Sag mir, wie dein Traumspiel geht

von Charles Linsmayer

Solothurn, 8. Dezember 2010. Die von Florian Barth gestaltete Bühne ist ein hölzerner Improvisations-Spielraum, der sich mittels großflächiger Panels in eine Projektionsfläche für Videos umwandeln lässt und dem Offenen, Traumhaft-Verspielten von Jonas Hassen Khemiris zweitem Theaterstück sehr entgegenkommt.

Der Schwede mit tunesischem Hintergrund, der 2008 mit seinem Bühnenerstling Invasion! Furore machte, geht in "Fünf Mal Gott" von einer Konstellation aus, wie sie in Hollywood-Filmen (von "Children of a Lesser God" bis "Dead Poets' Society") mehrfach erfolgreich war: Ein Lehrer sieht sich anhand einer schwierigen Schulklasse vor eine fast unlösbare Herausforderung gestellt. Rolf heißt der (Schauspiel-)Lehrer bei Khemiri, und er will, wie er es sich selbst vornimmt, "in einer Problemschule mit zerbrochenen Seelen Strindberg aufführen".

Zwischen Problemschule und Hollywood

Deborah Epstein, die bei der deutschsprachigen Erstaufführung im Theater Biel Solothurn Regie führt, geht mit dem "Titanic"-Song direkt von Hollywood aus und lässt Lehrer und Schüler im Rückblick mit verteilten Rollen darstellen, wie sie Strindbergs "Traumspiel" einstudieren wollten und am Ende zu einem eigenen Stück gelangt sind, in dem sich die Erfahrungen, Ängste, Hoffnungen und Frustrationen der vier Schüler spiegeln – und das ganz offenbar bis nach Hollywood Aufsehen erregt hat.

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Vier Schauspiel-Absolventen spielen "Fünf mal Gott"
© Edouard Rieben

Thomas Schmidt gelingt in der Verkörperung dieses Rolf das glaubwürdige, ja berührende Porträt eines zutiefst verunsicherten, aber gerade mit seiner offen eingestandenen Hilflosigkeit erfolgreichen Lehrers, der nicht über seine Schüler triumphiert, sondern letztlich bei ihnen in die Lehre geht. Als er es nicht schafft, die vier in ihrer Aggressivität und Heftigkeit fast nicht zu bremsenden Schüler für Strindbergs "Traumspiel" zu interessieren, gesteht er ihnen zu, dass jeder von ihnen jenem von Strindberg sein eigenes Traumspiel entgegenstellen und so, zumindest auf dem Theater, für einmal Gott spielen darf. Das führt zu einem spannungsgeladenen, sehr abwechslungsreichen Improvisationsspiel, sind doch die Visionen der vier Probanden ganz unterschiedlicher Natur und haben sich die Vorschläge zudem an den Reaktionen und Widersprüchen der jeweils anderen drei zu bewähren.

Den vier jugendlichen Absolventen der Zürcher Hochschule der Künste – Sithembile Menck, Ayosha St. Maarten, Michèle Rohrbach und Hanif Jeremy Idris – gelingt es durchaus, nicht nur vier eigenständig-vitale Schülercharaktere auf die Bühne zu stellen, sondern, was viel schwieriger ist, auch jene magische Kraft des Theaters fassbar zu machen, die es erlaubt, unvermittelt von einer Rolle in die andere zu schlüpfen, die Atmosphäre und die Umstände des Dargestellten dauernd zu wechseln und die Grenze zwischen Traum und Realität vollständig niederzureißen.

Einmal Gott spielen

Blanca evoziert ihre an Krebs verstorbene Zwillingsschwester Dolores, die für sie an rassistischen Vorurteilen und an einem Schweden, das "wie eine Zwangsjacke ist", zugrunde gegangen ist. Für Idris ("Ich habe mit Theater angefangen, um das Leben durchstehen zu können") kommt der gescheiterte Rockmusiker MC Hammer dem, was er sich unter Gott vorstellt, am nächsten, während Olivia ihre unbewältigte Beziehung zu ihrer Mutter thematisiert, die in ihrer Unverfrorenheit der Political Correctness zum Opfer fiel und nicht mehr vergessen konnte, dass sie einmal mit Muhammed Ali zusammen im Lift war.

Am eindrücklichsten aber ist, was Sanoj, dessen Name, rückwärts gelesen den Vornamen des Autors ergibt, in einem plötzlichen Aufwallen von Beredsamkeit artikuliert, nachdem er bis dahin von den andern gemobbt und gequält worden ist. Sanoj spielt nun tatsächlich Gott, und wie in einer pantheistischen Litanei strömt aus ihm heraus, was sich in einer modernen, "coolen", jugendlichen Welt noch als göttliche Allmacht und Fülle denken lässt: der Widerspruch, die letzte Hoffnung, die Sehnsucht, der Orgasmus, die Philosophie, das Gebet, das Licht und die Einsicht, dass das Licht in jeder Sekunde gelöscht werden kann.

Deborah Epstein setzt die mit "Denglisch" ("Shit, ist der cool") nur so gespickte, sehr trendig daherkommende Vorlage auf eine Weise um, die ganz locker und doch mit zwingender Kraft Elemente der Slam-Poesie, der Party-Szene, des Musicals, der Fernsehshow und des Kammertheaters miteinander verbindet und in geschickt eingeblendeten Video-Sequenzen selbst noch die populären Comic-Figuren der Jugendkultur mit einbezieht. Das eigentlich Bemerkenswerte an der Inszenierung ist aber gleichwohl das Spiel der vier Schauspielschüler und von Thomas Schmidt, ein Spiel, dem in keinem Moment etwas Gestelztes oder Stilisiertes anhaftet, sondern das unverstellt ein Stück jugendliche Lebenswirklichkeit auf die Bühne bringt, wie sie nicht nur ein jugendliches, sondern auch ein erwachsenes Publikum unmittelbar ansprechen und – je nachdem – beruhigen oder beunruhigen dürfte.

 

Fünf Mal Gott (DSEA)
von Jonas Hassen Khemiri
Regie: Debora Epstein, Ausstattung: Florian Barth, Dramaturgie: Silvie von Kaenel.
Mit: Thomas Schmidt, Sithembile Menck, Ayosha St. Maarten, Michèle Rohrbach und Hanif Jeremy Idris.

www.theater-solothurn.ch

 

Ein ganz ähnliches Thema behandelt Nurkan Erpulats viel beachtete Inszenierung Verrücktes Blut (Ruhrtriennale, September 2010), in dem eine Lehrerin mit Problemschülern Schiller paukt.

 

Kritikenrundschau

Fränzi Rütti-Saner schreibt in der Basellandschaftlichen Zeitung (10.12.2010) aus Liestal: Strindbergs "Traumspiel" sei in Schweden "Schullektüre mit Gähnfaktor", es sei "kryptisch und langatmig". Khemiri habe sich dieses Stückes angenommen, in seinem Stück, in dem er vier junge Leuten mit ihrem Theaterlehrer das Stück nachspielen lässt. Die vier verwiesen auf "ihre reale Welt" und spielten dann "auf der Bühne das, was sie sein möchten", sie spielten Gott. Es handele sich um ein Stück "über die Arbeit zu einem Stück" und ein "hochpolitisches" Stück über die Zwänge, sich als Fremder seinem neuen Land anzupassen. "In der Regie von Deborah Epstein überzeugten die jungen Darsteller (alle zum ersten Mal auf einer Stadttheaterbühne) mit schwungvoller, mitreissender und ungekünstelter Aktion."

"Khemiris Stück – und in verstärktem Mass Deborah Epsteins phantasievolle, spielerische Inszenierung – lebt ganz stark von den gegensätzlichen Welten, von der Reibung einer eher trüben Realität mit dem glanzvollen Traum", schreibt Andreas Klaeui (NZZ, 21.12. 2010): "Es ist gleichzeitig hochkomisch und tief berührend." Zwischen Rap und Tango, zwischen 'Gangsta'-Auftritt und psychologischem Kammerspiel zeige der Abend "ein witziges, rasant changierendes Spiel der Rollen und Identitäten, das natürlich ein großartiges Fressen für Schauspieler ist". Mit dem Appetit junger Raubtiere stürzten sich die Eleven drauf: "Eine durchaus unterhaltsame Sache also und natürlich zuallererst, beidseits der Rampe, die pure Lust am Theater: am Spiel mit der Verwandlung." Man sollte ohnehin öfter nach Solothurn fahren, "um das älteste Stadttheater der Schweiz zu besuchen, das Katharina Rupp, seit vier Spielzeiten Schauspielchefin, als 'Sprungbrett-Theater' für junge Talente zu etablieren sucht". Katharina Rupp schaffe es immer wieder, "dem kleinen, fast familiären Theaterbetrieb überregionale Lorbeeren zu holen".

 

 
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