Von unserer Unfreiheit am Hindukusch

von Simone Kaempf

Potsdam, 12. Januar 2011. Zeitungsausschnitte hängen ringsherum an den Wänden, Aktenschränke und Tische stehen seitlich, als sei diese Bühne ein großes Büro. Oder ein Zelt, mit hohen Stangen auf die Bühne gestellt. In der Mitte eine Leinwand, auf der bereits bevor es losgeht Bilder aus einem ganz anderen Teil der Welt zu sehen sind: Steppe, Pferde, ein Mann in afghanischen Gewändern.

Zwei Welten sind an diesem Abend von Anfang an präsent: jene abgeklärte Gesellschaft, die glaubt, Krieg hinter sich zu haben und Konflikte im Diskurs zu lösen versucht und jenes sich im Krieg befindende Afghanistan, in dem Gewalt an der Tagesordnung ist.

Hoffnungen auf die große Ratsversammlung

Bald erzählt auf der Leinwand Thomas Ruttig, im Jahr 2002 UN-Berater der Loya-Jirga-Kommission, von jener Phase, als man glaubte, auf der Stammesversammlung mit 1500 Teilnehmern über die Zukunft Afghanistans diskutieren zu können. Die gewaltfreie Lösung, ein dritter Weg schien möglich, zumindest für Ruttig, bis plötzlich offenbar wurde, dass schon längst andere Pläne geschmiedet wurden, um Hamid Karzai einzusetzen. Wie dann die Amerikaner mit Millionenbeträgen die Warlords stärkten, um sie im Kampf gegen die Taliban zu gewinnen, ohne deren eigene Interessen zu durchschauen und vielleicht auch nur, weil keine Alternative blieb. Die Provinzfürsten kauften Waffen und verdienten neues Geld durch Opiumanbau. Irgendwann stockt Ruttig in dem Interview die Stimme und die Vokabel vom totalen Desaster fällt.

Eine ganze Reihe von Beteiligten kommt an diesem Abend zu Wort, für den Regisseur Clemens Bechtel und Dramaturgin Ute Scharfenberg Dutzende Recherchegespräche geführt haben und viel Material auf die Bühne bringen. Statements vom Sprecher des Afghanistan-Einsatzkommandos der Bundeswehr, das seinen Sitz in Geltow bei Potsdam hat, von Politikern und Entwicklungshelfern werden auf Video eingespielt. Die sechs Schauspieler übernehmen auf der Bühne weitere Texte von Bundeswehr-Soldaten, einer Ärztin, die in Afghanistan im Einsatz war, Politikern und Dschihad-Kämpfern.

Scharnierwerk aus Widersprüchen

Auch die 1975 in Kabul geborene Terishkova Obaid, Vorstandsvorsitzende des Afghanischen Kommunikations- und Kulturzentrums in Berlin, steht auf der Bühne, erzählt von ihrer Kindheit in Kabul. Als Puzzlestück im Gesamtmaterial öffnen grob skizzierte Szenen aus ihrer Kindheit den Blick auf die Tragik der Situation. Denn so wenig scheint sich verändert zu haben, dass ihre Erlebnisse aus den achtziger Jahren mit Bombenkontrollen am Schuleingang und der Entführung ihres Bruders in eine pakistanische Koranschule sich heute wohl nicht viel anders anhören würden.

In ihrem Auftritt unterscheidet sich Obaid nicht erkennbar von den Schauspielern, die mal aus den Akten vorlesen und Informationen referieren oder kleine Spielsituationen simulieren. Manchmal mischt sich ein Affekt ins Sprechen, eine Verve, von der man nicht immer weiß, ob sie aus dem Originalmaterial oder aus der Suche nach einer Spielweise stammt, die nicht rein analytisch oder kühl zitierend sein will. Und nicht immer weiß man, von wem der Text auf der Bühne eigentlich stammt. Was aber letztlich keine Rolle spielt. Nicht aus dem Einzelschicksal, sondern aus dem Geflecht der unterschiedlichen Perspektiven entwickelt sich die Verfahrenheit und Ausweglosigkeit. Ein Scharnierwerk aus Widersprüchen, in dem jede scheinbare Lösung andere Lösungen untergräbt und neue Probleme provoziert.

Man erfährt vom Auftrag der Einsatzkräfte, hochbewaffnet und mit gepanzerten Fahrzeugen Präsenz zu zeigen, und dann berichtet der Entwicklungshelfer, das Militär brauche nur beim Bau eines Krankenhauses aufzutauchen und schon sei man gebrandmarkt und damit auch Ziel der Taliban. Die Amerikaner stärkten die Warlords, um Verbündete im Kampf gegen die Taliban zu gewinnen, und ein deutscher General erzählt, wie einer der Stammesfürsten im Norden des Landes künstliche Bedrohungen schafft, sich als Retter anbietet und auf diesem Weg seine eigene Macht stärkt. Die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre wird anhand von Details skizziert. Eine Verdichtung, auch wenn sich die Anfangsszenen erst einmal dehnen.

Panzer, die Samson heißen

Weit holt der Abend aus, erzählt von 11. September, und wie ein junger Dschihadkämpfer sich angestachelt fühlt, in den Glaubenskrieg zu ziehen. Es werden auch Tagebuchaufzeichnungen des deutschen Islamisten Eric Breiniger dazugeschnitten, sein Fabulieren vom Märtyrertod. Und der Schrecken darüber entfaltet sich langsam in der Gegenüberstellung, wenn man von Frust und der Langeweile deutscher Bundeswehrsoldaten erfährt, die ihr Einsatzlager nur selten verlassen dürfen. Die ihre Panzer nach Figuren aus der Muppetshow benennen und als Weihnachtsgeschenke Paschtunenmützen nach Hause schicken, mit der Anmerkung, auch Osama bin Laden trage solche Kopfbedeckungen.

Die Szenen mit den fiktiven Bundeswehrsoldaten erzählen, wie man konkret damit umgeht, in einem Kriegseinsatz zu sein, der völlig außer Kontrolle geraten ist. Friederike Wilke spielt in einer der eindringlichsten Szenen eine Einsatzkraft, die bei den alliierten Streitkräften nach Särgen fragt, feststellt, dass die einen nur Plastikleichensäcke dabei haben, andere gar nichts, die Bundeswehr nur Restbestände in zu kleinen Maßen, darüber in Verzweiflung gerät und sich gleichzeitig fragt: "Was hätten wir gedacht, wenn wir mit Särgen angereist wären?"

Antworten gibt der Abend keine und doch betreibt er Aufklärung über die Unmöglichkeit einer richtigen Entscheidung. Ob das Mandat des Afghanistan-Einsatz nun mit großer oder kleiner Mehrheit verlängert wurde, ob der Rückzug 2014 oder erst 2040 erfolgen wird, jede Entscheidung steht in einer Kette von Ereignissen, deren wuchernden Kräften man mehr ausgesetzt ist, als dass man sie bestimmen könnte. Das macht dieser Abend höchst plastisch, der zwar formal nicht vollends zu überzeugen vermag, aber sehr dicht an die Wucherung des Konflikts heranführt.

 

Potsdam - Kundus (UA)
Konzept, Buch und Regie: Clemens Bechtel, Bühne und Kostüme: Till Kuhnert, Dramaturgie: Ute Scharfenberg, Videoaufnahmen und -bearbeitung: Steffen Lozanski.
Mit: Friedemann Eckert, Christoph Hohmann, Nele Jung, Marcus Kaloff, Michael Schrodt, Friederike Walke, Terishkova Obaid.

www.hansottotheater.de

 

Mehr von Clemens Bechtel: Im Oktober 2008 brachte er in Potsdam Staats-Sicherheiten heraus. Der Dokumentartheaterabend, in dem fünfzehn Menschen erzählen, wie sie in die Fänge der Stasi gerieten, wurde im Februar 2009 mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet. Im November 2009 folgte Vom Widerstehen.

 

Kritikenrundschau

Die Bühne ist eine Art Lagezentrum, ein Ort, an dem Informationen gesammelt und ausgewertet werden. "Doch all das Wissen hilft nicht, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Weil die Weichen schon zu Beginn des Engagements falsch gestellt wurden, wie Thomas Ruttig, ehemals stellvertretender Sonderbeauftragter der EU für Afghanistan, in einem Video erklärt", erzählt Jörg Giese in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (14.1.2011). Regisseur Clemens Bechtel habe sich für seine Inszenierung "Potsdam-Kundus" eine denkbar schwere Aufgabe gestellt, "er will den Afghanistan-Krieg so transparent machen, dass sich die Zuschauer für die Meldungen der Medien, die inzwischen nur noch an uns vorbeirauschen, wieder interessieren". Der Abend mute dem Zuschauer einiges an Material zu, "ohne je zu ermüden". Fazit: "'Potsdam-Kundus' kann und will nicht mehr sein als Anstoß, sich selbst mit dem Konflikt zu beschäftigen. Was schwierig genug ist. Aber es gelingt."

"Es ist Krieg, und nichts ist gut in einem Krieg. Das sagt der dokumentarisch interessierte Theaterabend 'Potsdam - Kundus' von Clemens Bechtel am Hans-Otto-Theater. Mehr sagt er nicht, auch nicht weniger", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (14.1.2011). "Nichts ist einfach in einem Krieg, auch das ist die Botschaft. Klingt simpel? Es klingt nur so", denn Bechtel entblättere binnen zwei konzentrierten Stunden so viele verschiede Geschichten, Ansichten, Erfahrungen zum Kriegsleben in Afghanistan, "dass es einem danach deutlich schwerer fällt, einer gefestigten Meinung anzuhängen". Es sei gut, dass diese authentischen Texte sechs gute Schauspieler spielen. "Sie entziehen sie einer falsch verstandenen, gefühligen, korrumpierenden Emotionalität. Sie räumen den Blick frei auf die Widersprüche, in die jede ernsthafte Beschäftigung mit dem Afghanistan-Krieg führt, führen muss.

"Willkommen in der Wirklichkeit, die einem hier Wort für Wort, Zitat für Zitat so gnadenlos um die Ohren gehauen wird, dass am Ende, nach knapp zwei Stunden, angefüllt mit Monologen, Dialogen und Wortgefechten, nur noch Ratlosigkeit und Hilflosigkeit übrigbleiben, so Dirk Becker in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (14.1.2011). Der Abend sei eine Tour de Force in mehreren Akten für sechs Schauspieler und sieben Mitwirkenden, Menschen also, die über ihre Arbeit, ihre Verbindungen mit Afghanistan reden. "Wer nach dieser packenden und so erschütternden, so simplen und gleichzeitig so wuchtigen, so verzweifelt und so wütend machenden, also so grandiosen Inszenierung mit ihren so unspektakulär großartig agierenden Schauspielern noch immer glaubt, dass Afghanistan auf dem besten Weg zum Frieden ist, kann nur ein unverbesserlicher Gutgläubiger oder ein ausgemachter Narr sein."

"Die Inszenierung bezieht weder Position noch agitiert sie. Sie informiert, umfassend. Dadurch wirkt der Abend nicht nur wegen seiner Fakten, sondern auch wegen seiner meist trockenen Ernsthaftigkeit bedrückend. Immer wieder aber gibt es auch emotionalisierende Szenen", berichtete Hartmut Krug nach der Vorstellung auf Dradio Fazit Kultur vom Tage (12.1.2011). Clemens Bechtels Dokumentartheater wirke "mal anregend und dann wieder anstrengend oder auch ermüdend. Er ist kein Theatererlebnis oder Theaterfest, sondern ein teilweise von arabischer Musik untermalter Arbeitsabend. Arbeiten müssen gleichermaßen die Schauspieler wie die Zuschauer, die schließlich umfassend informiert sind, sich aber dennoch oder gerade deshalb hilflos fühlen."

"Clemens Bechtel und sein Team machen keine Kunst, sondern demonstrieren die Kapitulation der Kunst vor der Wirklichkeit. Diesen Mut muss man auch erst mal haben", schreibt Esther Slevogt in der TAZ (15.1.2011). Der Abend füge "widersprüchliches Material zu einem Katastrophenkaleidoskop", wobei die "Splitter" in "Spielszenen zwischen den Filmausschnitten von sechs Schauspielern szenisch nachvollziehbar gemacht" würden. "Am Ende entsteht ein ebenso bestürzend heilloses Bild von der Lage im Land, von der Aussichtslosigkeit internationaler Intervention und ihrer Notwenigkeit gleichermaßen." Im Vergleich zu Hans-Werner Kroesinger (Slevogt: "Der virtuoseste unter den Theaterdokumentaristen") verfügten "Bechtel und sein Team bei weitem nicht über die formale Virtuosität, mit der Kroesinger seinen Stoff aufbereitet und in Szene setzt." Dennoch sei "das Ungeschliffene, immer wieder auch inhaltliche Abstürzen eine Qualität des Abends."

 

 
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