Das Leben wird wieder zur Baustelle

von Simone Kaempf

Berlin, 19. Dezember 2010. Es gibt die vielen Busverbindungen oder etwa jene Züge zwischen Berlin-Lichtenberg und Kostrzyn, montags und freitags voll bis auf den letzten Platz mit polnischen Arbeitern, die in Deutschland ihr Geld verdienen, von dem sie in Polen gut leben können. So gut jedenfalls, dass es lange Zeit bei den polnischen Pendlern verpönt war, über ihre Situation, die familiären Trennungen, die neu entstehenden Abhängigkeiten zu klagen.

In Claudia Grehns Stück "Ernte" taucht nun solch eine Grenzgängerin auf: Anna, die irgendwo zwischen Warschau und Krakau vor einem Haus mit Pappdach und Wellblechvordach auf den Bus wartet, der sie wie immer nach Deutschland bringt. Ihre beiden fast erwachsenen Söhne an der Seite. Pawel, der nicht mehr zur Ernte mag: "Ich will in die Politik". Sascha, der sagt: "Knast bildet".

Kompliziert verflochten

Die Reise, die in Grehns Stück bald durch Wohnungen, über Felder, in Krankenhäuser führt, ist mehr als nur eine zwischen zwei Ländern, zwei Kulturen, zwischen Heimat und Arbeitsplatz. Da sind noch die Soziologiestudentin Lena oder Annas westdeutscher Geliebter Peter, die aus der anderen Himmelsrichtung kommend genauso damit kämpfen, dass private Ideale, ökonomische Notwendigkeiten, emotionale Abhängigkeiten kompliziert verflochten sind.

Ein Stationendrama ist "Ernte", das durch Reflektionen, Überlegungen und erzählerische Einschübe führt statt durch konkrete Orte. Beim Stückemarkt des Theatertreffens wurde die 28 Jahre alte Autorin mit dem Förderpreis für neue Dramatik ausgezeichnet. Man lobte den spröden Ernst und die genauen Dialoge. Klar war da aber auch schon, dass der Text in Gefahr steht, ins bedeutungshuberische Wehklagen abzugleiten, würde man ihn allzu realistisch oder psychologisch schultern.

Von Stillstand und Zerfall

Denn "Ernte" haftet in seinen Motiven auch etwas Ausuferndes an, mit monologischen Einschüben nicht nur über das komplizierte Verhältnis aller Figuren zu dem, was Arbeit bedeutet, sondern auch über die Möglichkeiten der Evolution, der Wandlungsfähigkeit einiger Organismen, oder über Amphibien, die in der Lage sind, sich bösartige Zellen einzuverleiben. Die junge Lydia referiert darüber. Dagegen gesetzt ist das Leben der Figuren, in dem sich, trotz Bewegung um sie herum, wenig zu verändern scheint.

Regisseur Dominic Friedel hat einiges vom Text gestrichen, und es ist sein Verdienst, im Studio des Maxim Gorki Theaters eine Stillstandbeschreibung und eine Zerfallsgeschichte zugleich zu erzählen. Natascha von Steigers Bühnenbild trägt daran nicht unerheblich Anteil. Die Holzschräge, auf der anfangs gespielt wird, entpuppt sich als das Spitzgiebeldach eines Hause, in dessen Inneren man sich bald einfindet. Wenn eine der Frauen ihren Mann verlässt, klappt sie auch die Hauswand ein, nicht mit großer Geste, sondern dem pflichtbewussten Duktus eines Bühnenarbeiters: zu erledigen, was getan werden muss.

Geld lässt sich immer irgendwie verdienen

Dieses Unterspielen ist erstmal gewöhnungsbedürftig. Man muss sich einschauen in die sepiafarbene Szenerie und in manch überdeutliche Geste, während andere Gefühlsregungen fehlen. Doch nach und nach wird in genau dieser Sprödigkeit und Verknappung die Situation der Figuren glaubhaft: Mutter Anna (Sabine Waibel) erlebt man nicht bei der Arbeit, sondern bei ihrem Freund Peter (Robert Kuchenbuch), von dem sie schwanger ist. Und in kurzen knappen Szenen zeigt sich hier ein schwieriges Liebesverhältnis statt errungene finanzielle Freiheit. Ihr Sohn Pawel (Johann Jürgens) trifft auf die Soziologiestudentin Lena (Aenne Schwarz), die keinen Job machen will, nicht studieren, dennoch alles verändern. Der Text reißt eine breite Spanne auf: Geld lässt sich immer irgendwie verdienen – ein Job soll Veränderung bringen. Zwischen diesen Positionen mäandern die Figuren. Die Handlung erzählt sich auf der Bühne weiter, indem sich das Bühnenhäuschen zurück in eine Baustelle verwandelt.

Ohne pädagogischen Duktus lässt Friedel die Figuren sprechen, stellt ganz unterschiedliche Szenen nebeneinander. Aus Holzstücken wird eine große Antenne gezimmert und auf das Holzdach geschraubt, ein Sinnbild für handwerkliche Arbeit mit seinen schnell sichtbaren Ergebnissen. Am überzeugendsten legt Sabine Waibel ihre Figur der Anna an: im Wechsel aus Kargheit und Beredtheit, offen lassend ob alles von ihr abprallt und doch alles eindringt. Insgesamt ein gelungener Abend, der auf der kleinen Bühne des Maxim Gorki Theaters gut aufgehoben ist, mit einer Spielweise, die hier bestens funktioniert.

 

Ernte (UA)
von Claudia Grehn, mit Texten von Lena Müller
Regie: Dominic Friedel, Bühne: Natascha von Steiger, Kostüme: Karoline Bierner, Dramaturgie: Nele Weber.
Mit: Sabine Waibel, Matti Krause, Johann Jürgens, Aenne Schwarz, Anne Müller, Robert Kuchenbuch, Horst Kotterba.

www.gorki.de

 

In einer szenischen Lesung wurde Claudia Grehns Ernte beim tt-Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2010 gezeigt und dort mit dem Förderpreis für neue Dramatik ausgezeichnet. Ab der Spielzeit 2011/12 wird Grehn Hausautorin am Theaterhaus Jena, das zum Saisonwechsel eine neue künstlerische Leitung bekommt.

 

Kritikenrundschau

"Was geschieht, spielt sich in den Köpfen der Figuren ab", schreibt Christoph Funke (Der Tagesspiegel, 21.12.2010). Und die Figuren werden nicht kenntlich. Sie wollen einen Sinn finden für das, was sie tun oder eben nicht tun. Sie streiten über Lebensentwürfe und blenden das reale Dasein aus. Niemand bringt etwas zustande. Alle irren in einem selbst ausgedachten Niemandsland herum, ob sie Polen oder Deutsche sind, ob sie Arbeit haben oder einfach in den Tag hineinträumen". Claudia Grehn überlässe es dem Zuschauer, "was er mit den eigenwilligen Denkangeboten macht. Dechiffrieren ist angesagt." Aus diesem Grund ziehe Dominic Friedel "alle Register". Mitunter wähne man sich im Baumarkt, in einem Wechselspiel von Aufbau und Zerstörung entstünden flüchtige Räume. "Viel Krach, viel Wut, viel sinnleere Leidenschaft, manchmal dann auch Stille und Konzentration." Und den Schauspielern sei es zu danken, dass der Abend "überhaupt durchzuhalten" ist.

"Ernte" sei ein Stück "mit klaren Figuren und einer deutlichen Handlung, das bei dieser Uraufführung zugleich merkwürdig undeutlich wirkt", berichtet Hartmut Krug (Deutschlandfunk, Kultur heute, 20.12.2010). Weil Dominic Friedel "jede Abbildhaftigkeit energisch vermeidet, wodurch nicht alle Personen deutlich und alle Situationen klar werden". Die Inszenierung werde "durch eine langsame, ausgestellte, ja unterspielende Darstellungsweise geprägt, wodurch sich das Stillstandsgefühl der Personen bald auf den Zuschauer überträgt". Der Regisseur vermeide "allen Realismus und jede Psychologie und überführt das wortwuchernde Stationendrama mit dessen oft bedeutungshuberischem Text in ein durchaus einfallsreiches, aber zugleich die Bezüge und Situationen arg verknappendes Spiel". Man sehe "ein beredtes Gedankenstück". Claudia Grehns Drama sei "nicht einfach, es besitzt große, vor allem sprachliche Qualitäten, will aber oft auch zu viel bereden". Bei seiner Uraufführung sei es jedenfalls an "einen einfallsreichen Regisseur (geraten), der den Text klug kürzte, und an ein überzeugendes junges Ensemble, das ihn mit viel szenischem Leben erfüllte".

Dominic Friedel habe "ein Bewusstseins- und Gefühlsgefängnis inszeniert, aus dem es kein Entkommen gibt, obwohl - Wunder des Paradoxes! - das Bühnenbild stückchenweise zerlegt wird", meint Dirk Pilz (Berliner Zeitung, 21.12.2010) Die Uraufführung sei so genommen wie die Vorlage: "'Ernte' zeigt eine Welt in der Sackgasse." Die Figuren in Grehns Stück suchten "nach dem berühmten, vermutlich unmöglichen, nämlich richtigen Leben im Falschen". Friedel arrangiere die Szenen und Dialoge so, "dass alle Gesten, Worte und Aktionen ein gesellschaftliches Zustandsbild des rasenden Stillstandes entwerfen". Zudem gelte es Matti Krause zu huldigen, der "eindrücklich zu belegen vermochte, wie sinnreich der Bühneneinsatz einer Axt sein kann".

 
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