Wo Worte keine Wellen schlagen

von Guido Rademachers

Düsseldorf, 18. Dezember 2010. Leise rieselt der Schnee. Auf drei alte Flügeltüren, die im Hintergrund der sonst offenen Bühne stehen. Auf ein Jammerbild von entnadeltem Weihnachtsbaum. Auf einen roten Theater-Samtvorhang, der den gesamten Boden bedeckt. Und auf ein Tanzpaar plus fünf im Halbkreis vor den Türen sitzende, trostlos vor sich hinstarrende Gestalten. Ihre beste Zeit muss irgendwann in den siebziger Jahren gewesen sein. Von Afrolook und inzwischen ergrauten Matten hat sie kein Friseur befreit. Schlaghosen und bunte Hemden sind, offenbar ohne jemals ausgezogen worden zu sein, mit ihren Trägern gealtert. Aus offenen Säumen baumeln Fäden; in den Gesichtern kleben liebevoll vom Maskenbildner gestaltete Faltenbacken und Furchenkinne.

Tiefgefrorener Spuk

Stephan Rottkamp inszeniert Botho Strauß' 1974er-Komödie "Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle" im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspiels als tiefgefrorenen Spuk. Die von Strauß so genau beschriebene westdeutsche Befindlichkeit zwischen 68er-Utopie und Deutschem Herbst scheint in eine Zeitkapsel gepackt und in ein Nachbar-Universum von Sartres "Geschlossener Gesellschaft" transportiert worden zu sein. Jeder Satz gerät so zur nochmaligen Selbstvergewisserung, Proklamation in eigener Sache. In einer Runde, in der außer Pfeiferauchen und Beine-Übereinanderschlagen keine Regung feststellbar ist, findet das Gesprochene keinen Adressaten mehr außer dem Sprecher selbst. Die Worte fallen wie Steine ins Wasser, ohne Wellen zu schlagen.

So wird mit größtmöglicher Wirkungslosigkeit jedes noch so kleine Sätzchen zum Bedeutung bloß vorgaukelnden Klangphänomen ausgewalzt. Zu direkterem Umgang miteinander finden die Sprechpuppen erst nach einer Dreiviertel-Stunde. Michele Cuciuffo als Hotelbesitzer Stefan verkündet, seinen Betrieb schließen zu müssen und so der Gemeinschaft die Grundlage ihres Zusammenseins zu entziehen. In einer Konfrontation mit seinem Angestellten Guenther (Wolfram Rupperti) ziehen sich beide bis auf die Unterhose aus. Der Ton wird schärfer und unmittelbarer. Perücke und Maskenteile werden abgenommen. Dann ziehen sich beide wieder an: gleiche Kleidung, nur neu. Die abgetragenen Klamotten bleiben im Schnee liegen. Eine Häutung.

Mystisches Grundrauschen

Rottkamps sonst hundertprozentig textgenaue Inszenierung hat hier, in der einzigen Abweichung von Botho Strauß' Regieanweisungen, ihren stärksten Moment. Die Verjüngungskur machen alle Figuren durch. Endlich kommt etwas Fahrt in Statik und Getöne. Leider nur für kurze Zeit. Ein blitzgealteter Stefan macht deutlich, wo alle bald wieder enden werden. Zum Schluss sitzen sie wieder mit Krücken und Rollator im Halbkreis auf siebziger-Jahre-Designerstühlen oder im Rollstuhl. Stefan allerdings liegt nach Zwangsaufenthalt in der Tiefkühlkammer tot im Halbkreis, in der Haltung einer Christusfigur, die aus einer Pietà herausgebrochen wurde. Neben ihm kniet seine Frau. Stefan wurde für die Gemeinschaft geopfert, das Hotel kann weiter betrieben werden.

Das mystische Grundrauschen, das die gesamte Aufführung durchzieht, umgeht die Frage nach der Aktualität von Botho Strauß' früher Komödie, indem es deren Zeit in Zeitlosigkeit transferiert. Zugleich eliminiert es alle Komik. Bei den ausgestellten und schwer hingeworfenen Sätzen ohne Widerhall zündet kein Gag. So wird der Abend zäh, trotz eines homogen-guten Ensembles lang und länger und mit 100 Minuten Gesamtdauer einfach auch zu lang.

 

Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle
von Botho Strauß
Regie: Stephan Rottkamp, Bühne: Robert Schweer, Kostüme: Justina Klimczyk, Dramaturgie: Carolin Losch.
Mit: Christiane Rossbach, Hans-Jochen Wagner, Janina Sachau, Michele Cuciuffo, Pauline Knof, Urs Peter Halter, Wolfram Rupperti.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Zuletzt besprach nachtkritik.de Stephan Rottkamps Düsseldorfer Inszenierungen von Juli Zehs Good Morning, Boys and Girls im April 2010 und Kathrin Rögglas Die Beteiligten im April 2009.

 

Kritikenrundschau

Stephan Rottkamp inszeniere Botho Strauß' Stück "als Satire auf die 70er mit mächtigen Grauhaarperücken und aufgeklebten Falten aus Theaterplaste", sagt Martin Burkert auf Deutschlandradio (18.12.2010). "Die Auflehnung gegen Eigentümer und Privatbesitz zeigt er als eine Art Jungbrunnen. Die kämpfenden Bürger ziehen sich die Runzeln aus dem Gesicht, legen die Grauhaarperücken ab und sehen wieder gut und tatkräftig aus." Das "weitgehend statische Arrangement" fordere "vom Ensemble eine hoch disziplinierte Sprachbehandlung. Sie gelingt mit Bravour. Die Schauspielerinnen und Schauspieler pointierten witzig und präzise die intelligenten, scharf formulierten Sätze." Ganz allerdings lasse sich der Staub nicht weg klopfen, den der Text angesetzt hat."

Rottkamp setze weniger "auf Wiederbelebung des Stücks als auf dessen Mumifizierung", schreibt Claus Clemens in der Rheinischen Post (20.12.2010). "Es war schon immer mit Sartres 'geschlossener Gesellschaft' verglichen worden, wo irgendwann die Feststellung fiel, dass die Anderen die Hölle sind. In dieser Version des worttückischen Spiels aber reagiert man überhaupt nicht aufeinander. Viele Sätze fallen, manche täuschen Bedeutung vor, doch außer Stühlerücken und ein paar Körpergesten geschieht nichts. Eine Winterstarre als Programm." Das sei schade, "und es liegt keineswegs an den Darstellern. (...) Applaus daher vor allem für die Schauspielkunst."

Wie bei Stephan Rottkamp üblich überborde die Fantasie, meint Petra Kuiper auf dem Internetportal Der Westen (20.12.2010). Der Schnee biete eine "kühle Kulisse für ein böses Stück über eine Gemeinschaft, die ihren Sündenbock findet und opfert." Vieles sei gut gemacht, und das Ensemble überzeuge. "Dass der Applaus dünn ausfällt, dürfte an der Ratlosigkeit liegen, die das Stück hinterlässt. Man kann seine poetische Rätselhaftigkeit mögen oder nicht. Ob Regieeinfälle wie der, statt nur Doris alle zu verjüngen, dem Verständnis dienen, sei dahingestellt. Und manches bleibt in der Entstehungszeit stecken; Bonn ist kein Regierungssitz mehr, die Käuflichkeit von Posten kaum noch ein Aufreger."

"Zeitdiagnose? Generationenporträt? Beziehungskarussell?", fragt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.12.2010) und antwortet: "Karikaturen-Reigen!"Bühne und Kostüme gäben in dieser Inszenierung ein derart bildmächtiges Grundmuster vor, dass die Regie den Text nur durchdeklinieren und darunter erfrieren lasse: "Verfettet, verschlampt, verknittert, sind die Figuren doch in der Zeit geblieben: Sie tragen graue Perücken und Faltenmasken, Schlaghosen, Ledermini und grelle Muster." Das Publikum wisse allzu schnell, was es mit den Figuren auf sich hat. "Am Ende ist die kunstvolle Komödie von Botho Strauß zu einem Domino-Eis aus Ionesco und Loriot abgeschmolzen. Dabei könnte es, gerade zu Weihnachten, lohnen, sie aufzuwärmen."

 

 
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