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Rollende Rubel

von Ute Grundmann

Dessau, 21. Januar 2011. Töchterchen Lydia will shoppen, will iPod und iMac, will Autos und Pferde – wo das Geld dafür herkommt, darüber soll sich Mutter Nadia einen Kopf machen. Zur Not muss eben – da sind sich Mutter und Tochter ausnahmsweise mal einig – ein reicher Ehemann her, der das schöne Leben bezahlt, aber ansonsten nicht weiter auffällt. Das ist der Kern der Komödie "Tolles Geld" von Aleksandar Nikolajewitsch Ostrowski, der hier 1870 verarmten russischen Adel gegen aufstrebendes Unternehmertum stellte.

Auf der fast leeren Bühne des Anhaltinischen Theaters Dessau liegt ein Stück blumenbuntgescheckter Teppich, darauf ein Hundehäufchen und ein Schild "Rasen betreten verboten. Stadtverwaltung". Der redliche Ron (Hans-Jürgen Müller-Hohensee) will das Häufchen vom Rasen holen, ohne ihn zu betreten und fällt prompt rein. Dann gibt es ein öffentliches Telefon, an dem der alte Kutschmow eine Stöhn-Nummer anruft. Zwei junge Männer, halb Dealer, halb Anlageberater in ihren glänzenden Anzügen, spielen eine Art Boule mit Cent-Stücken. Außerdem reden sie über Geld, das sie nicht haben und Frauen, die sie haben wollen. Da kann auch Gerald Fiedlers Vasilkow mitreden, der Provinzler, der bisher vom hinteren Bühnenrand zugeschaut hat: Er will Lydia heiraten und wettet 3000 Euro, dass er das schafft.

Bruttolöhne in Magdeburg

So beginnt auf der großen Dessauer Bühne diese Komödie – meist hart am Slapstick, immer betont und gewollt komisch. Regisseur Wolfgang M. Bauer, pensionierter Kriminalhauptkommissar Viktor Siska vom ZDF, gönnt sich einen Kurzauftritt als armer, ruppiger Vater mit einer kleinen Lydia, dessen Sinn sich nicht erschließt. Schnell aber ist klar, dass er die alte Komödie ins heutige Deutschland, nach Sachsen-Anhalt verlegen will. Da stammt der belächelte Provinzler Vasilkow, mit Schnürschuhen und Pulli unterm Jacket, "aus Dessau", überhaupt wird die Stadt immer wieder gerne in den Text eingeflochten. Man hantiert mit Handys und Laptop, redet cool oder mit russischem Akzent. Am rechten Bühnenrand sitzt Constantin Clohschar (der Musiker Konstantin Bühler) und redet über Bruttolöhne in Magdeburg.

Das wirkt alles ziemlich aufgesetzt und angestrengt komisch, manchmal aber funktioniert es, etwa wenn Mutter Nadia (Christel Ortmann) dem Clohschar Münzen aus seinem Bettelbecher klaut, um Vasilkow per Münztelefon verzweifelt ihre Tochter anzupreisen. Kaum hat sie sein Ja-Wort, rennt sie als Kupplerin zu Lydia, um den Handel perfekt zu machen. In solchen, wenigen, Szenen schimmert das verzweifelte Bemühen durch, Fassade und Fasson zu bewahren, obwohl kein Rubel mehr auf dem Konto ist. Von Katja Sieders Lydia ist wenig Hilfe zu erwarten: Der ist die Begegnung mit einer Hartz IV-Empfängerin im Laden "total peinlich", ansonsten setzt sie Kopfhörer auf, sobald von Geld die Rede ist.

Er spart, sie macht die Lolita

Dass seine Figuren wie im 21. Jahrhundert sprechen, sich aber wie im 19. Jahrhundert verhalten, dieser Widerspruch scheint Bauer nicht zu stören. Denn die frischgebackenen Eheleute (natürlich werden sie's) siezen sich, die Schwiegermama nennt Vasilkow "Söhnchen" und verteidigt die Art der Geldbeschaffung durch (möglichst reiche) Heirat damit, dass Frauen ja keine andere Möglichkeit bliebe.

Je länger das Spiel dauert, desto größer wird die Kluft zwischen Stück und Inszenierung. Natürlich kommt es zur "Katastrophe", weil Vasilkow nicht so viel Geld hat wie gehofft und gebraucht: Nachdem er im Laptop die Rechnungen addiert hat, befiehlt er per "Basta-Entscheidung" den Umzug in bescheidenere Verhältnisse.

Wie Lydia sich diesem drohenden Unheil zu entziehen versucht, bringt noch eine der wenigen eindrücklichen Szenen des Abends: Gegen Geld will sie für Kutschmow (Karl Thiele), alter Freund der Familie, den sie "Papi" nennt, die Lolita machen. Der zahlt mit großer Geste und hat sich das Vermögen doch mühsam zusammengepumpt. Da verkauft sich eine, der andere muss sich Liebe kaufen. Ostrowskis Komödie ist voll von solchen brisanten Zuspitzungen, die zweieinhalbstündige Inszenierung leider nicht.

 

Tolles Geld oder Armut ist keine Schande
von Aleksandr Nikolajewitsch Ostrowski
Aus dem Russischen von Ulrike Zemme
Regie: Wolfgang M. Bauer, Ausstattung: Herbert Kapplmüller, Musik: Konstantin Bühler, Dramaturgie: Holger Kuhla.
Mit: Gerald Fiedler, Katja Sieder, Christel Ortmann, Karl Thiele, Uwe Fischer, Patrick Rupar, Konstantin Bühler.

www.anhaltisches-theater.de

 

Mehr zu Wolfgang Maria Bauer? Der Regisseur und Dramatiker wurde in Nachtkritiken bislang als Schauspieler registriert, und zwar 2010 als Jason an der Seite von Sophie Rois in der Leipziger Medea und 2009 im Kölner Abend 60 Years als Mann, der sich die Kollektivschuld vom Leib tanzt.

 

Kritikenrundschau

Die Provinz, aus der sich die Hauptfigur aus Ostrowskis "Tollem Geld" in die Metropole verirre, heiße jetzt Dessau, schreibt Andreas Hillger in der Mitteldeutschen Zeitung (24.1.2011). "Eine solche Behauptung muss sich jenseits von Kalauern natürlich am Stoff überprüfen lassen - und besteht dies überraschend gut. Selbst wenn die originalen Namen das Personal auf Distanz halten, erkennt man in ihnen die Prototypen und die Konflikte einer überreifen Gesellschaft." Regisseur Bauer verschränke "die lineare Erzählweise der Vorlage zu synchronen Szenen, er spickt sie mit einer Fülle von literarischen und musikalischen Verweisen von Goethe bis Rilke, von Sinead O'Connor bis Celine Dion - und schafft es sogar, mit einem Zitat aus dem tragischen Abschieds-Interview des gescheiterten Hamburger Intendanten Friedrich Schirmer auf die aktuelle Theaterkrise anzuspielen: 'Ich bin mit meinem Latein am Ende', sagt die bankrotte Nadia, 'Das heißt aber nicht, dass es dieses Latein nicht gibt.' Da scheint für einen Moment eine Wahrheit durch, die sich seit Ostrowskis Zeiten nicht geändert hat: Theater handelt im besten Falle vom Eigenen - auch wenn es von Fremdem erzählt."

Wolfgang Maria Bauer habe "das Stück, zwar eine Komödie, aber mit durchaus sehr ernstem Hintergrund, flott und überaus humorvoll inszeniert", meint Helmut Rohm in der Magdeburger Volkstimme (24.1.2011). Durch Gerald Fiedler bekomme die Figut des Vasilkow "eine faszinierende Ausstrahlung. Das Publikum 'leidet' mit der Naivität dieses Mannes, ist bedrückt von der Großkotzigkeit und Missachtung der anderen, selbst der Erniedrigungen durch die von ihm geliebte Lydia. Genauso freut es sich, wie sich Vasilkow von seinen Hemmungen befreit, seinen Weg der Solidität, Konsequenz und Ehrlichkeit, auch der unerschütterlichen Liebe zu Lydia geht." Bauer lasse das Publikum "ohne erhobenen Zeigefinger, doch mit trefflicher Zielsicherheit in den berühmten Spiegel blicken. Wer etwas schräg hineinschaut, erkennt sicher einige solcher Zeitgenossen wieder. Wer gerade blickt, vielleicht auch etwas von sich selbst."

 

 
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