Wenn der Sturm gefriert

von Marcus Hladek

Frankfurt, 3. Dezember 2010. "Und IHR schweflige gedankenschnelle BLITZE, spaltet meinen Körper! ... Schleusen des Himmels und ORKANE, SPEIET!" So donnert, wettert, wetterleuchtet es in Frankfurt - doch nur in dicken Lettern auf der ersten und letzten Seite des Programmhefts. Deren produziert die deutsche Dramaturgenzunft ja die weltbesten, wie Heiner Müller süffisant bemerkte.

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Michael Abendroth als König Lear
©Birgit Hupfeld

Zu schade, dass sich der tosende Wille zum Erhabenen und Ungeheuren, das Zerbrechen der Sprache unter dem Druck entmenschenden Leids, mit der Druckerschwärze verbraucht hat. Den Weg auf die Szene findet das nämlich nicht. Das ginge noch an, gäbe es nur einen kometenhaften Ersatz, eine Lösung ganz anderer Art, doch die bietet Günter Krämer ebenso wenig. Ausgenommen die eher punktuell ansehnlichen als tragenden Darstellerleistungen von, in dieser Reihenfolge, Constanze Becker (Cordelia und Narr), Wolfgang Michael (Gloucester), Oliver Kraushaar (sein Sohn Edgar), Marc Oliver Schulze (Edgars Bastardbruder Edmund), Joachim Nimtz (Kent) sowie Michael Abendroth als Lear, verläppert sich das allzu vernunftklare, endlos nüchterne Bühnengeschehen, und die erwartete Steigerung nach der Pause bleibt aus. Das eine oder andere Bild reißt diesen "Lear" im Ganzen nicht mehr aus dem Feuer.

Von droben herab

Eins dieser Bilder ordnet den spontan applaudierten Einstieg: Lears Reichsteilung unter den Töchtern. Die reale Macht ist im Bühnenbild Jürgen Bäckmanns bis zur Pause immer oben, so zunächst im eckig-länglichen Thronsaal in Rot mit steinernem Thron hoch über dem Proszenium. Von droben blickt König Lear in Hermelin und halbmoderner Uniform, Krone und Offiziersstiefeln, den Degen auf dem Schoß (Kostüme: Falk Bauer), auf Goneril, Regan und Cordelia herab und fragt, wie sehr ihn eine jede liebe.

Abendroths Diktion atmet die gelangweilte Selbstverständlichkeit des Machtgefühls. Immer ruhig und gedämpft klingt das, kontrolliert, pausenreich, detachiert mit lauerndem Unterton, ohne dass Cordelias scheinbar respektlose Antwort ihm die geringste Erregung abtrotzt, das Zerhacken der Krone mit dem Degen vielleicht ausgenommen. Seine knochentrockene Affektlosigkeit, von allen übernommen, wäre kein übler Ausgangspunkt für allfällige Steigerungen, nur dass es dazu nie kommt. Einmal gefunden, legt dieser Ton sich in zusehends öder Monochromie über die gesamte Inszenierung.

Entmündigung üben

Eingangs ahnt man dies freilich nicht, sondern freut sich der hierarchischen Geometrie der Macht unter dem Herrscher: die zur Mitte gewandten Uniformierten zur Rechten und modern Schwarzgewandeten links mit Blick zur Mitte, das vom König abgewandte Schwesterntrio in schwarzen Reifröcken dazwischen. Nur Schulzes lauschender, elisabethanisch kostümierter Edmund vor dem mannshohen Vorhang links lässt als Wurm im Apfel, als Schlange im Paradies Kommendes ahnen.

Die roten Bühnenvorhänge links und rechts wirken vorerst dekorativ, sind aber bald in permanenter Bewegung, um Sichtfelder und Räume zu begrenzen, Personen auf- und abtreten und einen Hauch Brecht-Theater einfließen zu lassen. Schönes Bild, wenn auffahrende Blenden den Thronsaal dann als Teil einer szenischen Zimmerer-Arbeit enthüllen: der grobhölzerne Schatten des Theaters als Metapher der Macht abseits vom Glanz. Schon jetzt schicken Goneril und Regan (Traute Hoess, Josefin Platt) Oswald (Christoph Pütthoff) nach Lears Abgang über eine Steige am Aufbau empor, um den Thron als Beutestück abzuseilen, probezusitzen und sich im Diskurs der Entmündigung zu üben.

Kärgster Sound, kalte Bewunderung

Constanze Becker spielt Cordelia und Lears Narren. Als Narr von hanseatisch-plebejischem Akzent glänzt sie allemal, manchmal mit Zwergenbeinen, meist in einer Papiermaske von übergroßen Ohren, wie Kent und Gloucester sie auch bald tragen. Hübsch, wie Oswald als frecher Zappelphilipp die Degradierung Lears auf halber Höhe der Macht und Bühne einläutet. Oder wie Lear im abgewetzten Senioren-Bademantel trotz Rasierspiegel nur langsam die Selbsterkenntnis blüht, sein erst noch spielerisches Kriechen vor Regan ihn einmal lauter werden lässt. Auch wenn mit Raserei dabei so wenig los ist wie je mit brausendem Wetter – wenige Piano- und Gesangspartien betonen die Stille jenseits der Worte nur.

Ähnliches gilt für die berühmte Szene (das Bühnenbild ist längst einem flächig beleuchteten Naturbild aus grober Erde gewichen), da Edgar nicht "Toms" mimt, den verdreckten Schwachkopf in spastischen Krämpfen, sondern dem geblendeten Vater Dovers Klippen vorgaukelt: Gloucesters Sprung auf ebener Erde als Inbegriff der Ohnmacht, sogar zum Selbstmord. Edgar/Kraushaar aber beobachtet ihn reglos: Ein frostiges Regieskalpell beraubt ihn jeden Affekts. Ein schönes Bild fängt Lear und Gloucester als Clowns im Lichtspot ein: der Erdball, eine Beckett-Manege; ein anderes lässt Edgar den Vater auf dem Rücken tragen wie Aeneas Anchises in Troja. Gleichwohl ein "Lear" im kärgsten Sound, verhalten bis zum Gehtnichtmehr, dessen großer Ernst und Präzision nur kalte Bewunderung abnötigen.

 

König Lear
von William Shakespeare
Deutsch von Erich Fried und Christoph Martin Wieland
Regie: Günter Krämer, Bühne: Jürgen Bäckmann, Kostüme: Falk Bauer, Dramaturgie: Andreas Erdmann.
Mit: Michael Abendroth (Lear, König von Britannien), Traute Hoess (Goneril), Josefin Platt (Regan), Constanze Becker (Cordelia/Narr), Wolfgang Michael (Graf von Gloucester), Oliver Kraushaar (Edgar, sein Sohn), Marc Oliver Schulze (Edmund, sein Bastard), Viktor Tremmel (Herzog von Cornwall), Till Weinheimer (Herzog von Albany), Joachim Nimtz (Graf von Kent), Christoph Pütthoff (Oswald, Gonerils Haushofmeister), Helmut Langer (Hauptmann, 1. Diener), Daniel Heck (König von Frankreich, 2. Diener), Wilfried Elste (als Gast).

www.schauspielfrankfurt.de

 

Mehr Lear-Inszenierungen: Im Februar 2010 zeigte Marcus Lobbes eine streng stilisierte Abstraktion von Shakespeares Altersdrama in Wuppertal. Karin Beier inszenierte es im September 2009 am Schauspiel Köln nur mit Frauen. Die PerformerInnen von She She Pop hingegen baten für Ihre "Lear"-Variation drei Ihrer Väter auf die Bühne, um gemeinsam übers Altern, Erben und Pflegen nachzudenken.

 

Kritikenrundschau

Günter Krämer habe "offenbar einen ersterbenden 'König Lear', einen auf die Kreatur gebrachten, ein ganz und gar auf den nackten, bloßen Menschen zusammengeschnurrtes Großschauspiel" gewollt, mutmaßt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (6.12.2010). "Er wollte erschüttern durch Reduktion. Das steht in einer zwar ehrwürdigen aber mittlerweile auch sehr in die Jahre gekommenen Tradition. Was in diesem Fall nicht nur erklärt, wo die Aufführung herkommt, sondern auch, warum sie sich anfühlt wie der Aufguss eines seit langem verbrauchten Lear-Beutels." Krämer skelettiere das Stück nicht nur, "er schneidet auch noch die Knochen weg. Dieser 'Lear' ist eine geschlossene Veranstaltung unter Ausschluss des Publikums, er genügt seinem eigenen Schematismus und der selbstgerechten Lust am Ersterben. Man fühlt keine Trauer, keinen Schmerz, keine Wut."

Gerhard Stadelmaier greift in der Frankfurter Allgemeinen (6.12.2010) einmal mehr zum bereits sein Werturteil mittransportierenden Mittel der Kurzkritik und schreibt: "In Frankfurt nimmt sich eine Art Buchhalter im Bademantel eine autistisch verschnöselte Auszeit, die er sturmlos als tranig depressiver Sack im Wahn-Vorruhestand (ohne Versausgleich) zwischen eifrig hin und her gezogenen roten Vorhanglappen verbringt, die zeigen sollen, dass man im Theater ist. Trotzdem weiß niemand, was gespielt wird." Die Figuren seien "derart skelettiert, dass man keine mehr begreift, die besseren Schauspieler (Wolfgang Michael als Gloster) grausam unterbeschäftigt." Und: "Eine Welt voller Gaga-Langweiler. Inklusive des Regisseurs. Sein Name tut hier nichts zur Sache." Wir kennen ihn aber doch!

Laut Michael Kluger in der Frankfurter Neuen Presse (6.12.2010) verwandle Michael Abendroth den Lear "in ein Sinnbild der Altersschwäche, Lears Wahnsinn ist die Demenz, seine Tragödie ist Alzheimer, nicht Enttäuschung und Verlust. Er flüstert bis an den Rand des Verstummens. Manchmal streichelt er fahrig und zärtlich seinen Schicksalsgenossen, den blinden Gloucester. Wo Weltaufruhr war, ist in Frankfurt Hinfälligkeit. Wo die Verzweiflung ein Universum in den Abgrund reißen wollte, ist jetzt das ohnmächtige Delirium der Senilität. Hier brausen keine monumentalen Menschheitsstürme auf, hier weht der lähmende Frosthauch des einsamen Verdämmerns. Krämer hat einen spröden Abend bereitet: karg, schwermütig - und für einen Shakespeare doch zu klein."

Günter Krämer "zelebriert das Drama als Konzeptkunstgewerbe, das sich selbst genügt", meint Vasco Boenisch (Süddeutsche Zeitung, 21.12. 2010): "Schon die ersten Worte haucht Lear mit so vielen Kunstpausen in den Raum, als ginge es nur um museales Nachlauschen altbekannter Sätze." Vor der roten Vorhanggardine "wirken die Menschen wie Kasperlefiguren, und auch die Kostüme zitieren mit meterbreiten Reifröcken und viktorianischen Halskrausen sowohl Zeit- als auch Theatergeschichte. Nur nicht spielerisch, sondern bierernst, und das macht es so fad." An Formbewusstsein mangele es nicht, "aber an Format". Krämer habe "massiv" gekürzt, und das Drama "skelettiert". Figuren verkaufe er "unter Wert". Es sei ein Abend, "der große Bilder mit großem Theater verwechselt".

 

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