Wahnsinn Erinnerung

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 28. Dezember 2010. Die Erinnerung ist nicht nur das viel zu oft beschworene Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können; die Erinnerung ist auch die Hölle, in der wir ein Leben lang schmoren. Der Mann, um den es hier geht, wird von seinen Erinnerungen überfallen wie von einem prähistorischen Tier. Nur redend kann er sich den immer wieder aufziehenden Bildern aus seiner Vergangenheit stellen.

Der Mann ist an diesem intensiven Abend Alleinherrscher in Enda Walshs kurzem Stück zum langen Unglück mit dem Titel "The Small Things" (Die kleinen Dinge). Darin erzählt der irische Dramatiker ein absurdes Endzeitmärchen, das Angst und Hoffnung verströmt. Der namenlose Mann überlebte als Kind ein Massaker, das an Brutalität und Aberwitz schwer zu überbieten ist und ein Leben danach unmöglich macht. Eigentlich gibt es auch noch eine Frau, doch die könnte ebenso gut auch nur im Kopf des Mannes herumspuken, weswegen der Regisseur Alexander Frank nur ihre äußerst ergiebige Stimme (Sandra Gerling) in Szene setzt.

Das Ringen um die Ordnung der Dinge

Die Minibühne der Box im Schauspiel Frankfurt gleicht an diesem Abend einer geheimnisvollen Rumpelkammer. In der Mitte steht eine altmodische Nähmaschine, darauf allerlei Wunderlichkeiten, ein Wasserzerstäuber, eine Walze, ein Trichter und vielerlei Tüftlerkram wie unerkanntes Zeug mehr. Die Zeit steht hier längst still. Am rechten Rand wackelt noch ein Tischchen mit Gläsern darauf und ganz hinten wartet ein bemooster Sessel, links ein Öfchen. Der Boden ist verdreckt und es riecht ein wenig schön und ein wenig scheußlich nach feuchter Erde. Ein roter Theatersamtvorhang verdeckt das einzige Fenster, das mit Brettern vernagelt ist und aus dem später die Sonne strahlt.

smallthings2_eduarth_szekely
"The Small Things" © Eduarth Szekely

Zu Anfang breitet sich Nebel aus, und erst nach einer halben Ewigkeit beginnt der Mann zu sprechen. Er spricht aber nicht zu uns, sondern zu sich selbst und womöglich zu der Frau, deren Stimme zu ihm dringt wie ein Zauberspruch. Andreas Uhse spielt diesen Mann als einen, der großartig um die Ordnung der Dinge ringt. Sein kahler Schädel ist von einer Dreckschicht überzogen, die Augen rot unterlaufen. Hochkonzentriert sitzt er an dem Tischchen in der Mitte und würgt seine Vergangenheit hervor wie ein unverdautes Drei-Gänge-Menü. Wie paralysiert erzählt er Bruchstücke aus seinem Leben, die sich zu einer grauenvollen Geschichte formen.

Tränen der Erinnerung

Gemeinsam mit den Ausführungen der Frau rekonstruiert der Mann seine Vergangenheit wie einen bösen Traum. Dabei scheint es, als führe Uhses Mund ein unheimliches Eigenleben: Mal bläht er sich auf und wölbt Sätze in den Vordergrund, dann wird er ganz schmal und saugt den Ekel hoch, während sein Blick ins Ungefähre stiert. Dabei erinnert er entfernt an den englischen Patienten und dann wieder an einen x-beliebigen Greis, der im nächsten Moment schaut wie ein Baby. Gleich darauf verzieht sich sein Gesicht zu einer einzigen Trostlosigkeit. Ziemlich am Ende des nicht viel länger als eine Stunde währenden Abends steht ihm dann das Wasser in den Augen. Langsam rinnen die Tränen seine Wangen herab, während sich in seinem Kopf schon ein inneres Leuchten den Weg bahnt, das direkt aus seinen seelischen Eingeweiden zu kommen scheint. Kurz: Die Erinnerung ist ein Wahnsinn.

The Small Things
von Enda Walsh
Deutsch von Michael Driessen
Regie: Alexander Frank, Bühne: Anna Dischkow, Kostüme: Dorothee Joisten, Sounddesign: William Black, Dramaturgie: Nora Khuon.
Mit: Sandra Gerling und Andreas Uhse.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Bereits das Bühnenbild sei "eine Beklemmung", schreibt Konstanze Crüwell in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (30.12.2010). Aber auch der "grandiose Schauspieler" Andreas Uhse mache "die Qualen dieser kaum erträglichen Lebensgeschichte" überzeugend sichtbar". Sandra Gerling ist aus Sicht der Kritikerin Uhse eine ebenbürtige stimmliche Partnerin. Die Tatsache, dass sie unsichtbar bleibt, leuchtet Crüwell als Regieeinfall allerdings nicht ein.

Als "beeindruckend konzentrierte Leistung" lobt in der Frankfurter Neuen Presse (30.12.2010) auch Markus Hladek die Darstellung Andreas Uhses. Aber auch der Regisseur Alexanders Frank wird für seine doppelbödige Präzision gelobt. Die Becketthafte Reduktion des Abends kommt bei diesem Kritiker ebenfalls an, der auch die "hörspielartige" Frauenstimme aus dem Off einleuchtend findet.

Wie Krapp in Samuel Becketts "Das letzte Band" sitze er an einer mechanischen Gerätschaft, bei der es sich in diesem Fall indes um eine aufgeschraubte Nähmaschine zu handeln scheint, nicht um ein Tonbandgerät, so Stefan Michalzik in der Offenbacher Post (30.12.10). "Wie zu sich redet der Mann von Erlebnissen der Kindheit", aber diese sei keine ungetrübte Idylle gewesen. "Zeigen, wie es ist. Dafür braucht Regisseur Alexander Frank nicht Lärm und Furor (...). 'The Small Things' ist ein leises Stück, und leise ist die Inszenierung. Regelrecht konservativ, bewusst handwerklich mutet sie an – zu ihrem Besten. Fazit: "Diese kleine, konzentrierte Arbeit nimmt mit unaufdringlicher Eindrücklichkeit für sich ein."

Weil Andreas Uhse mehr auf zerbröckelnd als auf alt geschminkt ist, sehe man immer mehr von dem jungen Gesicht darunter, "es schält sich regelrecht heraus, das ewige Kind in dem Mann, für den die Zeit einst stehengeblieben sein muss", so Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (31.12.2010). "Uhse lächelt kindlich, aber so, dass es gerade noch nicht süßlich ist. Es ist allerdings auch deshalb nicht süßlich, weil die Geschichte zu entsetzlich ist". Der Mann und die Frau, die hier reden, waren in ein horrendes, grauenhaftes Massaker in ihrem Dorf verwickelt. "An diesem Ereignis jedenfalls – gäbe es kein Schwimmbad in dem Dorf, könnte es auch im Mittelalter spielen, in der Zukunft, in unserer Zukunft sowieso – hängt das ganze Interesse des Theaterabends. Auch Uhses seltsam hingegebenes Vorhandensein und Gerlings Stimme entwickeln erst Kraft und Spannung, als der Text an dieser Stelle angekommen ist. Das hat natürlich eine makabere Seite."

 

 
Kommentar schreiben