Die Heile Welt und ihre Enttarnung

von Sarah Heppekausen

Bochum, 2. Dezember 2010. Im Programmheft ist ein Probentagebuch abgedruckt. "Viel Freiheit, viel Unsicherheit" steht da unter Tag eins "Bauprobe". Wobei von einer Bauprobe wohl kaum die Rede sein kann, weder ein Bühnenmodell noch ein Kostümentwurf lag bei diesem ersten Treffen vor. Denn Autor und Regisseur Jan Neumann hat sich für eine Erarbeitung des Stücks erst während der Proben und gemeinsam mit dem Ensemble entschieden. Am Anfang gab es nur das eine Wort: Hochstapeln. Das hat es dann allerdings auch bis zum Titel geschafft.

Mein Haus, mein Mann, mein Jura-Studium

Neumann ist erprobt in der Stückentwicklung, praktizierte sie zum Beispiel in Frankfurt ("Kredit", 2008), Stuttgart ("Fundament", 2009) und Dresden ("Gott allein", 2010). Im Bochumer Theater Unten führt das assoziative, akkumulierende und improvisierende Verfahren zu einer gedankenvollen Ansammlung von Selbstbetrügereien und Fassadenaufbauten. Abgedeckt wird ein weites Spektrum zwischen Angeben und Täuschen, zwischen Hochstapeln und Tieffallen.

Anlass der Trumpfausspielereien sind Abitreffen. Alle zehn Jahre (bis 2033) kommen sechs einstige Schulkameraden in der alten Heimat zusammen. Und jeder zieht sein Ass aus dem Ärmel. Sabine die Fotos von den Kindern, Johannes seine Weltreise, Reinhard sein erfolgreich abgeschlossenes Jura-Studium. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt werden die Kinder mehr, die Autos größer und die Fallhöhe der Entlarvten tiefer. Maike hatte die Liebe vorgetäuscht und wurde vom Verschmähten vergewaltigt. Pfarrer Michael hat längst den Glauben verloren, Asien-Arndt sein Kapital.

Drehbühne, Windwunderkiste, Spiel der Illusionen

Das sind die anderen Seiten der Geschichten, die wahren Gesichter dieser grinsenden Köpenickianer. Davon erfährt der Zuschauer nicht in der Rahmenhandlung, sondern durch Rückblenden. Denn Neumann beschränkt das Thema nicht nur auf die inhaltliche Ebene, er präsentiert auch die Form selbst als Hochstapelei. Dafür fährt er das volle Programm der Illusionsmaschinerie auf - Drehbühne und Windmaschine, Live-Kamera und Diaprojektion - und positioniert Souffleuse, Maske und Ton gleich mit im Bühnenbild von Thomas Goerge.

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Posieren für die Kamera: Hochstapeln in Bochum
© Diana Küster

Theater und Film entblößen ihre Täuschungsmittel und den Schauspielern lässt sich beim Verfertigen ihrer Figur während des Spiels zuschauen. Sie improvisieren Texte und verändern ihr Aussehen. Sie tragen nicht mehr als Perücke und hautfarbene Wattons, ihre Polster werden mit den Jahren allerdings immer dicker, bei der einen der Po, beim anderen der Bauch (Kostüme Nini von Selzam). Sie blicken in die Kamera und sprechen ins Mikro als wären sie sich ihrer Lebenslüge permanent bewusst. Mediale Verstärkung rühmt den Hochstapler.

Schnell verstandene Konstruktion

Es gibt erheiternde Szenen wie das Trauergespräch beim Pfarrer im Loriot-Stil, bestechend formulierte wie das Outing des Politikers im TV-Studio - er outet sich als schwul und als jemand, der nicht jede Frage beantworten kann - und bedrückende Szenen wie die in Nahaufnahme projizierte Vergewaltigung. Nur tragen ein paar gute Ideen und durchaus tolle, engagierte Schauspieler nicht über den mehr als zwei Stunden dauernden Abend.

Die Konstruktion ist viel zu schnell begriffen, die Figuren meist auch. Amüsante Karikaturen sind das, selbst ihr Fall bleibt oberflächlich. "Hochstapeln" ist eine Assoziationskette, deren Glieder beim richtigen Licht auch mal leuchten können, der aber ihr Verschluss abhanden gekommen ist, ohne den eben nichts hängen bleibt. "Die Wahrheit ist die Lüge von morgen", sagt Erst-Jurist-dann-Politiker-Reinhard im Stück. Vielleicht ist der Zuschauer sich dessen einfach schon zu früh bewusst.

 

Hochstapeln (UA)
von Jan Neumann
Regie: Jan Neumann, Bühne: Thomas Goerge, Kostüme: Nini von Selzam, Video: Matthias Lippert, Dramaturgie: Anna Haas.
Mit: Friederike Becht, Matthias Eberle, Barbara Hirt, Dimitrij Schaad, Krunoslav Šebrek, Daniel Stock.

www.schauspielhaus-bochum.de

 

Mehr zu Jan Neumann gibt es im nachtkritik-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"Keine Frage, ein toller Abend mit sechs tollen Schauspielern, " schreibt Stefanie Stüber beim Online-Portal Der Westen (4.12.2010). Auf der Bühne: ein ganzer Technikpark, unzählige Mikros, Bildschirme, Vorhänge, die als Leinwände dienen. Geordnetes Durcheinander, man fürchtet eine Materialschlacht. Ein Klassentreffen bildet die Ausgangsszene des Textes. Sechs alte Freunde treffen sich im Abstand von zehn Jahren immer wieder, bis sie alt und grau sind." Allerdings erscheint der Kritikerin dieser "atemlosen Reigen der Verfremdung und der Brüche" stellenweise zu konstruiert, so dass das Konzept ihrem Eindruck zufolge stellenweise den Abend erdrückt.

Nicht so recht auf dem Punkt kommt der Abend für Christiane Enkeler vom Deutschlandfunk (3.12.2010). Denn zwischen den Klassentreffen-Szenen, "die alle ein schönes, glattes Leben vorgaukeln, zeigen sich die Figuren in einzelnen Spiel-Szenen". Dort aber komme es immer wieder "zu nicht enden wollenden Ausbrüchen, die allerdings jede Emotion durch schiere Dauer in den ästhetisch recht unfruchtbaren Leerlauf treiben." Das zieht den Abend aus Sicht der Kritikerin sehr in die Länge. Wenn aber die Inszenierung Lücken in den Inszenierungen der Protagonisten spürbar mache, habe sie auch sehr starke Momente.

Der 35-Jährige Jan Neumann habe eine offene Arbeitsform entwickelt und schreibe die Texte mit den Schauspielern während der Proben, berichtet Stefan Keim (Frankfurter Rundschau, 8.12.2010). Das habe zu bei Fundament im letzten Jahr am Stuttgarter Staatsschauspiel "grandios geklappt, weil Neumann mit Religiosität und Fanatismus ein packendes Thema und eine tolle Raumidee hatte. Beides fehlt nun in Bochum". Der Abend habe "ein paar überraschende Wendungen und ist vergnüglich, bleibt aber in den Grenzen des Kabaretts stecken".

 

 
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