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Zwei Liebende im Herzensbürgerkrieg

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart,17. Dezember 2010. Dieser Romeo ist kaum zu stoppen. Er läuft und läuft. Über Mauern, durch Baumkronen. Als wäre der Raum ein Käfig mit unsichtbaren Gitterstäben und Romeo ein gefangenes Tier. Und dann, plötzlich, als dieser Dauerläufer auf seinen Zickzackmärschen die Liebe findet, den vermeintlichen Fluchtweg, kommt er für Augenblicke zu sich, liegt er gekrümmt wie ein Embryo da. Ein kantiger, körper- und trotzschäumender Wildling windet sich auf dem Boden. "Ich will leiden", nuschelt Romeo, dieses pulsierende zerzauste Menschlein in Sneakern und Jeans und seine Freunde Mercutio und Benvolio lachen nur. "Lad' dir einen Porno, hol dir einen runter," empfehlen sie ihm, dem "Melancholeriker" und Romeo lacht nun auch mit und er singt und er läuft und läuft als könne er seinem Schicksal, seinem Namen und Heimatstadt tatsächlich entkommen.

Die Stadt, das ist Verona. So steht es zumindest geschrieben auf der grauen Wand. Aufkleber zieren sie, auf einem steht: "Eine brennende Stadt", auf einem anderen "Ich will das Leben zurück". Sichtbeton wohin man schaut, ein versiegeltes, aseptisches Land in kaltem Licht. Wo die Capulets regieren: das Geld. Der letzte Naturrest ist ein entwurzelter Baum, justiert mit Gegengewichten, gerade noch aufrecht stehend. Und während die Parolen leimenden Benvolio und Mercutio ihren Frust an der Wand auslassen, verteilt der alte Capulet Flugblätter im Publikum, auf dem er für ein neues Bauprojekt wirbt, "das Europa und die Region noch leistungsfähiger machen wird." Wohnen, Arbeiten, Shoppen – von Liebe war nie die Rede.

Diese Wutbürger und ihr ganzer Befindlichkeitsmist!

Weil Papa Capulet Investoren braucht, soll Julia, das just aus dem Internat mit Einser-Abitur zurückgekehrte Töchterchen mit dem freienden Paris (Sebastian Röhrle, elegant und komisch zugleich) verkuppelt werden. Ein "scheißreicher" Jungunternehmer ist das, ein passionierter Tangotänzer ohne Partnerin. Die Auseinandersetzung mit den Montagues scheut Capulet gerade noch, will er doch den "Fortschritt" ohne öffentlichen Aufruhr gestalten. Doch seinen Bluthund hat er nicht unter Kontrolle: Tybalt, einen metallicschimmernden Anzugträger und Homophobiker mit peinlicher Pilotenbrille, dem die anderen, diese "Schwuchteln" und "Tunten", diese "Hauptsache-dagegen-Typen" und "Wutbürger" und dieser ganze "Befindlichkeitsmist" so was von auf den Sack gehen, dass er sie am liebsten an eben jene Wand stellen würde. Christian Schmidt gibt ihn wunderbar trocken und zynisch, dass ihm die Kostümbildnerin eine etwas zu aufgesetzte Arschloch-Montur verpasst hat, stört nur am Rande. Es dauert ohnehin nicht mehr lange, dann wird Julia mit ihrem weißen Brautschurz das Blut ihres Vetters Tybalt aufwischen und sich einfach mal dagegen entscheiden. Gegen das Geld. Aber für Romeo, die Liebe und den Tod.

Diese Stadt, das ist nicht Verona, das ist Stuttgart bei Nacht. Ein Alptraum. Kein Wort wird über Durchgangsbahnhöfe verloren, an keiner Stelle wird geschwäbelt. Und trotzdem. Die Regisseurin Catja Baumann hat ihren Shakespeare genau gelesen und verworfen, was in Zeiten der totalen Ökonomie längst keine Rolle mehr spielt: Ehre und Familie. Kinder sind Statussymbole und Kapitalanlagen, die Ehre ein kruder Begriff, höchstens noch ein Wert für wilde Stämme aus südöstlichen Gefilden.

Betonmischer vs. metrosexuelle Germanistikstudenten

Dem Politischen, das bei Shakespeare noch zu Beginn des Stückes mittels der Figur des Prinzen Escalus eine vermittelnde Instanz zugewiesen wird, misstraut Baumann ebenso und streicht. Auch denkt sie dieses Trauerspiel der rasenden Teenagerliebe vom Ende und damit vom Tod her. Jonas Fürstenaus Priester Lorenzo sagt in weiser Voraussicht und mit initiatorischer Unbedingtheit, was die Liebe sei: "Ein anderes Wort für Krankheit, Mord und Selbstmord." Mit gebrochener Naivität, ohne Pathos und pubertären Überschwang, fallen die beiden Liebenden in einem Herzensbürgerkrieg wie zwei versprengte Rebellen, tränenlos, ja lächelnd.

Romeos Wut dampft aus jeder Pore, ihm ist seine Sippe wurscht, er will etwas spüren, sich selbst und den anderen Körper. Leben und nicht gelebt werden. Als sie sich das erste Mal begegnen, Lisa Bitters Julia und Till Wonkas Romeo, da tollen sie wie ungestüme Welpen, sie kneifen und drücken sich, ihre Haut ist voller Abdrücke, Gefühlsspuren. Ihre Finger und Hände sind überall. Ein schönes, überzeugendes, ein gut durchblutetes Paar. Und drumherum nichts als Fatalismus. Baumann entgeht mit List jener Falle, die sie sich selbst gestellt hat. Sie karikiert die Befürworter des Bauprojekts, Tybalt und Capulet, doch kommt die andere Seite kaum weniger lächerlich davon.

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Jonas Fürstenau (Pater Lorenzo) und Sebastian Winkler (Mercutio)
©Sonja Rothweiler

Mercutios und Benvolios Zorn auf das herrschende System erschöpft sich im Rumpöbeln, im Leimen und gelegentlichem Protest-Prosecco-Rausch. Sebastian Winkler und Matthias Kelle agieren dabei wie zwei täppische, metrosexuelle Germanistikstudenten, die mit harmlosen Sprüchen Wände sprengen wollen. Sie haben auch keine wirkliche Chance gegen Sebastian Kowskis Betonmischer Capulet. Der Hüne gibt einen dermaßen dominanten und raumgreifenden Hoppla-jetzt-komm-ich-Gockel mit Zöpfchen und Sonnenbrille, dass es einem graut. Nicht einmal der Anblick seiner leblosen Tochter bringt dieses Machtmonster aus der Bahn.

Der Tod der Liebe ist der Tod der Sprache

Das Ensemble ist gut aufgelegt, alles fließt wunderbar ineinander, ergänzt und verstärkt sich ohne Effekthascherei oder blinde Bilder. Einzig die Übergänge zwischen Vers und Prosa holpern. Wo kein Vers ist, da wird gern geschrieen, niedergebrüllt, was die Stimmbänder halten, dass es im Ohr schmerzend nachhallt, was in der kleinen, nun frisch eingeweihten Spielstätte Nord gar nicht nötig ist. Vielleicht aber ist uns die Prosa der Verhältnisse schon so sehr in Fleisch und Blut und Stimme übergegangen, dass uns die Spannung von Rhythmus und Prosodie mittlerweile mindestens verdächtig, wenn nicht sinnentleert erscheinen.

So gesehen wäre der Tod von Romeo und Julia auch als Tod der Sprache zu verstehen, das Ende des Dialogs. In einer Stadt, die Verona oder auch Stuttgart sein könnte.

 

Romeo und Julia
von William Shakespeare
In der Übertragung von Thomas Brasch
Regie: Catja Baumann, Bühne: Anja Koch-Lenk, Kostüme: Leah Lichtwitz, Dramaturgie: Beate Seidel.
Mit: Till Wonka, Lisa Bitter, Sebastian Kowski, Gabriele Hintermaier, Marietta Meguid, Sebastian Schmidt, Jonas Fürstenau, Eberhard Boeck, Matthias Kelle, Sebastian Winkler, Sebastian Röhrle.

www.staatstheater.stuttgart.de

 

Eine weitere, bemerkenswerte Romeo-und-Julia-Inszenierung gab es kürzlich auch im Theater Altenburg-Gera, wo im November 2010 der 1978 geborene Ernst-Busch-Schulen-Absolvent Pedro Martins Beja die berühmte Liebesgeschichte als Terror-Stück inszenierte.


Kritikenrundschau

Dramaturgin Beate Seidel und Regisseurin Catja Baumann fänden "eine auch geographisch nahe liegende und gesellschaftspolitisch aktuelle Begründung für die Feindschaft der Familien, da muss Stuttgart 21 nicht eigens erwähnt werden", schreibt Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (20.10.2010). Die "Finanz- und Bauschacherer" seien "überdeutlich prollig ausstaffiert". So hässlich aber die Welt in dieser Inszenierung sei, "so schön und stark ist die Liebe. Ungläubige Blicke, als könnte es gar nicht sein, dass es so wundervolle Wesen gibt, betasten, befühlen, ja kneifen und schlagen diese jungen Menschen einander, skeptisch, strahlend, atemlos, gierig. (...) So hektisch und rhythmisch holprig es in den Krawallszenen bei der Premiere noch manchmal zugeht, so fiebrig und bilderstark sind die Szenen der Liebe." Mit "viel Romantik und noch mehr gesellschaftskritischem Pessimismus" entlasse Baumann schließlich ihr Publikum "nach zwei lauten, anregenden und anrührenden Stunden".

"Romeo und Julia" werde bei Baumann "zum schnellen, schnörkellosen Jugend- und Politdrama, sehr hart und, programmgemäß, auch sehr heutig", schreibt Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (20.10.2010). Das sei nicht ohne Reiz, "das Polit- und Korruptionsdrama" überwölbe "mit seinen aktuellen Anspielungen das Jugend- und Generationendrama plausibel". Freilich führe "die Härte, die dem vom Klischee befreiten Stoff beigemischt wird, auch zu einem erheblichen Verlust: zum Verlust der Poesie und Weisheit, mit der Shakespeare diesen Stoff, dieses Stück zur schönsten und traurigsten, zur verzweifeltsten und mörderischsten Liebesgeschichte der Welt gemacht hat. Von dieser Einzigartigkeit bleibt im Nord leider nicht viel übrig".