Hilflos geheimnislose Menschen

von Hartmut Krug

Chemnitz, 3. Dezember 2010. Erst einmal erfüllt die Bühne ein weißes, flimmeriges Rauschen. Es gibt noch kein Bild, noch kein Leben, nur unwirkliche Figuren ganz in Weiß, mit Mikrophonen in den Händen. Sie sind nicht Individuen, sondern nur Stimmen oder dramaturgische Konstruktionen. Dann läuft ein Film ab: eine merkwürdige Frau schlurft, Brot aus ihrem Netz werfend, gebückt durch eine Stadt, die schön abgerissen aussieht, mit Graffitis und Leerstand. Dann huscht sie auch über die Bühne, über den schmalen Streifen, den die kommentierenden, erklärenden, sich einmischenden, antreibenden Figuren den Rollenspielerinnen im Stück von Johanna Kaptein lassen.

Die Autorin lässt darin in einer Montage von kurzen Dramoletten Menschen an Liebesleid und Lohnarbeit verzweifeln. Menschen, die von bösen Einplapperern oder inneren Stimmen bestimmt werden. Das Personal: Eine Sachbearbeiterin im Callcenter, eine Floristin, ein Postarbeiter, ein zielloser Reicher, eine Friseuse, eine Verkäuferin. Erzählt wird von nicht funktionierender beruflicher Arbeit und unglücklichen Liebesbeziehungen. Wie und ob das eine das andere bestimmt, wird dabei nicht immer deutlich. Aber es wird mächtig beredet und beeinflusst, vor allem von den Stimmen.

Tüte über den Kopf und ab ins Erdloch

Die schieben sich dramaturgisch schon bei der Autorin und in ihrer szenischen Präsenz nun auch bei der Regisseurin sehr, allzu sehr in den Vordergrund. Dabei nehmen sie den immer scheiternden Menschen die Selbstbestimmtheit und treiben sie in den Tod. Das leuchtet nicht in jedem Fall ein, weder den Bühnenfiguren selbst noch dem Zuschauer. Doch auch bei den Widerstrebenden geht es ruckzuck in Alexandra Wilkes munterer Inszenierung: Tüte über den Kopf und ab in ein dampfendes Erdloch.

Die kleinen Szenen der Autorin sind keine dramatischen Offenbarungen, die uns neue psychologische oder soziologische Entdeckungen bescheren. Es sind solide Zustandsbeschreibungen, besser gesagt, Zustandsbehauptungen von hilflos geheimnislosen Menschen. Die uns die Regisseurin Alexandra Wilke mundgerecht in einer Schmunzelschau oder Sketchparade präsentiert. Männer verkleiden sich dabei oft als Frauen und Perücken sind das wichtigste Utensil, und immer werden Menschen als skurril ausgestellt.

"Ich hab mir meine Arbeit nicht ausgesucht. Ich hab mir meine Arbeit ausgesucht, nachdem ich mir meine Arbeit nicht mehr aussuchen konnte", sagt der Mann von der Post, der von der Reinigungsmaschine weg zum Telefonbuchstapeln kommandiert wird und damit nicht klar kommt. Weil er zur Maschine ein sicheres, fast erotisches Verhältnis hat, sich die Kataloge aber auf die Füße wirft. "Ich habs nicht so mit Menschen", sagt er, und dass er Soziophobiker sei.

Träumerische Menschen in schäbiger Stadt

Mit Menschen haben es alle nicht so bei Johanna Kaptein, obwohl oder weil sie alle den anderen Menschen als das Liebesobjekt suchen, – und dabei scheitern. Auch der Mann von der Post, dem seine Freundin den Laufpass gibt. Dafür steht sie vor der einen, der Postler vor der anderen Schwingtür, die rechts und links die Spielsituationen auf der Bühne bestimmen. Über die anderthalbstündige Szenenfolge lacht man voraussetzungs- und folgenlos, aber gern.

Denn die Schauspieler folgen der phantasievollen Regisseurin sichtlich mit Spiellust, Verwandlungsfreude und überdeutlicher Mimik und Gestik. Außerdem wird jeder Bühnenszene eine herrlich schräge Filmsequenz vorangestellt, in der die anschließend auf der Bühne erscheinenden Menschen in schäbiger Stadt träumerisch oder bedeutungsvoll posieren: vor einem Laden mit kaputter Leuchtschrift "Schickimicki" stehend, bei "Waffen Pohlers" aus dem Laden tretend, auf einer Schwalbe durch die Gegend knatternd oder in der Straßenbahn Linie 9 zum "Bhf Leninstr." fahrend.

Es ist eine phantasievolle und komische Inszenierung, in der auch Liebessehnsuchts-Lieder erklingen und die Schauspieler nicht nur die Gelegenheit zu furiosen schauspielerischen Soli nutzen, sondern auch ständig zwischen Rollen- und Stimmenfigur hin und her springen.

Experimenteller Versuch aktueller Gesellschaftsanalyse

Wie Susanne Stein eine ältere, unförmig dicke Blumenverkäuferin in Liebe und Tanz aufblühen lässt, wie Ulrike Euen eine Boutiquen-Verkäuferin verzweifeln lässt, wie hier eine Psychiater- und Psychiatrieszene so sanft wie grandios in eine klischeelose Karikatur getrieben wird, wie eine Bionade-Unternehmer-Stadtteilkultur und russisch-deutsche Mafia-Strukturen veralbert werden, das bringt schon Spaß.

Doch der kurze Abend zieht sich etwas, wenn er zum Schluss allzu grundsätzlich und bedeutungsvoll wird. In Chemnitz erlebt man kein Stück, sondern viele kleine Stückchen. Zwar dramaturgisch allzu aufgeladen, aber phantasievoll inszeniert. Dieser experimentelle Versuch einer aktuellen Gesellschaftsanalyse auf der Kleinen Bühne im Schauspielhaus wird Michael Frayns "Der nackte Wahnsinn", die zeitgleich auf der Großen Bühne in Voraufführung lief, nicht unbedingt Konkurrenz machen können. Aber er komplettiert einen klugen Chemnitzer Spielplan.

 

Lohnarbeit und Liebesleid und Die Fortsetzung oder Die Friseuse, die Finanzkrise und andere Fälle (UA)
von Johanna Kaptein
Regie: Alexandra Wilke, Bühne: Detlef Franke, Kostüme: Sophie Weikert, Video: Thomas Beckmann, Alexandra Wilke, Dramaturgie: Esther Holland-Merten.
Mit: Wenzel Banneyer, Urs Rechn, Guido Schikore, Susanne Stein, Katharina Schlothauer, Ulrike Euen, Nikolaus Barton, Claudia Kraus.

www.theater-chemnitz.de


Die Dramatikerin Johanna Kaptein, 1974 in Hamburg geboren, wurde 2009 mit dem Leonard-Frank-Preis ausgezeichnet. Die 1980 geborene Alexandra Wilke debütierte in Chemnitz 2009 als Regisseurin mit der Uraufführung von Küss mich hinter Kaufhof von Anne Habermehl.

 

Kritikenrundschau

Reinhold Lindner schreibt in der führenden Chemnitzer Zeitung Freie Presse (7.12.2010): Der "verhüllte" Wahnsinn habe sich "tückisch" durch die Szenenfolge von Johanna Kaptein gefressen. Die Hauptrolle spielten die "inneren Stimmen", die "Einflüsterungen der Seele", die "Regisseure unserere Reaktionen auf Schicksalsschläge". Man sehe die Stimmen agieren, "leibeigen und leibhaftig". Sie "stehen im Hintergrund, in sterilem Weiß", lümmelten sich in Sesseln, amüsierten sich über ihre Wirkungen, gerieten in Streit miteinander. Dauernde Verwandlung werde von den Darstellern bei Alexandra Wilke verlangt, "ein schauspielerisch artistisches Feuerwerk".

 
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