Buße tun oder sich feiern lassen?

von Thomas Askan Vierich

Wien, 14. Januar 2011. "Rausch" ist eines der meistgespielten Stücke von August Strindberg. Er hat es in wenigen Wochen Anfang 1899 geschrieben – und darin neben Erlebnissen aus seiner Pariser Zeit auch seine Auseinandersetzung mit dem Mystizismus verarbeitet. Es markiert Strindbergs Übergang vom Naturalismus zum Expressionismus, als er seine "Inferno-Krise" voller Selbstzweifel überwunden hatte. "Rausch" erzählt wie im Zeitraffer vom Aufstieg und Fall eines Dichters und stellt die Frage, ob böse Gedanken böse Ereignisse zur Folge haben können.

Kann man durch Gedanken morden?

Der Dramatiker Maurice verrät am Abend seines größten künstlerischen Triumphes sowohl seine Verlobte Jeanne als auch seinen besten Freund: Er feiert mit dessen Freundin Henriette, einer Femme fatale. Liebe entbrennt, Dichter und Femme fatale wollen durchbrennen – nur leider hat Maurice familiäre Verpflichtungen: Es gibt ein Kind mit seiner braven Verlobten Jeanne. Maurice und Henriette wünschen, das Kind wäre tot. Am nächsten Morgen ist es gestorben.

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© Reinhard Werner

Die Polizei verhaftet den Dichter, sein Stück wird abgesetzt. Tief ist der Fall, zu Ende der Liebesrausch. Dann stellt sich heraus: Das Kind ist eines natürlichen Todes gestorben. Von seinen Gewissensqualen erlöst das Maurice nicht: Er hat in Gedanken gemordet. Also sucht er Zuflucht im Schoß der Kirche. Gleichzeitig bekommt er die Nachricht, dass er rehabilitiert sei, sein Stück werde wieder gespielt, er solle ins Theater kommen, wo ihm gehuldigt werde. "Das habe ich nicht verdient", stöhnt er. Der anwesende Priester stimmt ihm zu. Was soll Maurice machen: Buße tun oder sich feiern lassen? Dann findet er die Lösung und erklärt dem Priester: "Heute abend treffe ich Sie in der Kirche, um mir über alles klarzuwerden – aber morgen gehe ich ins Theater!" Vorhang.

In diesem Schluss steckt natürlich viel bittere Selbstironie. Deshalb hat Strindberg sein Stück als "Komödie" bezeichnet. Der ursprüngliche Titel "Verbrechen und Verbrechen" wird der Sache eher gerecht. Das klingt nach Dostojewski. Ein wenig Nietzsche ist auch dabei: "Manchmal kommt mir die Religion vor wie eine Strafe, denn keiner kommt zu ihr, der nicht ein schlechtes Gewissen hat", heißt es kurz vor Ende.

Diabolik mit Routine

Regisseur Stefan Pucher gelingt es in der ersten halben Stunde die komischen Seiten dieses wahnwitzigen Stückes voller Paranoia herauszuarbeiten. Es gelingt ihm aber nicht, den sich überstürzenden Ereignissen Spannung und Atmosphäre zu geben. Dafür reichen die Videoeinspielungen nicht, die in unscharfen Schwarz-Weiß-Bildern zeigen, was auf der Bühne nicht stattfindet: Die erste Szene auf dem Friedhof hat er fast komplett verfilmt (eine gute Idee!). Man sieht Ignaz Kirchner als Abbé, der seine geschminkten Lippen zu dämonischen Fratzen verzieht. Der Abbé taucht im Verlauf des Stücks immer wieder als undurchsichtiger Gottesmann auf, diabolisch grinsend. Das erledigt Kirchner mit Routine. Schnell ist klar: Hier ziehen höhere Mächte die Strippen.

Leider agieren seine Kolleginnen und Kollegen sehr hüftsteif – mit Ausnahme von Lucas Gregorowicz, der Maurice durchaus temperamentvoll und glaubwürdig in seinen Seelenqualen darstellt. Der Rest des Ensembles ist unverständlicherweise zum Stillstand verdammt. Sie dürfen nur ihren Text aufsagen, stehen oder sitzen mit hängenden Armen herum, reden aneinander vorbei. Da ist keine Bewegung, keine Emotion.

Durften sie nicht? Oder konnten sie nicht? Catrin Striebeck als Henriette nimmt man die Femme fatale keine Minute ab, Jörg Ratjen als betrogener Freund wirkt wie ein blutleerer Beckmesser, der manchmal ein nettes Bonmot von sich geben darf. Dorothee Hartinger bleibt als braves Mädel Jeanne blass. Selbst Petra Morzé hätte eigentlich mehr aus ihrer Rolle als bodenständige Wirtin, die in dem ganze Irrsinn die einzige Vernünftige zu sein scheint, machen können, machen müssen.

Das ist die Hölle!

Aber was heißt Irrsinn? Davon war eigentlich selten etwas zu spüren. Das Ganze läuft statisch, lustlos, im besten Fall routiniert über die Bühne. Wie kann das sein? Bei Strindberg wird geliebt, gehasst, betrogen und gelogen. Und hier man bekommt nichts davon mit. Das misslungene Bühnenbild trägt zur allgemeinen Fadesse bei: Ein paar magere schwarze Tischchen und eine grünliche Sofaecke lassen vor blassen Holzimitaten eher die Atmosphäre einer spießigen Autobahnraststätte als eines Pariser Cafés aufkommen. Die eingezogene doppelte Ebene bringt nichts außer einer niedrigen Decke im Café. Die Videoeinspieleungen, für die Stefan Pucher zu recht berühmt ist, verläppern nach gelungenem Auftakt im Belanglosen.

Was bleibt, ist der Text. Und der hat es auch nach 110 Jahren immer noch in sich. Hoffnung, Triumph, Liebsrausch, tiefer Fall, Misstrauen und Erlösung: Alles folgt fast übergangslos aufeinander und ist kunstvoll miteinander verzahnt. Es gibt eine Szene zwischen Maurice und Henriette, in der Strindberg seine Eheerfahrungen wie im Brennglas zusammenschnurren lässt: "Wir ekeln uns an, und trotzdem müssen wir heiraten; das ist die Hölle!" Henriette und Maurice dürfen an dieser Stelle sogar handgreiflich werden. Aber nur kurz.

Hatte niemand außer Gregorowicz Lust, sich auf die Paranoia Strindbergs einzulassen? Hat sie Matthias Hartmann, der "Rausch" auch zu Beginn seiner Bochumer Intendanz im Jahr 2000 aufführen ließ, erst dazu überreden müssen? Damit hat Stefan Pucher nach Antonius und Cleopatra bereits zum zweiten Mal ein Stück am Burgtheater in den Sand gesetzt. Ein zweites Mal mit Catrin Striebeck in der Hauptrolle. Beide können es eigentlich besser.


Rausch
von August Strindberg
Deutsch von Angelika Grundlach
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Marcel Blatti, Video: Meika Dresenkamp, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Klaus Missbach
Mit: Lucas Gregorowicz, Dorothe Hartinger, Lilly Marlovics, Sonja Rauber, Paloma Siblik, Jörg Ratjen, Catrin Striebeck, Petra Morzé, Ignaz Kirchner, Marcus Kiepe.

www.burgtheater.at

 

Mehr von August Strindberg? Robert Borgmann inszenierte jüngst in Mainz Fräulein Julie, und Katie Mitchell brachte dasselbe Stück an der Berliner Schaubühne in eines ihrer berühmten Filmsets. Rausch besprach nachtkritik.de zuletzt in der Inszenierung von Olaf Altmann in Frankfurt/M.

 

Kritikenrundschau

Von "achtsamer Regie" und "angenehmem, soliden Schauspielertheater" spricht Dirk Schümer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.1.2011). Zwar könne das dem Stück ("diesem Wurf aus dem Fuseldunst der Pariser Boheme") den "Makel einer dramaturgischen Versuchsanordnung nicht nehmen. Aber Pucher nehme Strindberg mit seinen "Kollisionen von Schuld und Begierde, Moral und Zügellosigkeit, Masse und Individuum ungemein ernst", was dem zuweilen etwas blutarmen Pathosrausch in Wien aus Schümers Sicht ebemsogut bekommt, wie die nüchternen Akteure. Denn sie bewahren, so Schümer, Strindbergs Konstrukt davor, "in seinem eigenen Taumelsturm" unterzugehen. "Nur das Stück, in dem ein totes Kind zum Vorwand einer Kriminalstory und ansonsten fix vergessen wird, ist für diese Schauspieler etwas leblos. Sie hätten einen echten Rausch verdient."

Als teilnahmslos empfindet Ronald Pohl Stefan Puchers Inszenierung von Strindbergs "verschmockter Hervorbringung" im Wiener Standard (17.1.2011). Auch kann er dem Abend nicht recht entnehmen, was "uns" die Figuren heute noch angehen sollen. Im Übrigen blickt Pucher aus Sicht des Kritikers "derart verliebt auf die eigenen Video-Bilder," dass Pohl ihm sein Interesse an der sexualhygienischen Debattenlage des Stückes nicht recht abnehmen kann. Darüber hinaus findet er manchen Darsteller für den überspannten Stoff etwas steif."

"Pucher nimmt Strindbergs strenges Korsett sehr ernst," schreibt Norbert Mayer in der Wiener Tageszeitung Die Presse (17.1.2011) Allerdings bleibe seine Inszenierung von Strindbergs "irrer Komödie" steif und löse wenig Emotionen aus. "Schauspieler, die sonst vielschichtig sind, agieren wie Statisten, etwa Ignaz Kirchner als Abbé mit geschminkten Lippen oder Petra Morzé als diskrete Bardame."

Als eine "mit Videoproduktionen garnierte Stadttheater-Routine" verreißt Helmut Schödel die Inszenierung in der Süddeutschen Zeitung (16.1.2011), denn die "Protagonisten dieser Schauergeschichte" haben, so Schödel, eine (Un-)Tiefe, von der Pucher aus seiner Sicht nicht einen einzigen Zipfel erwischt. Sie bleiben für ihn daher alle "mäßig arrangierte Sprechhülsen." Dabei handele es sich bei den Figuren des Dramas um lauter Menschen, die "Achterbahn durch eine verkommende Welt" fahren, sich in der Gesellschaft treffen und doch in den Abgründen ihrer Seelen leben würden. Diese Menschen nun arrangiere Pucher zu Tischgesprächen, "und wenn die Verzweiflung aus ihnen herausbricht, ist es Schauspielertechnik". Auch Bühne und Kostüm finden keine Gnade. Puchers "übliche Videoeinspielungen" wertet Schödel als "Kapitulation vor dem Theater". "Eine Welt des Verbrechens, überall Leichen im Keller, und der Anstand geht baden – dieser zeitgenössische Grundriss des Stücks mag die Verantwortlichen der Burg bewogen haben, 'Rausch' in den Spielplan zu nehmen. Aber nicht zum ersten Mal hat man sich bei der Wahl des Regisseurs vergriffen." "Wenn man Strindberg nicht kann, muss man Schimmelpfennig inszenieren, die gängige Münze."

 

 
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