Abstieg ins Erklärbare

von Nikolaus Merck

Berlin, 1. Oktober 2007. Man muss gar nicht an den Film denken. An Lars von Triers Passionsgeschichte, in der Emily Watson als Bess sich aus Liebe für ihren gelähmten Mann prostituiert und umbringen lässt. Daran kein Gedanke. Nein, man muss stattdessen an die Landrätin Pauli denken, die der Ehe eine Haltbarkeitsdauer von höchstens sieben biblischen Jahren einräumen möchte.

Man muss an die Supermarktketten denken, die das "Sonntags geschlossen" kidnappen und ihrer Profitmaximierung opfern wollen. Man muss an alle Ökonomisierungs-Ritter denken, die die letzten Wetterwinkel unseres Daseins ihrem Kosten-Nutzen-Kalkül unterwerfen wollen. Gerade so, das Irrationale, die große Liebe, den Glauben klein und fern haltend, geht das Theater hierzulande mit allem um, was nicht in die Vollkasko-Mentalität unserer Gegenwart passt. Wogegen keine Assekuranzen-Police schützt, das muss ich totschweigen.

Breitwandgefühle im MP3-Format

"Breaking the Waves" im Maxim Gorki Studio vom Lars von Trier-Spezialisten Christian Lollike inszeniert, funktioniert nach diesem Muster. Die großen Gefühle werden in kleine Tollereien, der Glaube in graugesichtiges Herumgesitze verzwergt. Wie geht das vor sich? Wenn etwa der Pfarrer, der wie ein ausgedörrter steinerner Gast das ganze Spiel über an seinem Tischchen sitzt und mit kleinen zustimmenden oder ablehnenden Gesten den Bühnenverkehr regelt, Bess, die Hauptperson, fragt, was die Fremden jemals der Fundamentalisten-Gemeinschaft, in der Bess aufwuchs, Gutes gebracht hätten, - wenn sie dann herausjubelt: "Die Musik!", dann tritt todsicher einer auf, wirft sich in Pose und singt ein bissel Beatles, Elvis und The Platters: O-ho-nly you-hu-hu.

Na klar. Der Mann IST Musik. Ist er sonst noch was? Gibt es etwas an ihm, woran sich Bess' Liebe wiedererkennt, worin sie sich festkrallen könnte? Wir wissen's nicht und werden’s auch nie erfahren. Denn der Mann präsentiert sich als Abziehbild. Das hat das Theater aus ihm gemacht. Der Rock'n Roll sprengt den bigotten Dorfclan. Also reicht es für uns zu wissen: Bess ihr Jan ist Rock’n Roll.

Gott ist tot, Elvis auch

So hat das Theater aufgehört zu spielen, es deutet nur noch an. Die Umrisse füllen wir mit unseren Malstiften dann selber aus. Mit Bess selbst steht es nicht anders im Gorki Studio. Mit wildfremden Männern vögeln, um den eigenen Mann vorm Tod zu erretten, heißt die Passion, die von Trier seiner heiligen Bess aufgeladen hatte. Warum überhaupt einen Stoff, der durch Handkamera, Großaufnahmen, surreale Einfärbung des Filmmaterials und all die anderen kleinen und großen Kniffe des Dänen suggestive Wirkung entfalten konnte, ausgerechnet in die kleine Gorki-Bühne stopfen?

Breitwandfilm im Schnupfdöschen in der Damenhandtasche, Kinders, was soll das? Aber sei's drum. Nur – irgendwo, bei irgendjemandem in dieser Veranstaltung müsste der an Wahnsinn und Übersinnlichkeit grenzende Liebes- und Glaubensfuror zu Hause sein. Dann kann es nicht angehen, sieben Tische auf die Bühne zu stellen, ein wenig herumzualbern und die eindringlichsten, weil grausamsten Stellen dem Vortrag der Christin König zu überlassen, in deren Faltenrock-Strickjäckchen -und-Schwesternhäubchen-Figur der Bess-Schwägerin als einziger überhaupt so etwas wie das Unausgesprochene, das Nicht-bloß-Abziehbildhafte aufscheint.

Welche Leidenschaft gibt das Leben her?

Es hilft auch nichts, den nach einem Unfall gelähmten Jan wie eine bandagierte Schweinehälfte an einer Stange aufzuhängen und wie einen Vorhang hin und her zu ziehen. Das ist höchstens witzisch. Ein tieferes Schürfen des Spiels ermöglicht es nicht. Auch Hannah Eichel als Bess bleibt, von der Regie von vornherein auf verlorenen Posten gestellt, blond und jung und bis zuletzt im Frühtau gebadet. Der heilige Irrsinn einer Dauer-Unterredung mit ihrem Gott? Ihre zuständige Krankenkasse hat ihr dringend davon abgeraten.

So geht der Abend dahin, mit Torte im Gesicht, Sperma-Milch und zuletzt einer grauenvollen, detailliert vorgetragenen Folter-Szene. Bloß von Gott und der Liebe, vom Glauben und der Leidenschaft, die das eigene Leben hergibt für ein anderes, will man hier so wenig wissen, dass der Berichterstatter am liebsten zu Peter Stein und seinen Stadelheimern übergelaufen wäre.

 

Breaking the Waves
von Vivian Nielsen nach Lars von Trier (deutsch von Maja Zade)
Regie: Christian Lollike, Bühne: Ulrike Siegrist, Kostüme: Irene Ip.
Mit: Hanna Eichel, Nicolas Rosat, Cristin König, Tim Hoffmann, Max Simonischek, Ulrich Anschütz.

www.gorki.de

Kritikenrundschau

In der Berliner Zeitung (4.10.2007) kritisiert Dirk Pilz die Lars-von-Trier-Inszenierung am  Maxim Gorki Studio heftig. Wenn man den Glauben nur belächeln könne, bräuchte man "Breaking the Waves" nicht auf die Bühne zu bringen. Der dänische Regisseur Christian Lollike hätte "weder die Figuren noch deren Konflikte ernst genommen". Hanna Eichels Bess sei ein "undifferenziertes Irgendwas", und auch sonst werde man bloß Zeuge "anfangs noch gewollt komischer, später unfreiwillig alberner Rollenvollstreckungsspieler".

Von Herzen der gleichen Meinung ist Christine Wahl, von der in der taz (4.10.2007) ein Übersichtsartikel zu Lollikes Arbeit als Autor und Regisseur in Deutschland erschienen ist. Sie verspürte im Gorki Studio einen dringenden "Wegzappdrang", weil alles so "klein und klar" war. Hanna Eichel erscheint ihr wie ein "aus der Zeit gefallener Backfisch."

Etwas milder Andreas Schäfer im Tagesspiegel (4.10.2007). Der Film sei "verzwergt" und die "Gefühle so lange in die Eingeweide zurückgepresst" worden, "bis die Gesichter grün anlaufen". Ein "verdruckstes Standbild" reihe sich an das nächste. Hanna Eichel als Bess mische etwas Ironie in die Hingabe: "Sie schreit, rennt, flüstert in glühendem Glauben und gibt schließlich die verzweifelte Verführerin, pseudosexy mit den Hüften kreisend. Es ist zu keiner Sekunde peinlich. Es geht einen aber auch nichts an." Einzig wie Nicolas Rosat als Ehemann Jan nach seinem Unfall im Ganzkörperverband von der Decke baumele, berühre als Bild.

Irene Bazinger in der FAZ (4.10.2007) berichtet ganz anderes: Man könne einen Abend erleben, der "ganz gelassen von der Macht der Bilder erzählt und von der Kraft der Worte und vor allem davon, wie sich eine Geschchte aufbauen, entwickeln, übermitteln lässt." Lollike prüfe in einer "leidenschaftlich kühlen Versuchsanordnung", ob die "an die Grenze des luxuriösen Edelkitsches aufgeblasene Fabel um Liebe, Gott und Opfertod" auch unter reduzierten Bedingungen funktioniere. Und das sei der Fall. Er hätte "mit sicherem Formgespür" "szenisch ebenso einfache wie klare Korrespondenzen zum suggestiven Gefühlspathos der Vorlage gefunden."

 
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