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Bayrische Teezeremonie im japanischen Wirtshaus

von Sabine Leucht

München, 26. Januar 2011. Im Lexikon der erklärungsbedürftigen Daseinsformen und Phänomene Münchens dürfte die Bairishe Geisha einen prominenten Platz einnehmen. Schon allein aufgrund ihrer Doppelexistenz als Performance-Team und urbane Mythengestalt, die sie mittlerweile zweifellos geworden ist. Aus einem Duo, das Ende der Neunziger mit erotischen Haikus die Phantasie einiger Gedicht-Abonnenten anheizte, schälte sich der Charakter einer nicht nur erotischen Dienstleisterin heraus.

Das einst imaginäre Teehaus wanderte auf die Bühne, wo die Bairishe Geisha, mittlerweile dreiköpfig, "Gastmähler" gab, in ranzige Bier-"Stüberl" lockte, mit bloßen Füßen Knödelteig stampfte und immer wieder hinreißend öffentlich stritt. Bis Marianne Kirch ihren Lebensmittelpunkt verlegte, verkörperten sie und Judith Huber die perfekt gewandeten und geschminkten Geisha-Töchter der "Mama" Eva Löbau. Wobei die drei diese Charaktere auf der Bühne weniger darstellten als sie als existent auszugeben.

Geisha-Theater beinhaltet gezierte Trippelschritte, Kopfputz, Gesang und Tanz sowie viel Dada, Kindlichkeit und scharfe Meta-Kommentare. Die Süddeutsche Zeitung lokalisierte ebenda "die ernsthaften Abgründe hochkultivierten Blödsinns." Zurecht, denn das Unvereinbare ist das Terrain dieser merkwürdigen Bayerisch-Japanischen Familie, die das Wirtshaus so lange mit der Teezeremonie paart, bis daraus schon mal eine ausgewachsene Saalschlacht wurde.

Aus Nestwärme geboren

So weit kommt es diesmal nicht. Nur Klopapierstreifen fliegen durch den Spielort Schwerer Reiter, wo der neueste Coup der Geisha Premiere hat. "PS: Und ich weine wenn ich will" lehnt sich locker an Blake Edwards' Film "Der Partyschreck" an, dessen Titelrolle Peter Sellers spielte. Und darum wird gefeiert. Zuvor haben die Gastgeberinnen der Party in spe über das Publikum hinweg diskutiert, ob ihr idyllisches Aufwachsen im Salzkammergut und am Fuße des Fuji sie für immer für den wirklichen Ernst verderbe.

Um den eklatanten Mangel an Schmerz und Tiefe aus ihrem Leben und Schaffen zu entfernen - und alle tumben Lachnummern aus ihrem Theater gleich mit - hat sich die Geisha einen Therapeuten geleistet. Nachdem das Stolpern des Serviermädchen (Charlotte Pfeifer) in die Geburt eines Babies mit Brathähnchenkörper mündet, sind sich Löbau und Huber auch sicher, ihn zu brauchen.

Anal, oral, banal - Spiel mit der Verwandlung

Und Christoph Theußl ist ein prima Therapeut, schießt hanebüchene Fragen aus der Tiefe seines Sessels ("Bedeutet Stuhlgang für sie Verlust?"), stopft einen Spaghettibatzen von der Größe eines Basketballs als Symbol der zu überwindenden Vergangenheit in ein Klo ohne Spülung - und verwechselt "Tumor" und "Humor". Derweil sitzt ein anderer Mann (Dim Sclichter) mit einem ganzen Instrumentenarsenal in einem Vogelkäfig und gebiert einen Kackhaufen, von dem Judith nach einem ausgedehnten Ekel-Anfall neugierig kostet.

Anal. Oral. Banal? Der Wille zum größeren Ernst lässt die Komik derber werden, manchmal bis zur Ekelschwelle. Doch die herrlich lakonischen Kommentare zur Situation und der besondere Geisha-Charme sorgen auch diesmal wieder für hinreißende Momente.

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Zu Gast bei Bairische Geisha: Weinen, wenn man es will © Franz Kimmel

Die meiste Zeit jedoch ist die Beirishe Geisha hier noch nicht ganz Geisha; die Hausanzüge von Huber und Löbau tragen ihre Initialen, die Grundsituation trägt die Züge einer Schaffens- und Teamkrise, der der Gast aus Berlin wunderbar sekundiert: Aus seiner vom steirischen Dialekt unterfütterten Therapeuten-Verdruckstheit steigt Christoph Theuß kurz in eine Sugardaddy-Rolle, um unter dem Deckmäntelchen einer falschen Kindheitserinnerung das Serviermädchen zu vernaschen. Auf der Party übernimmt er Sellers' Part, trägt eine schwarze Lockenperücke und schreckliche Zähne und zwingt Geisha "Kotzfotz" Geisha "Kacksack" Essenspampe aus dem Gesicht zu lecken, bevor diese mit dem Vogelmann im Käfig goldene Eier produzieren muss.

Träume, Anpassungen, Dadaismen

Gelegenheit zum Fremdschämen gibt es an diesem Abend genug. Die Geisha in ihrer Zwei- oder Dreieinigkeit ist keine Identifikationsfigur. Sie ist oft biestig und ungerecht, singt absichtlich zu hoch oder falsch (und manchmal wunderschön) und sagt sich aufmunternde Dinge wie "Ich hab den geilsten Arsch der Welt". Aber sie träumt auch vom ewigen Zuspätkommen und eine kann der anderen wundervolle Zuneigungsgeständnisse machen: "Ich kenne sonst keinen, der auf Kommando ein Ei legen kann." Und dann spielen die rätselhaft unglamourösen Partygäste plötzlich wie der Teufel Samba. Die türkise Sitzlandschaft verschwindet unter Sahne und Klopapier- Luftschlangen. Und alles ist gut.


PS: Und ich weine wenn ich will (UA)
nach Blake Edwards' Film "Der Partyschreck"
Konzept und Regie: Judith Huber, Eva Löbau, Bühne: Markus Grob, Musik: Christoph Theußt, Dim Sclichter, Kostüme: Detlev Diehm, Licht: Igor Belaga, Ton: Hannes Gambeck, Percussion: Go Brazil.
Mit: Judith Huber, Eva Löbau, Charlotte Pfeifer, Christoph Theußl, Dim Sclichter, Go Brazil.

www.pathosmuenchen.de
www.diebairishegeisha.de

 

Mehr zu Eva Löbau: als Schauspielerin wirkte sie zuletzt mit in Angela Richters Der Ödipus Antigone Komplex, der nach der Premiere in Salzburg im Dezember 2010 in überarbeiteter Version auf Kampnagel Hamburg gezeigt wurde. Von Judith Huber besprachen wir das von ihr realisierte und gespielte What the building saw im Dezember 2008 in München.

 

 
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