Biogemüse und andere Hilflosigkeiten

von Anne Peter

Berlin, 4. Oktober 2007. Quer geht sie mit dem vollen Nudelsieb über die Bühne, reißt das Fenster der Sophiensaele auf und – schwupps – schon ist die warm dampfende Pasta übers Sims geflogen. "Das ist das einzige, was mir zu Afrika einfällt", erklärt die an diesem Theaterabend fürs Kochen zuständige Schauspielerin trocken.

"Empathy Now", die "Theaterkampagne" der Off-Formation Lubricat um den Sophiensaele-Mitbegründer Dirk Cieslak, ist voll von solchen kleinen Aktionen des szenischen Aufdenpunktbringens. Die fliegenden Spaghetti klatschen der satten Überfluss- und Wegwerfgesellschaft sozusagen mitten ins Gesicht.

Noch einige andere Dinge wandern holzhammermäßig in den Mülleimer dieser Schauspieler-Wohngemeinschaft: eine unangebrochene Handcreme mit für Ersteweltlerinnen unverträglichen Substanzen, die Überreste eines vor der Live-Verspeisung weit gereisten Fisches und so manches Paar Schuhe, das frau zu viel hat.

Musizieren gegen die Armut

In Anspielung auf herrschende Mode- und Hygienefanatik werden Klamotten und Perücken oft gewechselt, noch öfter die Duschkabine besucht. Einer verfasst Briefe an Frau Merkel, eine andere malt Spruchbänder ("Wissen macht nix"), und alle musizieren sie; mehr schlecht als recht, Hauptsache gemeinsam.

Diese Prenzlberg-Mitte-Menschen spielen – ganz Privilegiertenkinder – Klarinette, Querflöte, Geige und Akkordeon. Dazu wird mal ein Gummihuhn angesungen, mal werden köstlich blöde Binsenweisheiten intoniert. Im hinteren Bereich der Bühne fläzt man sich im WG-Ambiente vor großer Plattenbautapete, im vorderen Teil versucht man in Einzelnummern ein ethisch korrektes Leben herbeizugrübeln.

Entgegen der Ankündigung ist diese Theater-Veranstaltung, die sich bewusst vor den Karren der UN-Millenniumskampagne gegen extreme Armut und andere Welt-Ungerechtigkeiten spannen lässt, kein Trainingsprogramm für Empathie. Denn man ist hier weit davon entfernt, auf Tränendrüsen zu drücken. Betroffenheits-gefährdete Monologe werden stets von Mitspielern unterbrochen, dezidiert als zu entwickelnde Theaterszenen ausgestellt und kommentiert. Aufs Korn nimmt die durchweg überzeugende Lubricat-Truppe dabei vor allem unsere eigene kleine Gutmenschen-Wirklichkeit mit ihrem Biogemüse, ihren Rastazöpfen und ihren nie umgesetzten Attac-Beitrittsvorsätzen. 

Sich selbst verwitzelnde Sonntagsredner

Die Stärke des mit zweieinhalb Stunden etwas zu lang geratenen Abends liegt allerdings nicht darin, dass er viele Dinge beim Namen nennt, die wir zwar oft, aber offensichtlich immer noch nicht oft genug gehört haben. Das können ebenso gut Politiker in ihren Sonntagsreden erledigen, und künstlerisch macht sich die Cieslak-Gruppe damit angreifbar. Zumal die Darsteller weniger als Figuren denn als Verlautbarer ihrer selbst verfertigten Textpartien auf der Bühne stehen. Plädiert wird da für die Abschaffung der Zölle für Dritte-Welt-Länder und für Ergänzungsgebote wie "Du sollst nicht ausbeuten". Dabei agitpropagieren hier jedoch keine Besserwisser. Fast jeder Satz erfährt sogleich seine Problematisierung oder zumindest Verwitzelung. Man treibt Spaß mit der eigenen Hilflosigkeit.

Was an Lubricats Selbstbefragungs-Collage am meisten besticht, sind nicht die Bekenntnisse zur "Fernstenliebe", sondern das unterhaltsame Illustrieren des Nächstenliebe-Mangels. Denn die kleinen Geschichten vom antisolidarischen Alltagshandeln pieksen irgendwie jeden. Dass da auch manche Albernheit oder Überdeutlichkeit dabei ist – geschenkt. Bestenfalls bemerkt man den Zaunpfahl erst, wenn er einem bereits übergebraten wurde.

"Wissen schafft Bewusstsein. Und das schafft dann die Veränderung." Wie ein Mantra streut Nils Bormanns Unbedarftling diese Gleichung immer mal wieder in seine herrlich naiven Auftritte. In diesem Satz klafft die ganze Paradoxie unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft. Wir wissen um die Ausbeutungs- und sonstige Missverhältnisse, aber zur Veränderung krümmt sich nicht mal der kleine Finger.

Bei aller Ratlosigkeit der Lubricatler, was konkrete Handlungsalternativen angeht, wird hier doch dem alten und ewig uneingelösten Traum davon Raum gegeben, dass Theater etwas bewirken könnte. Den Sprung zur Veränderung kann die Bühne selbst nicht tun. Bewusstseinsveränderung wäre schon viel. Auf dass es nicht nur die Pasta bis nach draußen schafft.

 

Empathy Now
Theaterkampagne der Berliner Gruppe Lubricat
Regie: Dirk Cieslak, musikalische Leitung: Santiago Blaum, Ausstattung: Kerstin Eichner, Filmteam: Hans Jürgen Moersch, Wolf Wachner, Patrick Lindhof. Mit: Niels Bormann, Kristina Brons, Anja Marlene Korpiun, Eva Löbau, Vannessa Stern.

www.sophiensaele.de


Kritikenrundschau

So ganz klar ist Ulrich Seidler (Berliner Zeitung, 6.10.2007) bis zum Schluss nicht geworden, wem mit diesem Abend eigentlich geholfen werden soll: "den vor Hunger sterbenden Globalisierungsopfern da unten im Süden oder den an Depressionen leidenden, behördlich geförderten Kunstmachern und Kunstzuschauern hierzulande". Es gebe psychodramatische Experimente, direkte Appelle, gruppendynamische Reflexionen zum Thema – und alles werde "im dichten Nebel der nicht akzeptierten Ohnmacht" diesen Verhältnissen gegenüber absolviert. "Es gibt kaum eine Minute an diesem Abend der Vergeblichkeit, in der man nicht in Tränen oder in Lachen ausbrechen müsste. Während andere sterben."

   

 
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