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Der Charme des Fragmentarischen

von Katrin Ullmann

Hamburg, 21. Januar 2011. Irgendwann im Jahr 2004 entdeckt Don DeLillo das Foto. Die Aufnahme zeigt einen Mann, der nach dem 11. September 2001 durch die Straßen irrt. Er ist voller Asche und Staub, er trägt eine Tasche. Don DeLillos Hauptfigur in seinem Roman "Falling Man" (erschienen 2007) gibt es da bereits. Doch bis dahin ist es nur eine Figur in DeLillos Kopf. Sechs Jahre arbeitet DeLillo an seinem Roman, liest, schreibt und recherchiert. Bei seiner Recherche entdeckt er jenes Foto und fragt sich "Wer ist dieser Mann? Was ist seine Geschichte? Was hat es mit dieser Tasche auf sich?" – und begibt sich fortan "wie ein Detektiv in meine eigene Handlung."

Der Titel seines Romans wiederum erinnert und verweist auf ein berühmt gewordenes Foto, das Richard Drew an jenem 11. September machte. Es zeigt einen Mann im freien Fall, einen Mann, der sich gerade aus den brennenden oberen Stockwerken des World Trade Center stürzt. Der US-amerikanische Fotojournalist geht anschließend ebenfalls auf die Suche. Auf die Suche nach der Identität des Mannes, den er fotografiert hat. Der Versuch, das Unfassbare fassbar zu machen, der Sprachlosigkeit Worte und Bilder zu geben, das Schicksal Hunderter auf die schmerzhafte Geschichte eines Einzelnen zu fokussieren, dieser Versuch liegt beiden Annäherungen inne.

Aus den einstürzenden Türmen geflüchtet

Don DeLillos Geschichte hat Sandra Strunz nun gemeinsam mit der Dramaturgin Beate Heine für die Bühne adaptiert und – knapp 10 Jahre nach den Terroranschlägen – zur Uraufführung gebracht. Sie eröffnet damit die neu und großzügig umgebaute Spielstätte Thalia in der Gaußstraße, mit einem freundlichem, endlich winddichten Foyer und steil ansteigendem Zuschauerraum. Ihre Uraufführung ist ein ruhiger Abend geworden. Einer – typisch für Prosaadaptionen – mit dünner Handlung und starken Erzähleinheiten. Diese erzählen die Geschichte von Keith, jenem traumatisierten Mann, der sich aus den einstürzenden Türmen flüchten konnte und nun immer wieder versucht an den Alltag anzuknüpfen. Sei es bei seiner Ex-Frau Lianne oder seinen wöchentlichen Pokerrunden.

Sebastian Rudolph spielt die Hauptfigur. Zu Beginn zieht er die quer vor die Bühne gespannte, weiße Plane weg, steigt hinein in die Welt der schrecklichen Erinnerungen, steigt hinein in einen merkwürdig geduckten Raum. Immer wieder wirbelt Staub vor ihm auf, rieselt Staub aus seinen Haaren. Die Bühne selbst ist dominiert von einer schweren, schwarzen Dachschräge (Philip Bußmann). Sie scheint auf die Darsteller einzustürzen, den einzigen Ausstieg weisen sechs Luken auf Schulterhöhe. Leitern lehnen daran, Licht fällt durch sie herein, mal auch Papier, Pokerchips oder eine Schreibmaschine.

Zartheiten des Traumas

Natürlich ist dieser Raum ein Unort, eine Wohnung und auch keine, eine Straße, ein Treppenhaus, ein Büro, ein Pokertisch. Doch leider schafft er, so lässig die Darsteller ihn auch bespielen, so flink sie die Leitern hoch- und runterklettern, keine besondere Atmosphäre. Auf grauen Filzteppichen werden Klappstühle aufgestellt und Sehnsüchte erzählt, werden zwei Scheinwerfertürme hin- und hergerollt und wird in loser Szenefolge der Roman nacherzählt. Nicht mehr und auch nicht weniger. Das große Glück der Regisseurin sind letztlich ihre Darsteller: Fast alle spielen sich großartig – mal somnambul, mal nervös – bis ans Ende ihres Textes.

Barbara Nüsse etwa gibt die Ex-Schwiegermutter Nina hektisch elitär mit Hang zur Hysterie, Birte Schnöink die pastellblasse, ebenfalls traumatisierte Florence, deren Sätze stets in ein Fragezeichen münden. Und Sebastian Rudolph spielt sich mit Fielmann-Brille und grau-beigem Anzug (Kostüme: Daniela Selig) herrlich unangestrengt durch alle Zartheiten seines Traumas und die Verrücktheiten seines Verlangens – nach Florence. Manch eine Szene reiht sich eher unvermittelt an die andere, manch ein Übergang ist unlogisch und unklar, viele Geschichten bleiben bruchstückhaft. Doch diese lose Reihung, diese angedeuteten Schicksale vermitteln den Charme des Fragmentarischen.

Am weitesten weg

Allein seltsam lang wirkt das Stück, das keines war, seltsam verlangsamt Strunz' Inszenierung. Mit meist recht klassischen Bühnenmitteln überträgt Strunz den Roman auf die Bühne. Nur selten steigen die Schauspieler aus ihrer Rolle aus, suchen nach dem passenden Pappbecher für die zu spielende Sterbeszene oder sehnen sich nach dem im Film so hilfreichen Close-Up. Natürlich kann Strunz' Annäherung an die Ereignisse vom 11. September 2001 nur die schwächste in der Reihe Drew, DeLillo sein. Weil sie am weitesten weg ist, geografisch, zeitlich und inhaltlich. Doch warum, fragt man sich, hat sie den Stoff überhaupt gewählt? Warum keine eigene Idee dazu erzählt?

 

Falling Man
von Don DeLillo
Deutsch von Frank Heibert
Für die Bühne bearbeitet von Sandra Strunz und Beate Heine
Regie: Sandra Strunz, Bühne: Philip Bußmann, Kostüme: Daniela Selig, Musik: Roman Keller, 
 Dramaturgie: Beate Heine.
Mit: Sebastian Rudolph, Catherine Seifert, Barbara Nüsse, Rafael Stachowiak, Daniel Lommatzsch, Birte Schnöink.

www.thalia-theater.de

 

Alles über die Regisseurin Sandra Strunz auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Nur Gutes hat Nora Sdun in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (23.1.2011) zu sagen, aus deren Sicht Sandra Strunz und ihr Team auch einige Fallen des Stoffes umschiffen. "Zum Glück verzichtet das Bühnenbild ganz auf naheliegende Codes, etwa die Streifen der Bürotürme, das Gerippe nach dem Einsturz oder was an abgedroschener Betroffenheitsdebilität noch möglich wäre. Lediglich das Dach der Bühne, es bildet einen spitzen Winkel, der sich zum Publikum öffnet, mit sechs Ein- und Ausstiegen, Luken oder Fenstern, durch welche die Schauspieler hin und her klettern, erinnert von fern an eine stürzende Häuserfront, die in der nächsten Sekunde alle auf der Bühne erschlagen wird."

Kritischer urteilt die Rezension unter dem Autorenkürzel itz im Hamburger Abendblatt (24.1.2011): Ein "vorwiegend illustrativ bleibendes Erzähltheater" habe Sandra Strunz mit Don DeLillos Roman geschaffen. Dass der Protagonist auf seiner "Reise durch das Inferno des Geschehens" von einem umgekommenen Freund begleitet werde, "bringt – wie auch die Kabarett-Einlage der Pokerrunde – einige komisch-spielerische Distanz in den zähen Erzählfluss der zwei pausenlosen Stunden." Ansonsten aber lautet das ernüchternde Fazit: "Sandra Strunz hat zwar für ihre Roman-Nacherzählung eine szenische Form gefunden, bleibt aber den inhaltlichen Fokus und die eigene Perspektive auf die Problematik schuldig."

In "Falling Man" suchen die Figuren "in sinnlos empfundenen Ritualen ihre Rettung", schreibt Volker Corsten (FAZ, 26.1.2011). Irgendetwas aber müsse der Regisseurin Sandra Strunz "in ihr Konzept geflogen sein und hat es während der Proben zum Einsturz gebracht. So verhüllt am Anfang eine Plane die Bühne, durch die der Schauspieler Sebastian Rudolph als Keith ein Loch reißt, um den Kopf durchzustecken. Luft aber bekommt er nicht, einen Einstieg in die Geschichte, die auf einer Art Dachboden mit sechs Leitern und sechs Dachluken spielt, auch nicht." Es werde viel mit Staub gepustet, "aber die Figuren, die ja eigentlich an Persönlichkeitsverlust leiden, haben hier von Anfang an nichts, was sie verlieren könnten."

 

 
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