Moralpredigt aus dem Jenseits

von Daniela Barth

Hamburg, 9. Januar 2010. Karg ist die Bühne, ein dunkelgrauer und schwarzer Guckkasten, der sich nach hinten verjüngt. Und karg ist das Stück. Das Drumherum der Uraufführung ist es nicht: Schon am Eingang blendet überfallartig grelles Kameralicht mitten hinein ins dichte Zuschauergedränge: Marie Bäumer hat ihr eigenhändig verfasstes Stück "Abschied" in den Hamburger Kammerspielen inszeniert und gibt damit ihr Autoren- wie auch Regiedebüt. Sie machte sich bisher als Schauspielerin mit Filmen wie "Der alte Affe Angst", "Der Schuh des Manitu" oder unlängst mit dem TV-Mehrteiler "Im Angesicht des Verbrechens" von Dominik Graf einen Namen. Das Theater hatte sie in der legendären Rolle der Buhlschaft im Salzburger "Jedermann" erobert.

Und selbst während der Aufführung fühlt man sich ungewohnt belauert. Ich jedenfalls. Der Herr neben mir scheint jede Regung meinerseits und meines Kugelschreibers mit großem Interesse zu beobachten. Und tatsächlich habe ich mich nicht getäuscht, gleich nach dem Schlussapplaus – ein höflicher Premierenbeifall – kann er nicht mehr an sich halten: "Und wie fanden Sie das Stück?" Ich antworte, gut domestiziert wie ich nun mal bin: "Naja, begeistert bin ich nicht." Dabei bin ich selbst nicht ganz sicher, ob damit seine Zumutung gemeint ist, mich das so frank und frei zu fragen oder ob es sich ausschließlich auf die Aufführung bezieht. Die Reaktion des Herrn fällt dann auch eher verunsichert aus: "Soooso. Naja. Aha. – Warum?" Na, jedenfalls wollte er mir seine Meinung nicht aufdrängen. Wichtiger ist ohnehin die Frage: Warum?

Frühsportlerin und Ausschläfer

An den Schauspielern kann's nicht liegen. Allein Peter Franke ist ein Garant für versiertes, überzeugendes Handwerk auf der Bühne, und seine junge Partnerin Laura Lo Zito besitzt jenes unwiderstehliche Charisma kraftvoller, feuriger Darstellungsleidenschaft, die es manchmal schafft, Funken überspringen zu lassen. Um so mehr fällt aber auf: Hier gelingt es nicht. Und auch Peter Franke erscheint die ganze Zeit über unterfordert und durch eine eigenartige Substanzlosigkeit des Stückes – oder besser Szenencollage, in der geradezu hektisch ein- und ausgeblendet wird – in seiner Schauspielkunst ausgebremst zu werden.

Es geht wohl um eine große Liebe. Genaues weiß man nicht und wird es im Laufe der 75 Minuten "Abschied" auch nicht erfahren. Ein Mann und eine weitaus jüngere Frau begegnen sich in einem Lokal. Sie tanzen miteinander respektive versuchen es und bleiben beisammen, wobei sich diese Beziehung vermutlich zu einem merkwürdig ungesunden Abhängigkeitsverhältnis entwickelt. Zumindest deuten das Sätze wie "Wir haben ein Herz, wir sind ein Körper" an. Der Altersunterschied wird immerhin thematisiert, aber auf eine recht triviale Weise: Die Frau zelebriert expressiv Frühsport und damit ihre Vitalität, während der alte Partner schläft. An dieser Stelle sei auch das "Jourist Quartett" erwähnt, das Highlight dieser Aufführung: Die vier Musiker begleiten den "Abschied" durchgängig auf Bajan, Violine, Gitarre und Kontrabass russischen Konzerttango. Das ist schön.

Franz und der Werwolfschmerz

Nach einer offenbar intensiven gemeinsamen Zeit setzt der Tod – Marie Bäumer gibt ihm einen Namen: "Nennen wir ihn Franz" – dieser Beziehung ein Ende. Der Mann stirbt und die Frau bleibt allein zurück. Doch die Frau möchte – oder kann? – sich dieser Tatsache nicht beugen, verfällt in eine wütende Ohnmacht, eine heftige Depression und – verlernt das Laufen. Man könnte es auch einfacher ausdrücken: Sie trauert. Bei Marie Bäumer erhält diese Trauerwut den Namen "Werwolfschmerz", der unterm Bette hockt und knurrt und beißt und manchmal markerschütternd brüllt. Und sonst?

Mann und Frau halten Kontakt zwischen den Welten. Der Mann muss dann auch aus dem Jenseits heraus noch so eine Art Moralpredigt halten: über das menschliche Unvermögen, "Abschied nehmen zu können". Was sie, die Frau, in ihren Briefen/Monologen an ihn ja sowieso ohne Unterlass referiert. Am Ende wird sie den Mann verabschieden und gehen lassen. Um ihr Leben alleine zu leben. Allerdings läuft sie erstmal rückwärts... Aber warum? Naja, hören wir lieber noch ein bisschen Tango.

"(...) Weil berührt zu werden genau das ist, was ich im Theater und Kino erleben möchte. Ob ich lachend oder weinend aus einer Aufführung gehe, ist mir fast egal, eine emotionale Höhe sollte jedoch als Mindestvoraussetzung schon garantiert werden, sonst fühle ich mich als Zuschauerin betrogen". Wer das gesagt hat? Marie Bäumer. So jedenfalls wird sie im Programmheft zitiert. Wie Recht sie hat.

 

Abschied
von Marie Bäumer
Regie: Marie Bäumer

Mit: Peter Franke, Laura Lo Zito und dem Jourist Quartett.

www.hamburger-kammerspiele.de

 

Die Schauspielerin Laura Lo Zito hat im Theater schon mit sehr unterschiedlichen RegisseurInnen gearbeitet. Zuletzt stand sie u.a. für Frank Castorf an der Volksbühne (Ozean, November 2009) und Katharina Thalbach an der Komödie am Kurfürstendamm (Wie es euch gefällt, Januar 2009) auf der Bühne.


Kritikenrundschau

Keine Gnade zeigt Monika Nellissen in der Welt (11.1.2011) mit der Debütantin Marie Bäumer: "Sollte sie lieber vorerst keine Stücke mehr veröffentlichen, die nicht sorgfältig von einem Verlag bearbeitet wurden? Sollte sie vorerst die Finger vom Inszenieren lassen, vor allem vom Regieführen bei eigenen Stücken? Unbedingt."

In die selbe Kerbe haut -itz in einer kurzen Kritik im Hamburger Abendblatt (11.1.2011): "Mit dem Doppeldebüt hat sich Bäumer eindeutig überhoben, erntete dank ihres Rufs beim höflichen Schlussbeifall für die Protagonisten und Musiker kaum Buhs, wäre jedoch besser beraten, sich künftig wieder auf ihr eigentliches Können vor der Kamera zu konzentrieren."

 

 

 
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