Familie unterm Rettungsschirm

von Elena Philipp

Berlin, 07. Januar 2011. Aufgereiht auf einem langen Sofa sitzt die Familie Häusermann, unter einem riesenhaften Lampenschirm aus Flokati. Trainingshosen, Sportjacken, aufgeräumt adrett. Leicht skeptisch die Gesichter. Sechs Menschen unter der Schutzglocke staatlicher Fürsorge. Bine, ihr Mann Micha und die vier fast erwachsenen Kinder sind mit dem Jugendamt konfrontiert: Mike (Akhtarjan Saidi), der jüngste Sohn, ist schwul, und er ist von zuhause abgehauen, weil er mit niemandem reden konnte. Die Eltern haben genug eigene Probleme. Mike setzt einen Cut und zieht in ein Wohnheim. Die Geschwister Philipp (Knut Berger), Rachel (Svenja Wasser) und Vanessa (Katjana Gerz) ärgern sich, dass Mike macht, was er will, und die Mutter fühlt panisch die Familie auseinanderdriften. Übernormal dysfunktional? Weil Mike die Behörden verständigt hat, ist staatliches Handeln angesagt, und es wölbt sich der soziale Rettungsschirm über den Häusermanns (Bühne: Ramallah Aubrecht). Ein Familienrat wird einberufen.

Der Traum jeden Sozialpolitikers

In der Jugendhilfe sind Familienräte seit einigen Jahren eine angesagte Methode. Statt Hilfeplanung von oben zu erfahren, entscheidet eine Familie selbst über die Schritte zur Lösung ihres Problems – seien es Schuleschwänzen, Verdacht auf Kindesmissbrauch oder Kommunikationsstörungen wie bei den Häusermanns. Der familiäre Lösungsvorschlag wird von Experten und Sozialarbeitern auf seine Realisierbarkeit geprüft, doch für die Umsetzung ist die Familie mit ihren Verwandten, Freunden oder Nachbarn eigenständig verantwortlich.

Mündige Bürger statt Hilfsempfänger! Die Erfolgsquote ist hoch, und kostengünstig ist das Verfahren auch. Der Traum eines jeden Sozialpolitikers. Ein Pilotprojekt bundesdeutscher Jugendämter begleitete die Filmemacherin Bettina Blümner, bekannt und ausgezeichnet für ihren Dokumentarfilm "Prinzessinnenbad" (2007), zwei Jahre lang mit der Kamera. Aus dem Material entstand am Berliner HAU3 nun ihre erste Theaterarbeit. Unfreiwillig, anfangs: Mitglieder der Familie, die in Wirklichkeit nicht den Namen Häusermann trägt, waren mit einer Veröffentlichung der Filmmitschnitte nicht einverstanden, und Bettina Blümner wich auf das Theater aus. Zusammen mit Dunja Funke und Meike Hauck erstellte sie eine Textcollage und besetzte die Familienmitglieder mit Schauspielern.

Abgründe des Systems Familie

Die szenische Umsetzung ist minimalistisch: Blick ins Publikum, Umgruppierungen à la Familienaufstellung mit Sofa, Lichtwechsel, wenn eine der Figuren nach vorne tritt, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Über den Lampenschirm flackern Videoprojektionen. Oberkörper, Hände, Stimmen: der anonymisierte Original-Familienrat. Das Fallbeispiel ist klug gewählt, die Szenenmontage entwickelt einen Sog: Sprachlich entfaltet sich das System Familie mit all seinen Verstrickungen und Abgründen, aber auch in seiner Resilienz.

Bine (Gina Henkel) ist überfordert mit der 150-prozentigen Erfüllung der Mutterrolle. Brüllend bricht es aus ihr heraus: "Ich will einen Teil von meinem Leben zurück, nach zwanzig Jahren!" Die Entfremdung zwischen ihr und Micha (Harald Schott) scheint das Hauptproblem, nicht Mikes sexuelle Orientierung. Spannungslinien gibt es genug: Fünf Kinder von vier Männern hat Bine, der älteste Sohn Christian, aus erster Ehe, hat vor zehn Jahren den Kontakt abgebrochen. Bine begräbt ihre Sorge um ihn hinter der Versorgerfassade, und Micha ist machtlos. Mike hat dieses eingefahrene Familiensystem erschüttert. "Wir haben uns verraten gefühlt, dabei hat er uns nur wachgerüttelt", erkennt Philipp. Der Feuerwehrmann in Ausbildung übernimmt im Familienrat bald die Rolle des Verhandlungsführers, doch zur Familienrettung tritt schließlich der sonst passive Vater an. Dafür steht er sogar von der Couch auf und dreht sich zu Bine: "Ich habe nicht vor, mich von dir zu trennen." Endlich eine klare Ansage.

Im Besonderen scheint das Allgemeine auf

Mit "Der Familienrat" zeichnet Bettina Blümner ein abstrakt realistisches Sozialgemälde. Die sechs Darsteller überzeugen mit zurückgenommenem, sorgfältig akzentuiertem Spiel. Im Besonderen scheint das Allgemeine auf, und die leichte Ironie mindert den Unterschichten-Ruch. Konzentriert und reduziert ist der filmlange Theaterabend – bis kurz vor Schluss.

Abrupt verlässt man das Familienszenario. Mike tritt zum Monolog nach vorne. Neulich war der Vater mit ihm beim Verein, dachte, der Sohn spiele Handball. Dabei ist er seit fünf Jahren Cheerleader. Eine kurze, knallige Choreographie legen die Darsteller auf's Parkett – ein Bruch mit den bis dahin gewählten Theatermitteln.

Mike erzählt, dass er als homosexueller Jugendlicher für einen Dokumentarfilm gecastet wurde. Einen guten Stundensatz hat er ausgehandelt, 64,70 Euro. "Ich bin ja nicht doof." Gier und Nachmittagsfernsehen?! Die Figur Mike wird unvermittelt konkret, das Besondere trennt sich vom Allgemeinen, es reißt den Abend in eine völlig andere Richtung. Dann schaltet Blümner noch eine Videobotschaft nach: Als "Wunder" preist ein niederländischer Experte die Familienräte, weil sie Menschen in aussichtslosen Situationen wieder Hoffnung schenkten. Ein Ende wie ein Notausgang.

Was das Instrument Familienrat für die Häusermanns bewirkte, erfährt man nicht.

 

Der Familienrat (UA)
Regie & Recherche: Bettina Blümner, Dramaturgie & Stückentwicklung: Dunja Funke, Co-Autorin: Meike Hauck, Bühne: Ramallah Aubrecht, Video: Kai Ehlers.
Mit: Knut Berger, Katjana Gerz, Gina Henkel, Akhtarjan Saidi, Harald Schrott, Svenja Wasser.

www.hebbel-am-ufer.de

 

Kritikenrundschau

"Ein bisschen viel Alltag fürs Theater," befindet Patrick Wildermann im Berliner Tagesspiegel (9.1.2011). Die Dokumentarfilmerin Bettina Blümner sei eine feinfühlige und humorbegabte Beobachtungsvirtuosin. Das habe sie bereits mit ihrem Erfolgsfilm "Prinzessinnenbad" über drei schlagfertige Berliner Teenie-Freundinnen bewiesen. "Und sie belegt es neuerlich mit diesem Theaterdebüt. Ihr sechsköpfiges Stellvertreterensemble im Joggingchic der gehobenen Preisklasse stellt die Figuren nicht als Prekariatsneurotiker aus, sondern entspinnt ein durchaus sympathisches Psycho-Parlando mit Authentizitätsnachhall. Ab einem gewissen Zeitpunkt allerdings plätschert das – ohne weitere Experteneingriffe von außen – nur noch so vor sich hin."

Beate Scheder berichtet in der Berliner Zeitung (10.1.2011) nicht zuletzt von der Publikumsdiskussion nach der Aufführung, die zuerst "so dahingeplätschert" sei, um dann in Gestalt einer Frau in der zweiten Reihe an Fahrt aufzunehmen: "Sie hätte sich eine radikalere Lösung gewünscht, sagt sie. Der Vorschlag, die Familie aufzulösen, hätte zumindest formuliert werden sollen. Das Stück hätte ihr gefallen, aber man sollte das System Familie doch auflösen, wenn es keinen Sinn mache." Die Aufführung selbst zeige "keine Doku-Soap, wie man sie aus den Nachmittagsprogrammen kennt, kein Blut, keine Klischees, nur einmal Tränen - niemand wird vorgeführt, Probleme werden nur angedeutet. Mehr Alltag als Sensation. Familienzwist im pädagogisch wertvollen Wohlfühlmodus." Das Stück bleibe "irgendwie unentschieden. Eine radikalere Lösung wäre vielleicht doch besser gewesen."

 

 
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