Kimonos auf dem Rummelplatz

von Sabine Leucht

München, 27. November 2010. Diesmal ist es die Meinung, die zuhause bleiben soll. Nicht unbedingt naheliegend, nimmt man den Titel - "XY Beat" - und die Location der neuen Pollesch-Uraufführung, die aussieht wie ein Disco-Ballroom aus den siebziger oder achtziger Jahren, als Setzung ernst. Oder vielleicht gerade doch? Ihn fasziniere "die Mischung aus Glamour und Schäbigkeit", gab Bert Neumann vor der Premiere an den Münchner Kammerspielen zu Protokoll, "diese grellen Netzhautreize durch Licht und Flitter und die unverhohlene Täuschung, die man auch auf dem Rummelplatz findet." Und Meinungen, heißt es in Polleschs Textkonvolut, "sind nur etwas für die Anhänger dummer Wahrheiten" - Während Klatsch und Tratsch etwas für kluge Lügner seien.

Dahinter steckt also immer ein kluger Kopf

Neumann ist es, der den Kammerspiele-Werkraum entkernt hat. Statt Zuschauertribünen gibt es nun an drei Seiten des Raumes je zwei Stufen, auf denen gesessen wird, reflektierende Wände, wie mit silbernen Sternen gekachelt, viel lilafarbenen Teppich, eine erhöhte "Tanzfläche" im Zentrum und hinter ebenfalls lila Vorhang eine nicht eben tiefe Bühne.

Und Polleschs Schauspieler sind natürlich überall. Vor allem Fabian Hinrichs, der einmal mehr den Protagonisten gibt in Polleschs darstellungsabstinentem Theater: Der sitzt erst im Publikum, streift immer fiebriger herum, lässt sich zappelnd und zuckend fallen, singt Schnulzen und verteilt Kaffee. Und anfangs, sehr langsam, als habe er Begriffsstutzige vor sich, führt er ein in "den Theaterabend schlechthin", der seine Besucher "ungemeinungt wie das Gretchen" entlassen wird. "Unser totalitäres Herz wird endlich wieder höher schlagen! Heute abend!" Vorsicht: Sprengstoff!

Wahrheit, Lügen, Lebensbeichten

Hinrichs ist auch in München Hinrichs, mit erhobenen Armen und hin und wieder geballten Fäusten, zwischen Geisterbeschwörer, Prediger und Dirigent changierend. Und Pollesch ist immer Pollesch, verbeißt sich in ein Thema oder in ein Bündel von Begriffen, bis diese vor Schreck Nonsense-Funken sprühen, Metaebenen erklimmen (oder frech behaupten) oder schlicht im unvermeidlichen Sprechgeschwindigkeitsrausch verloren gehen. Dabei nimmt er immer viel Fremdtext mit an Bord. Diesmal hat Pollesch einen herzigen Songtext von Otto Reutter aus den zwanziger Jahren ausgegraben ("Der Überzieher") und harrt überraschend und enervierend lange bei der Lebensbeichte der HIV-infizierten, alleinerziehenden Ex-No Angels-Sängerin Nadia Benaissa aus.

Das Meiste davon ist banal, vieles Andere redundant, sieht aber auch in der dritten Münchner Arbeit des sich manisch verschwendenden Regisseurs wie eine irre Schauspieler-Gaudi aus. Und wenn Hinrichs im Mittelteil des etwa eineinhalbstündigen Abends Benny Claessens, Katja Bürkle und Silja Bächli in einem imaginären Treppenhaus trifft, dreht die Spaß-Maschinerie richtig schön rund und reißt Charaktere an, die Frau Knoop, Herr Brummer und Frau Bolt heißen.

Noch ungenauer als die Meinung

Diese üben sich gemeinsam im Klatsch und Tratsch, weil "dessen Ungenauigkeit noch unter der der Meinung angesiedelt ist", schweifen dabei aber auch zu Adorno, Darwin, neuesten Ergebnissen der Gedächtnisforschung und einem Vergleich von Peter Stein mit Adolf Hitler ab und tragen eine Auswahl bunter Kimonos. Offenbar weil man auch so untotalitäre Meinungsvielfalt demonstrieren kann.

Ob man Pollesch inhaltlich besonders ernst nehmen muss, diese Frage erübrigt sich fast angesichts der Unmöglichkeit, ihm zu folgen. Deshalb lacht es sich manchmal zu leicht in diesem Theater, das einen qua Geschwindigkeit vom Verstehenmüssen und der Verantwortung für inhaltliche Implikationen entbindet. Und auf alle Fälle lacht man über Sätze wie "Wenn sie hier noch einmal ihre Meinung sagen, dann können sie was erleben, sie alte Krawallschachtel sie!" nicht eben über Niveau. Auch wenn man selbstgewiss wähnt, man lache eigentlich über die vermeintlichen Untiefen darunter.

Auf dem Off-Broadway gelandet

Während Bächli und Bürkle ihre Verbalkaskaden so leichthin hervorschießen lassen wie sie auf ihren High Heels stöckeln können, werfen Hinrichs und Claessens ihre ganze Existenz als Gegengewicht hinein. Der junge Belgier, einer der vielversprechendsten Neuzugänge in Johan Simons' Münchner Ensemble, bebt am ganzen schweren Körper, wenn er mit strassbesetzter Jacke atemlos hervorsprudelt: "Ich glaube, wir sind hier in ein Off-Broadway-Stück geraten."

Seine unverhältnismäßige Verzweiflung darüber lässt einen Moment lang etwas so Kitschiges wie menschliche Wahrheit aufscheinen. Derweil Pollesch seine Crew noch zum Schlussapplaus in glitzernde Discofummel steckt und also mit dem falschen Glamour des Rummelplatzes abgehen lässt. Wahrscheinlich (wieder) meinungslos.

 

XY Beat (UA)
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Nina von Mechow, Licht: Björn Gerum, Dramaturgie: Matthias Günther.
Mit: Silja Bächli, Katja Bürkle, Benny Claessens, Fabian Hinrichs.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Mehr zu René Pollesch gibt es im nachtkritik-Archiv.


Kritikenrundschau

"Es war insofern ein typischer René-Pollesch-Abend, als man hinterher keinesfalls hätte sagen können, worum es ging, sich aber intelligent unterhalten fühlte und zu wissen glaubte, dass die knapp neunzig Minuten Antitheater auf angenehm diffuse Art zeitgemäß und wahrscheinlich sogar subversiv gewesen waren", schreibt Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (29.11.2010). In Fabian Hinrichs besitze der Abend einen "irrwitzigen Protagonisten der Entschleunigung", der mit Diedrich-Diederichsen-Thesen gegen "die lähmende Relativität des Meinungspluralismus" angehe und dabei Klatsch als "Guerilla-Sprech" und "Einfallstor in den Anarchismus" aufwerten wolle. Ob und inwieweit dieses anarchische Programm tatsächlich theoretisch tief gegründet ist, lässt der Kritiker mit vernehmbarem Zweifel offen: "Dass der Abend so wirr gedacht ist wie schludrig gemacht, muss man wohl schon als Anarchie verbuchen. Wenn der Wahnsinn systemkritische Methode hat, hätte man ja zumindest nicht unter Niveau gelacht."

"Viel intellektueller Nährwert im Detail, der sich aber nicht zum theatralen Ganzen fügt, sondern amüsantes Stückwerk bleibt", so resümiert Barbara Reitter auf dem Schwäbischen Onlineportal tagblatt.de (29.11.2010) den Abend. Pollesch liefere mit Diederichsens Theoriewerk "Sexbeat" eine "schwere philosophische Kost". Jedoch: "Ein Glück, dass die vier Schauspieler auch allerhand Nonsens in die kryptischen Sentenzen, die sophistischen Betrachtungen und verschwurbelten Stories bringen."

Polleschs Stück sei diesmal "ungewöhnlich nett", findet Astrid Kaminski von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.11.2010): "kaum ein Sforzato aufbegehrender Restidentitäten; keine Kraftausdrücke; nur wenig Schlagwörtersprache und wenn, dann zum Auswendiglernen einfach". Die beiden durch Hinrichs performten Teile der Szenentrilogie könnten "sogar von Leuten mit langsamen Synapsen Wort für Wort verfolgt werden", er vermittle dem Publikum "wie ein engagierter Ratgeber-Autor auf Vortragsreise" das Grundthema des Stücks, demnach Meinung ("Ausdruck der so ausdauernd attackierten pluralistischen Unverbindlichkeit") durch Tratsch ("höchste Steigerungsform der Ungenauigkeit") überwunden werden solle - "Quacksalber-Theorie". Wenn Hinrichs später in der "Klatsch-Praxis" "mit seinem asketischen Bubenkörper und deklamatorischen Händen" das Nadja-Benaissa-Interview covere, schaffe er es "beinahe vergessen zu machen, dass im Pollesch-Subtext jetzt gerade der Abgesang auf den Pop stehen dürfte", während "im Publikum die meisten Herzen gefährlich auf Illustriertenhöhe schlagen" dürften. Im Ensemble-Part solle dann eine Treppenhausgemeinschaft "die Anwendung der Klatschtheorie" üben, bleibe aber "immer wieder an der Selbstreflexion, sprich: Meinung, hängen".

Eine Handlung werde "durch den Meinungszwang verhindert", schreibt Wilhelm Hindemith in der Frankfurter Rundschau (Printausgabe: 2.12.2010). Auch das "Geschwätz im Treppenhaus" führe nicht aus der Hölle des Alles-Beurteilen-Müssens heraus: "Man trägt alles vor sich her, wie verbales Alltagsgeschirr. Denn worüber nicht geredet werden kann, darin könnte wirkliches Leben vergraben sein." An den Müchner Kammerspielen "erhalten die trivialsten Sätze den Glanz der Kunst. Hier avanciert das Kabarettistische zum Kulturpriestertum. Und wenn die Akteure Adorno, Darwin oder die neue Hirnforschung zitieren, erlangt schludrige Schauspielerei zwinkernde Zweit-Bedeutung."

 

 
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