Dramatiker-Hype, heruntergekocht

von Marcus Hladek

Frankfurt am Main, 11. Januar 2011. Die "Box" im Frankfurter Schauspiel-Foyer ist unter Oliver Reese ein Ort für vielerlei, was kurz geprobt und mit dem Textheft in Händen gespielt wird – nicht zuletzt auf Jugend berechnete Produktionen. Hier ein "großes" neues Stück des Nachwuchsdramatikers 2010 zu spielen, käme einem Akt der Verschwendung gleich. "Herkules Manhattan/Der Tunnel" hat denn auch wenig mit den Stoffen und Qualitäten gemein, mit denen Nis-Momme Stockmann sonst beeindruckt: der Vorliebe für das Gewöhnliche und Ausgeblendete in seinen Abgründen, dem Horror der Familie, der Chronistenhaltung unter Verzweiflung und Grausamkeit.

Ein Stück der Gattungsgeschichte ist dies "Kompendium" ("10.000 Jahre Kulturgeschichte...") so wenig wie ein knapp gefasstes Lehrbuch. Seine Spielform ist vielmehr ein buntes Sammelsurium von Einfällen und Elementen, das als "transmediales Varieté" besser umschrieben ist. Vielleicht sind die Gruppenarbeiten der Reihe für Stockmann ein Schonraum vor dem Stockmann-Hype.

Singen, Spielen, Rumlaufen und schöne Gesichter Haben

In "Time Tunnel" triumphiert die oberflächlich affektierte Anders-Zeit. Bühne und Kostüme (Lene Schwind, Yassu Yabara) legen die Szene auf die Fantasiewelten heutiger Nerds und Rollenspieler fest: Selbstgebastelte Wappenschilde und Schwerter zieren die Wand hinter der Tafel voll feudaler Trinkpokale und frugaler Speisen. Wämser, Kettenhemden, Strumpfhosen, Spitzhüte geben uns den Ritter und Pagen, das Minnefräulein eines Fantasy-Mittelalters à la Mel Brook, als befänden wir uns auf einer "Warcraft"-Promotion; dazwischen ein Darsteller mit Glupsch-Brille und "Herkules-Manhattan"-Initialen auf dem Sweatshirt. Acht Akteure besorgen das "Singen, Spielen, Rumlaufen". Die geisterhaft-skurrile Musik und das "schöne Gesichter Haben" obliegen Charlotte Simon und Zink Tonsur: mit dem Kostüm im fadenscheinigen Mittelalter, mit den Fingern auf Tastatur und Elektronik.

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Rittertrash und Kulturgeschichte in "Herkules Manhattan" © Birgit Hupfeld

Im Ganzen ergibt sich eine Ästhetik zwischen "Per Anhalter durch die Galaxis", René-Pollesch-Soaps und studentischen "Schmalclub"-Events aus den Zeiten William Forsythes. Klar, dass so etwas einen ordentlichen Vorspann braucht. Während in Projektion die rotierende Spirale der klamottigen US-SciFi-Serie "Time Tunnel" erscheint, besingen die Akteure im Chor den "Zeitstrudel" und leiten so vom Feudalgehabe zum Space-opera-Chargieren über. Der kassenbebrillte "Carlos"-Darsteller im Scholaren-Talar findet jeden ihm dargebotenen Gegenstand "scheiße" und fürchtet, "reamateurisiert" zu werden; eine Darstellerin gerät über dieselben Objekte in pathetisches Jubilieren, um dann, parodiert hochliterarisch, vom "Kotzen zur Unendlichkeit" zu bramarbasieren.

Gebetstrommeln und Megaphalloi

Im Sinn einer Handlung ergibt all dies wenig Sinn. Mal geraten die Darsteller im Furor einer antikapitalistischen Tirade ins zerrspiegelnde Metaebenen-Springen, mal markiert ein ausgebrochener "General" kurzfristig Versatzstücke einer griffigeren Handlung. Dann wieder strukturiert ein Darsteller das Geschehen mit der tibetischen Gebetstrommel, oder ein Chor leistet dasselbe mit einem Brecht-like eingestreuten Song, der unversehens zur chorischen Forderung nach einem Musical wird.

Längere Filme ergänzen den knapp neunzigminütigen Abend. Einer simuliert im Gespräch des Dramatikers mit einem Königsteiner Museumsexperten, den Stockmann (der Tibetologie studiert hat) unter buddistischen Exponaten nach dem Mittelalter fragt, eine intellektuelle Nachdenklichkeit im gefaketen Stil der Abendprogramme Alexander Kluges. Ein anderer spielt erneut das Mittelalter-Thema aus: in skurriler Rollenspieler-Ausstattung mit Filmtricks von Playmobil-Anmutung, Godzilla-Drachen und einer komischen Orgie mit metergroßen Megaphalloi und heraushängendem Papiergedärm.

Jenseits der Dramen-Dressur

Einer Spielwiese gleicht dieses "Time-Tunnel"-Kapitel insgesamt. Gut möglich, dass der kalkulierte Kontrollverlust in einer Kollektivarbeit Stockmann als Vehikel dient, um den Grad, die Dichte und Zielrichtung seiner autoriellen Kontrolle zu variieren und für sich am, wie er sagt, "Wesen des Autoriellen" zu schrauben, also Möglichkeiten der Veränderung abseits marktbedingter Dramen-Dressur auszuprobieren, die junges Publikum teilweise abschreckt und das Theater schwächen mag. Gewiss hat das Ergebnis etwas von "Spielkind" und führt in sich nicht weit. Doch fügt sich "Herkules Manhattan 2" als Mosaiksteinchen in ein sich verdichtendes Bild neuerer "Post"-Dramatik, die das Drama über eine Fülle schwächerer Versuche zu neuen, gültigen Dramenformen führen mag. Postdramatik wäre dann morgen schon gestern.

 

Herkules Manhattans holistisches Kompendium des modernen Seins, Kapitel 2: Time Tunnel
Text und Regie von Nis-Momme Stockmann (Mitarbeit) und Waldemar Scheiermann.
Kostüme, Bühne, Gelöt: Lena Schwind, Yassu Yabara, Musik: Charlotte Simon, Zink Tonsur, Video, Grafik: Christian Prasno.
Mit: Ana Berkenhoff, Bettina Bruinier, Lea Søvsø, Herbert Fritsch, Benedikt Greiner, Florian Mania, Robert Oschmann, Wendell Seitz.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Mehr zu Nis-Momme Stockmann? Seine mäandernden Poetologien, die in Herkules Manhattan ihren Niederschlag finden, deuteten sich schon bei den Mülheimer Theatertagen an. Mehr zu Stockmanns "Wesen des Autoriellen" gibt's hier.


Kritikenrundschau

"Projektwoche nennt man so etwas in der Schule", befindet Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (13.1.2010): "Ausgangspunkt ist eine muntere Tafelrunde; zur Stärkung bekommt auch das Publikum beim Einlass eine Dose Bier. Textblöcke werden halb gespielt, halb abgelesen." Zwischen Ritterklamauk und Filmeinspielungen scheint sich die Rezensentin gelangweilt zu haben, wie ihr Fazit nahelegt: "Das Spannendste ist nach eineinhalb Stunden, auf wie viele Arten man 'Ende' sagen kann."

Einmal nur habe er gelacht, bekennt Michael Hierholzer im Lokalteil der Frankfurter Allgmeinen Zeitung (13.1.2010). "Aber vielleicht war ja überhaupt alles gar nicht so lustig gemeint, wie es daherkam, und der schale Eindruck, den das geschwätzige, anspielungsträchtige, trashige Spiel mit dem Nicht-Spiel hinterließ, war letztlich ein erwünschter Effekt. Womöglich waren schon die am Eingang offerierten Bierdosen ein Hinweis darauf, dass man das Ganze ohnehin nur volltrunken ertragen könne, wozu es allerdings auch nicht kam, da kein Gerstensaft nachgereicht wurde. So blieb am Ende die nüchterne Erkenntnis, dass die modrigen Pilze, zu denen die sinn- und bedeutungsvollen Wörter am Anfang der Moderne zerfallen waren, noch immer das Geschmacksempfinden stören, wenn sie auf eine derart penetrante Weise serviert werden." Die Reflektionsschraube drehe sich in einem unendlichen Gewinde, aber alles gehe im Überdruss unter. Stockmann selbst führe den Leiter des Kronberger Burgmuseums vor, "gerade so, wie es seit geraumer Zeit in jeder drittklassigen Fernsehshow, aber auch bei Harald Schmidt oder Christian Ulmen üblich ist".

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