkhard C. Kosminskis finden Sie im nachtkritik-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"Theresia Walser und ihr Mann Karl-Heinz Ott haben mit ihrem in Mannheim uraufgeführten Stück 'Die ganze Welt' qualitativ abgeschwächt jene illustre Autoren-Reihe fortgesetzt, die das immer wieder publikumswirksame Martyrium der Zweisamkeit ausgiebig beschwört", meint Alfred Huber im Mannheimer Morgen (22.11.2010). "Ein Alptraum (was sonst?), der zündet, voller Wahn und Tücke, von Burkhard C. Kosminski einfühlsam und souverän für das Schauspiel des Nationaltheaters inszeniert." Kosminski habe dazu "keine existenzielle, alles zerfetzende Zimmerschlacht veranstaltet (das gibt der Text an psychologischen Schärfen auch nicht her), sondern klug und mild gesonnen im Seelenwirrwarr der Figuren herumgerührt."

Bald schon gehe es "drunter und drüber in dieser Zimmerschlacht, die dem Muster von Edward Albees 'Wer hat Angst vor Virginia Woolf?' folgt", schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (22.11.2010). "Ein Remake, das den Vergleich mit dem Klassiker der Moderne nicht zu scheuen braucht, weil das Gespann Walser/Ott im Verein mit dem regieführenden Schasuspieldirektor Burkhard C. Kosminski ganz eigene Akzente setzt." Walser/Ott lüden ihre Dialoge "mit morbider Komik auf und laben sich an grotesken Situationen". Inwieweit man den Worten der Paare trauen könne oder der allgegenwärtige Selbstbetrug Methode habe - das seien Fragestellungen, mit denen die Autoren spielten, "die jedoch - anders als bei Albee - nicht im Verlauf des Stücks geklärt werden." Ähnlich wie bei Albee wirkten "die sexuell aufgeladene Stimmung, die latent brodelnde Gewaltbereitschaft oder die galligen Worte Reginas, die Tina als 'Befruchtungsziege' und 'Unterleibsbauernhof' beschimpft".

Die Dramaturgie des Stückes folge der Enthüllungs-Strategie von Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf ?", schreibt Peter Iden (Frankfurter Rundschau, 23.11.2010). "Die vier Figuren bleiben allerdings in der Zeichnung doch eher flach, die Radikalität ihrer Offenbarungseide ist sehr forciert, plötzliche Ausbrüche schaffen noch keine Charaktere." Burkhard C. Kosminski haben den "Mangel an Tiefe auszugleichen versucht, indem er die zappeligen Tina und Dolf (...) aus dem Bodennebel eines leicht abgesenkten Teils der Bühne (...) aufsteigen lässt, als kämen sie auf den Spielort der Vorderbühne wie aus einer fernen Vergangenheit. Waren die Älteren vielleicht einmal wie die Jüngeren?".

"Die ganze Welt" sei eine "ausgesprochen unterhaltsame Komödie, auch wenn die Gegensatz-Paare von emotionaler Verstopfung und schmatzendem Nudelsalat, plappernder Naivität und grimmigem Sarkasmus ziemlich vorhersehbar sind und dem Stück am Ende mangels Fallhöhe die Luft ausgeht", schreibt Martin Halter (FAZ, 25.11.2010). Burkhard C. Kosminski könne sich daher "ganz auf die Konversations- und Typenkomödie mit vier Stühlen beschränken. Das ist auch gut so." Nicht nur, weil Walser und Ott allergisch gegen Regisseurstheater sind: "Was Kosminski und seinem Bühnenbildner Florian Etti sonst noch eingefallen ist (...) trägt weder zur Erheiterung noch zur Vertiefung bei."

Auch Jürgen Berger fühlt sich in der Süddeutschen Zeitung (26.11.2010) an Albees "Virginia Woolf" erinnert: "Bei Regina und Richard müssen allerdings gleich zwei fiktive Nachkommen in der Blüte der Jugend sterben. Als Richard die Phantasiezöglinge auch noch beim Namen nennt, ist Regina im Innersten getroffen. Die Paartragödie nimmt ihren Lauf, aber schon beim Lesen hat man den Eindruck, der folgende dritte Akt sei nur geschrieben worden, weil jeder dramatische Text nun mal ein Finale braucht." Deshalb habe Kosminski einen schweren Stand: "Im Gegensatz zu seiner letzten Beschäftigung mit Theresia Walser, der misslungenen Uraufführung von 'Herrenbestatter', überzeugt sein karger Stil dieses Mal aber schon alleine deshalb, weil Irene Kugler aus der Regina eine schön sarkastische Bittermandel und Ralf Dittrich aus dem Richard einen abgebrühten Wohnzimmer-Existenzialisten machen." Nur der letzte Akt, der sei "lediglich ein Spiel mit wortmusikalischen Wendungen aus dem ersten Akt, was Irene Kugler und Ralf Dittrich dann noch tapfer abwickeln".

 
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