An den Rändern der Vernunft

von Dirk Pilz

Berlin, 20. Februar 2007. Ein großer runder Edelholztisch, versehen mit Mikrofonen, platziert auf einem lila ausgepolsterten Podest. Das ist der Ort des Geschehens. Er hat symbolischen Charakter: der Tisch als Hort eines rationalen Diskurses.

Eine Verhandlungsfläche zur Schlichtung von Konflikten. Aber die Wand, vor dem er steht, ist die Gestalt gewordene Ahnung, dass es mit dem Schlichten und Verhandeln nichts werden wird – in geschwungenem Bogen richtet sie sich empor. Normale Häuser haben keine solchen Wände. Heißt: Etwas stimmt nicht in diesem Raum von Muriel Gerstner. Man spürt es von Anfang an.

Durch diese Wand taucht Mutter Alving auf, wenn ihr Sohn Osvald zu erklären versucht, dass in seinem Kopf etwas schief liegt. Dass er Syphilis hat. Dass er die Krankheit des verstorbenen Vaters in sich trägt. Bruno Cathomas krümmt und windet sich als verlotterter, aufgeblähter Jazzer vor der Mutterstimme, die aus dem Lautsprecher streng besorgt fragt: "Osvald, was ist los?" Dann steht Bibiana Beglau, die Mutter, plötzlich hinter ihm. Hereingebrochen wie aus dem Nichts. Das jedoch gibt es nicht an diesem Abend: Hier ist alles belebt und von Gespenstern durchsetzt. Gespenster sind: die Wiedergänger einer Geschichte, die zwar vergangen, aber nicht verstanden ist. Die Gespenster als Statthalter jener Gefühle, die nach wie vor nicht vermögen, sich des Verstandes zu bedienen.

Ohne Zeigefinger der Wiedererkennbarkeit

Sebastian Nübling inszeniert an der Berliner Schaubühne "Gespenster", Ibsens berühmtes Familiendrama in drei Akten – und er hat nicht realistisch genommen. Nicht als langen Zeigefinger, der auf die Gesellschaft, das Draußen, die Leute zeigt. Er tut also nicht das, was Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier mit Ibsen immerfort und sehr erfolgreich tut: "Nora" vor fünf, "Hedda Gabler" vor zwei Jahren. Ostermeiers Theater operiert dabei mit einem realistischen Spiel, das sich fröhlich beim Als-Ob des Fernsehens bedient. Stets zelebriert er eine harmonisierende Ästhetik der Wiedererkennbarkeit. Er holt die Zuschauer dort ab, wo er sie vermutet: in ihrer eingehegten Gemütlichkeit. Der politische Impuls ist meist lediglich behauptet, die Tendenz geht auf Gegenwartsbeschwörung.

Und nun also Nübling an diesem Haus. Größer könnte der Unterschied kaum sein. Man muss es Ostermeier hoch anrechnen, dass er sich immer wieder Regisseure holt, die seinen ästhetischen Vorlieben widersprechen. Luk Perceval etwa, oder eben jetzt den 1960 geborenen Nübling, der in Berlin noch nicht gearbeitet hat. Nübling sagt: "Realismus heißt Widersprüche aushalten." Bei Ostermeier heißt Realismus, Widersprüche erklären. In seiner "Hedda Gabler" etwa werden die Figuren Beute einer begreiflichen Leidenschaft, gerät jeder in seinen seelischen Privataufruhr; in Nüblings "Gespenstern" sind sie von unbegriffenen Affekten, Ahnungen, Ängsten befallen. Er nimmt das Stück als Beleg dafür, dass an den Rändern der (vermeintlich) aufgeklärten Vernunft nach wie vor das Irrsinnsreich des Irrationalen wütet.

Den strengen, analytischen Aufbau des Textes hat er deshalb entschieden aufgebrochen. Durch die Lücken schlüpfen die Gespenster des Vernunftwidrigen – davor fürchtet sich eine kopfbeherrschte Zeit wie die unsrige am meisten. Pastor Manders ist hier kein Moralschnösel, sondern mit Robert Beyer ein schnittiger Anwalt, der im Nebenberuf den Pfarrer gibt, Jakob Engstrand (Jörg Hartmann) kein unterwürfiger Trottel, sondern gewiefter Handwerker und Regine (Lea Draeger), die heimliche Tochter des Herrn Alving, nicht das unbedarfte Mädel, sondern mal Lolita, mal Schreckgespinst. Vor allem aber ist Regine nicht allein: Wenn das Kinderlandheim, Symbol der unkontrollierbaren Vergangenheitsunterdrückung, niederbrennt, ist sie von fünf weiteren Regines umstanden. Lauter frühere Regine-Ichs, die mit bösen, unheildrohenden Augen stumm auf dem Tisch stehen. Horror pur.

Nüblings neue Ästhetik für Berlin

Die Schaubühne hat damit eine Ästhetik im Spielplan, die man sonst in der Stadt vergebens sucht. Oder anders: Die Bühne am Lehniner Platz scheint wieder einmal alles richtig gemacht zu haben, indem es einen Regisseur ins Programm setzt, der quer zur Hausphilosophie steht. Sehr clever, diese Schaubühne im Jahre sieben nach der Amtsübernahme von Ostermeier. Der ursprüngliche Anspruch auf ein Theater als "Ort der Bewusstwerdung und damit der Repolitisierung" ist zwar verschwunden, dafür weiß man sich geschickt im hauptstädtischen Aufmerksamkeitsdschungel zu behaupten.

Die Schaubühne ist ohnehin das deutsche Theater mit den meisten Gastspielreisen (derzeit vor allem mit "Hedda Gabler") und auf diese Einnahmen auch dringend angewiesen. Überdies verzeichnet sie eine beeindruckende Auslastung von 88 Prozent, leidet allerdings an einer strukturellen Unterfinanzierung von knapp 1, 2 Millionen Euro, zumal das als GmbH geführte Haus keine Planungssicherheit hat. Ohne Lösung dieser Probleme, droht der geschäftsführende Direktor Jürgen Schitthelm, können die Verträge mit der künstlerischen Leitung über 2009 hinaus nicht verlängert werden; das Theater würde dann in zwei Jahren den Betrieb einstellen.

Im Frühjahr wird verhandelt, mit dem Senat und der künstlerischen Leitung. Die Fakten liegen auf dem Tisch, der Ausgang ist offen und der Erfolg des Hauses nicht zu bestreiten.

 

Gespenster
von Henrik Ibsen
Deutsch von Angelika Gundlach
Inszenierung: Sebastian Nübling, Ausstattung: Muriel Gerstner, Musik: Lars Wittershagen, Dramaturgie: Jens Hillje, Licht: Erich Schneider.
Mit: Bibiana Beglau, Bruno Cathomas, Robert Beyer, Jörg Hartmann, Lea Draeger.

www.schaubuehne.de

Alles über Sebastian Nübling auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

in der FAZ (25.2.2007) freut sich Irene Bazinger über einen "beschwingt beschleunigten Klassiker" und das von Nübling aufgeweckte und angeregte Ensemble. Nikolaus Merck in der Frankfurter Rundschau hat eine Collage aus "Gedanken-Theater, Horrorfilm und cooler Unterhaltung" erlebt hat, in der etwaige "Zuschauerwünsche nach Seelenberührung" als "Gefühlsschmus" abgeschmettert werden. Esther Slevogt in der taz hat einem "nicht unspannenden Abend" allerdings mit haufenweise ungereimtem Regie-Sand im Ibsen-Getriebe angesehen. Und auch Christine Wahl findet das alles im Tagesspiegel ganz hübsch, bloß nicht zwingend. Peter Laudenbach in der Süddeutschen kann sich für Nüblings Behauptungen gar nicht interessieren.

 

 
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