Bilder vom fundamentalen Unrecht

von Michael Laages

Berlin, 15. Januar 2010. Die gute Nachricht zuerst: Nur ein Mal ist die Vuvuzela zu hören, die elefantöse Fußballfankampftrompete, in "The Offside Rules", der Tanz- und Theater-Produktion, mit der die in Berlin lebende und arbeitende Choreographin Constanza Macras im Auftrag des Goethe-Institut das Kulturprogramm zur letzten Fußballweltmeisterschaft in Südafrika bereichern durfte. "The Offside Rules", entstand in kollektiver Improvisation mit sieben lokalen Künstlern sowie drei Mitstreitern aus der Berliner Macras-Truppe "Dorky Park" und wurde zunächst im "Market Theatre" in Johannesburg vorgestellt.

Eine Schnellbahnlinie ist zum Symbol geworden für die (vorher absehbaren) Fehlentwicklungen im Zusammenhang mit der WM am Kap - der "Gautrain", benannt nach Gauteng, der Provinz, in der die zentralen Städte Johannesburg und Pretoria liegen, ist ein Hochglanz-Silberpfeil, der vor allem den internationalen Oliver-Tambo-Flughafen mit den Metropolen verbindet. Aber wer bitteschön aus den immer noch elend armen Townships, so fragen im Namen von deren Bewohnern die schwarzen Performer aus dem Macras-Ensemble, brauche den? Wer sei denn überhaupt von dort aus jemals im Leben vorgedrungen bis zum Flughafen? Und warum auch?

Momentaufnahmen einer fremden Wirklichkeit

Das Gautrain-Beispiel überrascht nicht wirklich - selbstverständlich war die WM vor allem eine infrastrukturelle Großanstrengung für das Vorankommen der Wirtschaft, deren praktische Nutzanwendung kaum noch im Mittelbau der immer noch in der Entstehung begriffenen südafrikanischen Nation angekommen sein mag; und darunter erst recht nicht. Das Macras-Ensemble erzählt private und gemeinschaftliche Geschichten und sammelt Bilder von diesem noch auf Jahrzehnte hin nicht überbrückbaren Abgrund innerhalb der Gesellschaft.

Unübersehbar sind die dramaturgischen Parallelen zu Paraiso sem Consolacao (Paradies ohne Erlösung), der vor zwei Jahren in Sao Paulo mit Künstlern vor Ort entstandenen Produktion - wieder begleitete die Videokamera die Entwicklung des Projekts; sie sammelte Bilder von Heiterkeit und Verzweiflung, Papphüttenslums und Hochhäusern, Staus und Gewalt auf offener Straße. Die Bilder unterfüttern und kommentieren nun als Hintergrund-Projektion die gespielten und getanzten Geschichten auf der Bühne.

Die nehmen die alltägliche Wirklichkeit genau so ausschnittweise und schlaglichtartig ins Visier wie es die Kamera tut: Momentaufnahmen sind also zu sehen, auf beiden Ebenen, Minutengeschichten - wie die vom Überfall, in der das Opfer (auf golden-hochackigen Schuhen und vorher mit Tourismuswerbung beschäftigt) der Täterin mit der Knarre in der Hand so lange Volkslieder vorsingt, bis die (bei der Nationalhymne) vor lauter Rührung die Waffe sinken lässt. In einem langen zärtlichen Kuss von Frau zu Frau endet die schöne kleine Szene, weshalb prompt die Kultur-Zensur einschreitet - und vielleicht segelt sie ja auch hart am Kitsch entlang. Aber als Miniatur bekennt sie sich zu den Motiven, ohne die das Regenbogenland vermutlich nicht befriedet werden kann. Dass das speziell in Deutschland, dessen Wirtschaft von der Apartheid ausnehmend profitiert hat, niemand vergisst - der Bürgerkrieg, die fundamentale Teilung der Gesellschaft liegt in Südafrika noch keine 20 Jahre zurück.

In Bilder gefasste Erkenntnis

Noch viele solcher Miniaturen gibt es in der Macras-Choreographie; etwa die, in der die Argentinierin Tatiana Eva Saphir die Geschichte eines "verschwundenen" (also von der Geheimpolizei entführten Mädchens) zur Zeit der Militärdiktatur erzählt. Am Tag des argentinischen WM-Sieges 1978 erhält sie einen Tag knastfrei - und im unterschiedlosen Jubel aller entdeckt sie vor allem, dass kollektiv nationale Begeisterungen wie die jenes Tages den Hass zwischen den Klassen nur kurz verdecken.

Der Abend beginnt mit ein paar Spielen im Stil dieser kollektiven Gemeinschaftlichkeit - jeder und jede hebt jede und jeden in die Höhe, alle dürfen mal das Gefühl erleben, dass die Gruppe sie hält und stützt; und auch gestürzt wird gemeinsam, wie in einer Reihe Domino. Der Abend endet (nach einem furiosen Ensemble aus vertrauten Macras-Mustern von Rennen, Fliegen und Fallen) mit einem allein auf der Bühne, dem schmalsten und magersten im Ensemble, und dieser eine kann (wie es Christoph Schlingensief in der letzten Operndorf-Produktion provokativ einforderte) "jetzt gefälligst mal Hunger spielen", in dem er einfach nur den Bauch einzieht bis auf Haut und Knochen - und der Kehle einen Ton entlockt, der wie das letzte Röcheln klingt.

Spätestens dann bekommen wir zu spüren, wie fremd doch wir wohl genährten und gut betuchten Mitteleuropäer all diesen fernen Welten bleiben müssen, wie sehr sie unsere Phantasie und Sympathie auch befeuern. Wir mögen die polyrhythmischen Trommel-Kollektive hinreißend und furios finden, ebenso die exotisch-exzentrischen Tanzmuster aus afrikanischer Show-Tradition, und selbstverständlich auch die liebenswerten Mädchen-mag-Mann-Spielereien, die den Abend durchziehen - vor dem fundamentalen Unrecht aber, das die Welt zerteilt in uns und die anderen, sitzen wir immer wieder von neuem beschämt und halten gefälligst die Klappe.

 

The Offside Rules (DEA)
von und mit John Sithole, Domenick Mashishi, Lebang Monnahela, Dikeledi Modubu, Ntombifuthi Sengwayo, Mmakgosi Kgabi, Noel Ndinisa, Hansel Nezza, Elik Niv und Tatiana Eva Saphir.
Choreographie und Regie: Constanza Macras, Bühne: Sibusiso Mndumndum, Musikalische Leitung: Noel Ndisisa.

www.dorkypark.org
www.hebbel-am-ufer.de

 

Kritikenrundschau

"Auch wenn das Stück von Ausschluss, Armut, Gewalt erzählt und damit dem neuen Image der Regenbogen-Nation trotzig widerspricht: Die südafrikanischen Darsteller erspielen sich alle Sympathien", schreibt Sandra Luzina im Tagesspiegel (17.1.2011). "Furchtlos lassen sie sich auf die wüste Komik von Macras ein. Die vermischt hinterlistig die kulturellen Codes, vertauscht die Zeichen: In einer Szene sieht man traditionelle Zulu-Tänze, aber nur die weiße Darstellerin tanzt mit nacktem Oberkörper: Das hat das Publikum in Johannesburg heftig irritiert. Die Berliner Zuschauer im HAU 1 reagieren dagegen mit Belustigung". Macras stelle sich "nicht einfach hin und prangert die Missstände an, sie hinterfragt auch unseren Blick auf Afrika - so ist 'The Offside Rules' mehr als nur ein Nachspiel zur Fußball-WM."

"So wenig, wie dies ein Fußball-Stück ist, ist (...) 'Offside Rules' ein Südafrika-Stück - obwohl alle Klischees angetippt werden, die Europäer in Bezug auf dieses Land im Kopf haben", schreibt Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (17.1.2011). "Aber Constanza Macras wirbelt die Vorurteile durcheinander, besetzt die Rollen neu. Sie beginnt mit einem Menschenhaufen, als wollte sie sagen: Seht, wir sind kunterbunt." In den überwiegend kurzen Erzählungen der Darsteller lasse Macras "Lebensepisoden ineinanderfließen, egal, ob es sich ums Aufwachsen in einem Kibbuz, einen Autounfall in Soweto oder bloß die ärgerliche Nutzlosigkeit der neuen Schnellbahnlinie Gautrain handelt. Hier werden keine Unterschiede gemacht, wird auch kein afrikanisches Schicksal etwa als schwerer befunden als etwa ein israelisches." Eine Art spielerischer Nüchternheit kennzeichne den Abend, "er ist fast ganz unsentimental, manchmal ironisch." Und Macras lasse "gern mit Vehemenz auftanzen. Es ist ein rauer Stil, der kaum Schonung kennt, der viele ungeschliffene Ecken und Kanten hat. Und der hier nur zum Teil gemildert wird durch die Ausgelassenheit, die wilde Lebensfreude afrikanischen Tanzes."

 

 
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