Wo die groben Kerle wohnen

von Klaus M. Schmidt

Bochum, 4. Dezember 2010. "Faust I" und "Faust II" in drei Stunden, 15 Minuten? Da muss man natürlich auf einiges verzichten. Auf Auerbachs Keller etwa oder auf eine drastische Walpurgisnacht. Dann auch auf das vielköpfige Personal aus der Mythologie. Der türkische Regisseur Mahir Günsiray reduziert die Figuren in diesem "urdeutschen Werk" (Programmheft) auf dem Besetzungszettel auf Faust, Mephisto, den Homunculus und Lynkeus. Dafür fällt der ewige Sinnsucher Faust zunächst unter die Gaukler, und deren etwas heruntergekommene Truppe hat gleich acht Mephistos zu bieten.

Das Bühnenbild verortet Günsirays "Faust" im Ruhrgebiet. Kleidungsstücke und Requisiten hängen in dieser Mischung aus Volks- und armem Theater an Waschkauen-Kleiderhaken. Darunter haben vier Damen und vier Herren ihr Lager aufgeschlagen. Mulch markiert ein Arenenrund: die Zeche zur Waschkaue ist offenbar schon stillgelegt. Alte Pelzmäntel, schmuddelige Leggins, Spaghetti-Tops – die Kostüme changieren zwischen Prekariat und Boheme, Versatzstücke wie eine Clownsglatze legen die Gauklervermutung nahe.

Das Mephisto-Rudel umkreist die Faust-Beute
Die groben Kerle und kokett-dominanten Damen etabliert Günsiray zunächst einmal fast gemächlich, in dem er sie sich ein wenig käbbeln lässt. Dann platzt Andreas Grothgar als Faust mit dem bekannten "Habe nun ach ..."-Monolog herein, den er zerdehnt und theatral vorträgt. Der ist so mit sich selbst beschäftigt, dass ihm hier nicht und dann später auch nicht mehr aufgeht, in welchem Haufen er gelandet ist. Die Gauklertruppe teilt sich die Mephisto-Sätze untereinander, teils werden sie auch chorisch gesprochen.

Alle Mephistos haben Faust immer im Blick. Da umkreist ein Wolfsrudel seine Beute, lässig, weil es sich seiner Überlegenheit sicher ist, aber nicht ohne zynische Aufmerksamkeit für Fausts nutzlose Hakenschläge. Der Pakt mit Mephisto wird mit Blut besiegelt, dann packt eine der Damen Faust ans Gemächt – da darf dann auch schon das Gretchen auftauchen. Achtel-Mephisto Therese Dörr schlüpft unter eine blonde Perücke und mit einer Sprödigkeit in die Rolle, die einem fast zu Herzen gehen kann. Und dann geht alles – gefühlt – ganz schnell, aber nicht zu schnell zu Ende mit "Faust I".

Schnell bespringt Faust sein Gretchen, schnell steht ein Kinderwagen auf der Bühne, schnell wird der Bruder gemeuchelt, schnell wird das Baby ertränkt, schnell geht's zur Kerkerszene, schneller noch, als er sie begehrte, überlässt Faust sein Gretchen ihrem Schicksal. Noch vor der Pause haut die griechische Helena (Bettina Engelhardt) dann Faust mit blanker Faust in Ohmacht, das bringt Zeit, um den Homunculus zu präsentieren, den Xenia Snagowski als weiße Unschuld im Ganzkörper-Tutu mimen darf.

Das Kunstwesen mit seiner mutmaßlichen Retortenherkunft ist so etwas wie der unbefleckte Gegenentwurf zum Sinnsucher Faust, der auf seinem Weg zum ganzen Menschen zum Täter und Schuldigen wird. Der Homunculus bleibt uneingebunden in den Abend, was auch für den Lynkeus des Klaus Weiss gilt. Jenem lässt Günsiray als Kommentator nicht den Raum, den es bräuchte, um ihn ernst zu nehmen. Wie Snagowski mit wenig Text ihren Auftritt zu einer poetisch-komischen Nummer ausbaut, bleibt als Farbtupfer im Gedächtnis.

Das Glücksland Arkadien, ein Kleinbürgeridyll
Nach der Pause ist das Arenenrund aufgehoben, Mulch bedeckt den Boden jetzt bis zum hinteren Eisernen. Ein rotes Rinnsal schlängelt sich darin, eine Blutspur, die an Gretchens Ende erinnert. Und sie erinnert auch an die rote Bauxitbrühe, die in Ungarn jüngst einen ganzen Landstrich unbewohnbar machte. Günsiray lässt seinen "Faust II" in von Anfang an zu Tode beherrschter Natur spielen. Die Möblierung fürs Glücksland Arkadien, in dem Faust mit der Gemahlin Helena Sohn Euphorion zeugt, schwebt in großen Kisten herbei und entpuppt sich als Zubehör für ein Kleinbürgeridyll. Papa Faust kriegt seinen Bürostuhl, Mama Helena darf aufs Sofa. Da wundert man sich nicht, dass Euphorion schnell Soldat spielen möchte – vielleicht in Kunduz?

Der Ingenieur Faust, der die Kräfte des Meeres mit einem Damm bezwingen möchte, steht bei Günsiray am Ende. Während die acht Mephistos auf der Bühne Ordnung schaffen, den Mulch zusammen kehren, wähnt Faust die Arbeiter bei der Vollendung seines Werks, mit dem er die Natur beherrschen und sich selbst erheben möchte. Das löst in ihm den Wunsch aus, der laut Pakt mit Mephisto den Verlust seiner Seele bedeutet. "Verweile Augenblick, du bist so schön!" Faust fällt, wird niedergelegt – und geht dann schnöde ab. Eine Himmelfahrt gibt's in Bochum nicht.

Günsiray, der 1960 als Spross einer bekannten Schauspielerfamilie in Istanbul geboren wurde, der Schauspiel in der Türkei und Regie an der Universität Leeds studiert hat und seit 1996 mit seiner freien Theatergruppe Tiyatro Oyunevi unter anderem Werke von Brecht, Genet und Cervantes inszeniert, hat in Bochum keine Verpflanzung Fausts in ein türkisches Milieu abgeliefert. Auch der vermeintlich fremde Blick auf das deutsche Drama fördert weniger Fremdes zutage, als gedacht. Günsiray gelingt eine stimmungsvolle, manchmal poetisch-bildhafte Zuspitzung der bekannten Motive. Und da wo sie vielleicht ein wenig zu simpel gestrickt ist, trägt einen das Ensemble mit seiner kompakten Gesamtleistung darüber hinweg.

 

Faust
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Mahir Günsiray, Bühne: Claude Leon, Kostüme: Meentje Nielsen, Dramaturgie: Thomas Laue, Gastdramaturgie: Beliz Gücbilmez, Süreyya Karacabey, Musik: Turgay Erdener.
Mit: Therese Dörr, Bettina Engelhardt, Andreas Grothgar, Florian Lange, Marco Massafra, Roland Riebeling, Nadja Robiné, Xenia Snagowski, Werner Strenger, Nicola Thomas, Klaus Weiss sowie Karsten Dönneweg oder Jörg Brinkmann am Cello.

www.schauspielhausbochum.de

 

Mehr vom Faust? Zuletzt erhielt nachtkritik.de Einblicke in den Probenstand von Nicolas Stemanns Projekt Faust I & II. In Altenburg-Gera nahm sich Armina Gusner Goethes Ewigkeitsdrama vor, in Karlsruhe betrieb Thomas Krupa mit Faust I & II Ökonomiestudien. Auch in Essen sorgte der "Faust" für einige Diskussionen - bei der namensgleichen Preisverleihung.

 

Kritikenrundschau

"Mephisto ist mehrere (...). Gretchen und Helena, die Gesellen und Burschen, Soldaten und Bürger, auch Wagner und Euphorion sind nichts als Abspaltungen, Aspekte, Projektionen von ihm, und wie sie ihn treffen, erfährt Faust sie als Teil seiner selbst. Beiläufig tritt er durch eine Hintertür ein und wird unversehens zum Gegner und Gegenüber. Als Spielidee ist das ergiebig, als Interpretation weniger", meint Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.12.2010). "Faust, den Andreas Grothgar als zerknitterten Intellektuellen mit Hornbrille und grauem Anzug spielt, erlebt ein Panoptikum der Begegnungen, verliert aber den einen starken und hintergründigen Kontrahenten. Reihum oder im Chor verflacht der Dualismus des Dramas." Diese Grundkonstellation nutze Günsiray "für eine kurze, auch kurzweilige szenische Paraphrase, die den Text stark skelettiert und bunt illustriert".

"Bunt, expressiv und intellektuell" sei das Spiel, das Mahir Günsiray mit dem "Faust" betreibe, schreibt Gudrun Norbisrath auf dem Internetportal Der Westen (6.12.2010). In einer "atemraubend neuen Deutung" habe Günsiray "den deutschesten aller deutschen Klassiker gekappt und verdichtet; hat Teil I und II sanft vermengt und: Gott gestrichen. Er kommt nicht vor, also kann er Faust auch nicht retten; Gott, der bei Goethe immerhin der Anstifter der Geschichte ist und im Prolog im Himmel eine Wette mit dem Bösen abschließt. Das denkt die Geschichte weiter, man merkt es aber nicht gleich." Günsiray mache "aus der Ergriffenheit in der Osternacht schlichten Sinneswandel und lässt einen Satz weg, der uns heilig war. 'Sie ist gerichtet!' sagt Mephisto über die Kindsmörderin Gretchen, die sich von Faust nicht befreien lässt. 'Ist gerettet!' heißt es darauf bei Goethe; bei Günsiray nicht. Und man ahnt: Es wird auch kein ewig Weibliches Faust hinan ziehen." Andreas Grothgar gebe dem Faust "Würde und schlichtes Pathos", und "wenn alle die Teufel in weißen Brautkleidern das Gretchen tanzen: Das ist gespenstisch gut".

In der Süddeutschen Zeitung (7.12.2010) schreibt Vasco Boenisch: Die Erwartungen seien hoch gewesen in Bochum: ein "türkischer Faust" - das deutsche Drama als Vehikel für eine Zustandsbeschreibung deutsch-türkischer Verhältnisse? Nichts davon bei Mahir Günsiray "kein Integrations-Goethe, kein Ethno-'Faust'", ihn interessiere die "Ambivalenz von Gut und Böse". Dass das "Teuflische zur Welt" gehöre, sei für Günsiray die "Triebfeder" seines Abends. Den Teufel gebe es nicht nur einmal, sondern in "so vielen Varianten, als lauere das Böse überall". Auch komme nicht der Teufel zu Faust, sondern Faust zum Teufel, auf der Suche nach seinem zweiten, dunklen Ich. Günsiray breche schon in 'Faust I' die Struktur so weit auf, wie es Goethe eigentlich erst im zweiten Teil tue. "Die Figuren sind nur mehr schlaglichtartig aufblitzende Allegorien bestimmter Sehnsüchte und unverbundene Phantasmagorien eines Weltenträumers." Man verstehe "weder Zusammenhänge noch Hintergründe". Das Prinzip sei: "Irgendwelche Typen treten auf, sprechen in Goethe'schen Rätseln und gehen wieder." Von einem Regisseur, "der nicht ihre Sprache spricht", allein gelassen, stolperten die Schauspieler durch das Stück. Nach diesem Abend sei klar, "dass so manch fremdländisches Theaterexperiment ziemlich zäh auf dem Boden deutscher Stadttheatertatsachen landen" könne.

Mahir Günsiray habe sich darauf spezialisiert, "Klassikern durch Improvisationen eine neue Form zu geben", schreibt Stefan Keim (Frankfurter Rundschau, 8.12.2010): "Bildungsbürgerliche Rezeptionsgewohnheiten kümmern ihn nicht, aus manchen Szenen sind nur einzelne Sätze erhalten geblieben." Auch inhaltlich fehlten hier "ganze Themenbereiche. Zum Beispiel gibt es keinen Gott, der Teufelspakt hat jeden konkreten religiösen Hintergrund verloren". Viel gehe verloren, "und wer nicht beide Teile kennt, könnte große Verständnisschwierigkeiten bekommen". Doch Günsiray entwickle "eine Atmosphäre bedrohlicher Sinnlichkeit und fremdartiger Musikalität". Das sei "gespenstisch und erinnert ebenso an Kafka wie der groteske Humor der Aufführung". Dieser „Faust“ sei "speziell, wie überhaupt die noch junge Intendanz Anselm Webers bisher kantiges, originelles Theater hervorgebracht hat, das angreifbar ist".

 

 

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