Vorhölle mit Versehrten

von Christian Rakow

Essen, 6. Oktober 2007. In die Stille vor dem Vorhang tritt heraus der Marktschreier (Martin Vischer), bandagiert wie ein Unfallopfer oder eine Mumie aus ägyptischer Zeit, mit einer Lichterkette um den Leib geschnürt: "Seh'n Sie die Kreatur, wie sie Gott gemacht, nix, gar nix." Er neigt seinen aschgrauen Struwwelpeter-Kopf zu Seite, grinst kurz: "Willst Du mehr sein als Staub, Sand und Dreck?" Das sind die ersten Worte an diesem Abend und später die letzten.

Auftakt und Epilog zu einer düsteren Parabel, wie wir sie lange nicht gesehen haben. Die erste Ansicht, wenn sich der Vorhang hebt, ein Triumph des Bühnenbilds: Woyzeck steht im ABC-Schutzanzug inmitten eines dunklen, leeren Raumes. Federn und Plastikstaub umwehen seine Füße. Von seinem Fliegerhelm laufen riesige Elektroschnüre himmelwärts, dorthin, wo sich ein gähnendes schwarzes Loch über der ansonsten gedrungenen Bühne auftut.

Experimente am lebenden Fleisch
Eine Untergrundwelt hat Patrick Bannwart ins Grillo Theater gebaut. Mit hinkendem Schritt durchmisst sie der Doktor (Siegfried Gressl), ein Frankenstein-Typ, der hier galvanische Experimente am lebenden Fleisch unternimmt. Es ist ein beklemmendes Science-Fiction-Szenario, in dem Regie-Shootingstar David Bösch seine Erkundungen des Kreatürlichen vornimmt. Eine Vorhölle, angelehnt an die Filmwelten von Endzeitklassikern à la "Mad Max", bevölkert von Versehrten und verlorenen Seelen, von Punks, Cyber-Clochards und Freaks.

Zunächst muss man sich an das Pathos gewöhnen. Woyzeck und Marie reden nicht miteinander; sie lassen ihre Worte berührungslos über den Kopf des anderen hinweg gleiten – wie Reisende, die sich bei Abfahrt eines Atlantik-Dampfers noch etwas zurufen, und es klingt wie leerer Schall. Das ist der Sound für den Nullpunkt der Empathie, den Bösch hier sukzessive auslotet. Wenn es in diesem Stück Zweisamkeit gäbe, dann wären sie ein ungleiches Paar – der dickleibige, fast träge Woyzeck von Sierk Radzei und die zarte Marie, die Nadja Robiné vorstellt. Ihr gemeinsames Kind ist eine tote Puppe. Hier gedeiht nichts.

Das Glamouröse als diabolische Macht
Der Leibesfrucht fehlt der Segen, wie der Hauptmann im Rollstuhl (Holger Kunkel), mit blutigem Armstumpf und Revolver gallig bedeutet. Die Büchner-Welt, nach Nietzsche gelesen, ist eine gottlose. Und wer sich besonders gottlos gibt, kann darin zum Star aufsteigen. Der wortkarge Tambourmajor (Nicola Mastroberardino) zeigt – ein Geniestreich der Regie – in diesem Sinne das Glamouröse als diabolische Macht. Im kruden Stil-Mix aus Zigeuner, Nazi-Hooligan und Totenkopf-Pirat erscheint er stets unverhofft auf der Szene und reißt Marie mit roher, obszöner Kraft an sich. "A Wicked Game" intoniert die Hardcore-Band, der er als Liedsänger vorsteht, dazu begleitend.

Erst als es zum Vollzug kommen soll, versagt der Tambourmajor, manipuliert er nurmehr wie ein Porno-Amateurdarsteller an sich herum. Und Marie nimmt ihn in den Arm. Es mag dieser unmögliche Moment von Zuneigung sein, der in der Logik dieser Welt das Zuviel darstellt, das Woyzeck austicken lässt. Böschs Schauspielerführung sucht eine solche Kausalität oder psychologische Zwangsläufigkeit des Mordes nicht; sie konzentriert sich vielmehr auf die Phänomenbeschreibung emotionaler Erkaltung.

Apokalyptisches Unbehagen
"Ja, dann steche ich mal Marie tot", bemerkt Woyzeck lakonisch, während ein Engelein sein biblisches Placet gibt ("Denn es kommt der Tag der Rache"). So unerbittlich der finstere Tambourmajor erscheint, so mythisch ausweglos zückt Woyzeck sein Messer, im Schneefall. Von pessimistischen Untertönen getragen ("Dantons Tod", "Quai West" von Bernard-Marie Koltès und Heiner Müller sind dezent angelagert) entfalten sich die apokalyptisch unbehaglichen Bilder. Bis in die Nebenfiguren hinein ist das Spiel sparsam und eindringlich (Raiko Küster gibt einen hier glasklar philosophierenden Penner Andres; die wunderbare Jutta Wachowiak erzählt als Großmutter mit Berliner Idiom die Sterntalergeschichte).

Teilweise rückt die Handlung ganz nah an uns heran, wenn man in der blutigen Brutalität des Tambourmajors gegen Woyzeck den rechten Mob etwa in Halberstadt aufblitzen zu sehen meint. Doch im Ganzen gönnt Bösch seiner Parabel einen ästhetisch und geschichtsphilosophisch weiten Rahmen. Durchaus im Einklang mit Büchner. Hatte der Autor 1836 den historischen Fall des Frauenmörders Johann Christian Woyzeck schon so weit verallgemeinert, dass es dadurch möglich wurde, den klassischen deutschen Idealismus und seine Institute (Wissenschaft, Moral) zu verabschieden, so geht Bösch einen Schritt weiter.

Er entrückt die Fabel in eine ferne (nahe?) Endzeit wandernder Horden und bindungsloser Einzelkämpfer. Eine provozierende Dystopie der Staatenlosigkeit, in der Gewalt allgegenwärtig und Überleben statt Leben die Maxime ist. "Die Hölle ist kalt, wollen wir wetten?" Es hätte auch "die Zukunft" heißen können.

 

Woyzeck
von Georg Büchner
Regie: David Bösch; Bühne und Kostüme: Patrick Bannwart; Musik: Karsten Riedel; Licht Michael Hälker; Dramaturgie: Olaf Kröck.
Mit: Sierk Radzei, Nadja Robiné, Nicola Mastroberardino, Holger Kunkel, Siegfried Gressl, Raiko Küster, Jutta Wachowiak, Sarah Viktoria Frick, Martin Vischer. Musiker: Karsten Riedel, Jan Weichsel, Andi Jansen.

www.theater-essen.de

Alles über David Bösch auf nachtkritik.de hier.

 

Kritikenrundschau

Katrin Pinetzki in den Ruhr Nachrichten (8.10.2007) hat Woyzeck in einer Welt gesehen, wie sie "brutaler, kälter, roher selten so plastisch auf der Bühne" gezeigt wird. Ein "schockierender Bilderbogen", eher textarm, mit Figuren in extravaganten Kostümen und mit ins "comic-hafte übertriebenem Spiel" als Karikaturen ihrer selbst. Bösch bietet keine psychologische Motivation, dafür eine von Musik befeuerte "Horror-Welt" als Erklärung für Woyzecks Mord an Marie.

Gudrun Norbisrath in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (8.10.2007) vermutet, dass die Woyzeck-Inszenierung so etwas wie einen Quantensprung für David Bösch darstelle, dessen Regie "erschütternde Qualität" besäße. Sie sah "Bilder von erdrückender Wucht", ein "sinnliches und zugleich luzides Theater". Bösch sei Büchner, der 22 war, als er Woyzeck schrieb, sehr nah. Er erzähle mit neuen Bildern, aber "voll Ehrfurcht und das ist gut so". Na klar, zeige Bösch einen trivialen Comic, aber Märchen seien immer trivial. Ein starkes Stück Theater mit märchenhaftem, nicht tröstlichem Ende.

 

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