Offene Türen zum Massaker

von Jürgen Reuß

Freiburg, 4. Dezember 2010. Elfriede Jelineks Text "Rechnitz (Der Würgeengel)" kreist um ein Massaker. Wenige Tage bevor die Rote Armee Rechnitz erreicht, in der Nacht zum Palmsonntag 1945, werden von Teilnehmern eines Schlossfestes, das Thyssen-Tochter Margit von Batthyány als Hausherrin für die dort stationierten und örtlichen Nazis gab, mindestens 180 deportierte Zwangsarbeiter ermordet. Nach Kriegsende ist die Burg geschleift, die Leichen werden nie gefunden, Schuldige nicht verurteilt, es herrscht Schweigen.

Gegen dieses Schweigen setzt Jelinek viereinhalb Stunden Text. Text von Boten. Zeugen gibt es ja nicht, oder sie reden nicht. Boten gibt es immer, etwas überbracht wird immer. In diesem Fall ein Text, der um dieses Massaker wuchert, eine Melange aus Recherchiertem, Gerüchten, Assoziationen und extrapolierten Ressentimentketten, die über die nahenden Russen, kommende Gasleitungen, bis in die heutige Vermischung von wirtschaftlichen Interessen und Vernichtung geschmiedet werden.

Sofaecken, Multimediawand, Simultanübersetzung

Regisseur Marcus Lobbes hat für die ungekürzte Umsetzung des Textes im Kleinen Haus des Theater Freiburg eine im Grunde so schlichte wie geniale Inszenierungsidee gefunden. Er nimmt den im Programmheft abgedruckten Kommentar von Jelinek zum Theater beim Wort: "Ich will kein Theater. Vielleicht will ich einmal nur Tätigkeiten ausstellen, die man ausüben kann, um etwas darzustellen, aber ohne höheren Sinn. Die Schauspieler sollen sagen, was sonst kein Mensch sagt, denn es ist ja nicht Leben. Sie sollen Arbeit zeigen."

Die Bühne zeigt daher so etwas wie ein Proben-Setting mit etlichen Sofaecken, einem Schreibtisch mit Büchern, einen Tisch mit Computer und zugehörigem Beamer, eine Multimediawand, ein Kaffeeküchentischchen, einen Garderobenständer mit gelegentlich genutzten Kostümen. Das Ganze rundum hinter breiten, durchsichtigen Plastiklamellen, zwischen denen die Schauspieler hervortreten und ihren Text ins Publikum sprechen. Dabei haben sie einen Knopf im Ohr, über den sie den Text souffliert bekommen. Mindestens einer von ihnen muss diesen dann immer in der Art eines Simultanübersetzers laut sprechen. Besser kann man es kaum sinnfällig machen: Sie sind Boten, Überbringer von Text, keine Urheber oder gar Personen.

Nebenan in der Jackson-Pollock-Bar

Dieses Gerede zweiter, dritter oder beliebiger Ordnung erzeugt einen erstaunlichen Sog, der dem bei Neun-Live-Dauersendungen, Big-Brother oder ähnlichen Formaten nicht unähnlich ist, nur dass der Text um Klassen besser ist, der gruselige Kern wesentlich offener zutage tritt und die durchweg sehr guten Schauspieler einen interessanteren Kontrast setzen. Trotzdem sind es viereinhalb Stunden Text. Ohne Pause. Und das ist der zweite geniale Schachzug an diesem Abend. Die Zuschauer dürfen nämlich jederzeit frei kommen und gehen, wie sie möchten.

Natürlich nimmt sie der Würgeengel der klassischen Theatersituation gehörig in den Griff. So einfach ist gehen nicht, wenn die Sitznachbarn dafür extra aufstehen müssen und störende Geräusche fabriziert werden. Es bleibt eine geschlossene Gesellschaft, aber die Türen sind offen. Man muss nur hinausgehen.

Und das muss man tatsächlich. Denn nur dann bekommt man eine Ahnung davon, ob das denn geht, von einem Fest mal eben auf ein Massaker zu gehen und dann wieder zurück. Verlässt man das Kleine Haus geht man an den Garderoben entlang zu einer Glastür, hinter der sich kein Foyer, sondern die in der Theaterpassage angesiedelte Jackson-Pollock-Bar befindet. Am Wochenende gut besucht von Freiburg- und Umland-Ausgehpublikum bei Plattenauflegemusik. Drin auf der Bühne der Botenstoff des Grauens, draußen an der Bar ähnliches Gebrabbel, aber unter den Botenstoffen des Brauens.

Bis das Reden unerträglicher wird als das Schweigen

Der Test zeigt: Es kostet etwas Überwindung, aber man kann gut raus und rein gehen. So was können wir, um es mal ins Jelineksche zu drehen: Raus und reingehen in Situationen und alles erklären. Auch das ein interessanter Effekt dieses Jelinek-Abends. Ihre Strategie, solange zu reden, bis das Reden unerträglicher wird als das Schweigen, so dass die Schweigenden vielleicht doch mal reden und sei's, um das Reden über ihr Schweigen zu brechen. Die Nachkommen des Thyssen-von Batthyány-Clans mussten als Reaktion auf Jelineks Stück jedenfalls reden, das Schweigen über das Vergangene brechen.

Und einen weiteren irritierenden Effekt hat dieser Theaterabend: Das Textgefängnis, in das man viereinhalb Stunden inhaftiert wird, ist das ständige Kreisen um unsere vernichtungssüchtige Vergangenheit. Egal, wie spät geboren, wir können ihm nicht entkommen. Soll die Erzeugung dieses Effekts so etwas wie die linke Variante zu Martin Walsers Klage über die Auschwitz-Keule sein? Kann man gegen die Omnipräsenz der Botenrede noch die alte Achternbusch-Utopie verwirklichen und zwischendrin mal im Wirtshaus ein Bier trinken und etwas persönliche Realität herstellen? So viele Fragen, so viele Anregungen - ein anstrengendes Stück, ein gutes Stück.


Rechnitz (Der Würgeengel)
von Elfriede Jelinek
Regie: Marcus Lobbes, Ausstattung: Wolf Gutjahr, Video: Michael Deeg, Dramaturgie: Carolin Hochleichter.
Mit: Frank Albrecht, Johanna Eiworth, Ben Daniel Jöhnk, Mathias Lodd, Martin Weigel.

www.theater.freiburg.de

 

Mehr zu Rechnitz? Elfriede Jelineks Stück wurde im November 2008 von Jossi Wieler an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt und im Mai 2009 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. Wir analysierten das Stück auf dem Festivalportal www.nachtkritik-stuecke09.de. Und mehr zu Regisseur Marcus Lobbes gibt es im nachtkritik-Archiv.


Kritikenrundschau

Wie ein Ostinato umkreise "Rechnitz" obsessiv jene Nacht im Schloss der Gräfin - "in der obszönen Sprechweise der Herrenmenschen, die die 'hohlen Männer' in der Sprache immer wieder umbringen, wegschaffen, zur Seite räumen, weil sie wegmüssen, überflüssig sind", schreibt Bettina Schulte in der Badischen Zeitung (6.12.2010). "Es ist ein Sprechen, das keine Inhalte transportiert, sondern im Sprechakt nachzuvollziehen trachtet, was geschah, um über den Zynismus des kollektiven Redens den Schrecken der Erkenntnis zu erzeugen." In Freiburg blitze "dieser Schrecken kaum auf - und man kann darüber ins Grübeln geraten, ob das an Elfriede Jelinek oder an Lobbes liegt." Den Schauspielern jedenfalls folge "man bei ihrem tapferen Marathonsprachlauf mit Respekt und Bewunderung." Es gebe "eine Reihe schöner, bildstarker, sinnkräftiger und auch lustiger szenischer Einfälle", doch fügten "sich die Episoden nicht zu einer stringenten Idee zusammen". Und so überfordere "die getreue Verkündigung von Jelineks heiliger Schrift - die zur Not auch in einem stockdunklen Raum hätte stattfinden können -, die Aufnahmekapazitäten."

In "Rechnitz" "überlagern sich die Erzählebenen so vielschichtig, wie das ganze historische Geschehen", schreibt Wolfgang Bager im Südkurier (6.12.2010). "Wir erfahren bruchstückhaft die Fakten, die aber gleichzeitig von den vielen Abschweifungen wieder vernebelt werden. Doch gerade diese sprachlichen Nebelmaschinen ermöglichen schließlich einen realistisch klaren Blick auf eine Realität des Verschweigens, Verfälschens und Beschönigens." Die Regie von Marcus Lobbes spiele "nun ihrerseits noch mit erhellenden Widersprüchen. Was empfindet ein Zuschauer, der, während auf der Bühne das Grauen verhandelt wird, sich durch die Stuhlreihen zwängen muss, um nach draußen zu gehen? Was denken die, die sitzenbleiben über die, die da im peinlichsten Moment stören?" So anspruchsvolle Vorhaben könnten "leicht scheitern. Sie gelingen nur mit viel handwerklicher Erfahrung und belastbaren Schauspielern. Beides steht in Freiburg zur Verfügung." Und so gehe das, "was da in Freiburg zu sehen ist, weit über einen herkömmlichen Theaterabend hinaus, es ist eher ein Sich-Einlassen auf ein Projekt, auf eine Selbsterfahrung, die im Laufe dieser 270 Minuten wohl kaum jemanden unbeteiligt lässt."

 

 
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