Die Bürgerwelt als Wille und Verstellung

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 6. Oktober 2007. Hans, der Bankangestellte, versteht seine Frau nicht mehr. Gast, der alternde Kommissar, schläft schlecht. Sein Sohn Edgar will Komponist werden, zeigt aber kein Talent. Dafür hat er ein Kind mit der aufgesexten Sekretärin Susanne, die mit ihrem Schwiegervater schläft, während eine verrückte Alte das Kleine hütet. Und da gibt es noch Petra. Rudolf. Franz. Ilse. Menschen scheinbar wie du und ich.

Alles stinkt nach Langeweile und Laschheit. Höchste Zeit, dass etwas geschieht, denkt sich der wendige August und schreit eine Losung aus, die keiner kapiert: "Welt als Wille und Vorstellung". Einfach so. Schopenhauer für gewisse Stunden. Und plötzlich fliegt tatsächlich etwas in die Luft.

Alle Ähnlichkeiten sind reine Absicht
"Die Dritte Generation" von Rainer Werner Fassbinder wurde im Dezember 1978 und Januar 1979 in nur 30 Tagen gedreht, in Berlin, teilweise bei Eiseskälte. Wohl auch deshalb ist von Wärme und kuscheligen Identifikationsangeboten im Drehbuch nichts zu spüren, an dem der kühl analysierende Terrorexperte Fassbinder in den Nächten eines deutschen Herbstwinters schrieb. Das Resultat war eine nervös-flirrende Hommage an Jean-Luc Godard, eine kindliche Farce und herbe Komödie ohne Helden, "ein Gesellschaftsspiel zum Thema Terrorismus", das den narzisstischen Sympathisanten von Baader und Co. ebenso die Schwingen stutzte wie den hysterischen Rechtsauslegern jener Zeit.

Ein Text wie gemacht also für Hasko Weber, der mit der Uraufführung der "Dritten Generation" die zweite Projektwoche von "Endstation Stammheim" einläutet. Und weil die Zeit niemals alle Wunden heilt, hat der Regisseur und Dialektiker Weber genügend eiternde Stellen gefunden. Schließlich sind mehr denn je Ähnlichkeiten mit lebenden und ermordeten Personen des bundesrepublikanischen Zeitgeschehens rein zufällig, absurd und doch durchaus beabsichtigt.

Verselbständigte Kräfte, schwindener Durchblick
Zum Beispiel Peter J. Lurz, bei Weber eine gespenstische Erinnerung an den 1977 entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer. Der mächtige Computerhändler Lurz spürt die Rezession und erfindet zu Beginn des Abends den Terrorismus, damit die kontrollwütige Regierung seine Rechner kauft. "Es ist das Kapital, das heute den Terrorismus hervorbringt, um sich selbst und dem System  von Herrschaft zu nützen", sagt der von Lachkrämpfen geschüttelte Kommissar, ein Satz aus einem Traum, und Michael Stiller im Trenchcoat presst ihn heraus wie ein irrer Widergänger von Hark Bohm.

Am Ende des Stückes sitzt Lurz, angenehm unaufgeregt gegeben von Jens Winterstein, auf einem Bürostuhl in Unterhemd und wird gefilmt, während hinter seinem Rücken Susanne, seine einstige Sekretärin, die Transparentbotschaft "Welt als Wille und Vorstellung" in die Höhe reckt. Lurz glaubt immer noch, seine Entführung sei Teil der Inszenierung, für die er August, den Pseudo-Terroristen bezahlt. Doch der hibbelige August (Lutz Salzmann) wollte nur das Schöneberger Rathaus in die Luft sprengen. Von dem Menschenraub weiß er nichts. Seine Gruppe hat sich verselbständigt und richtet die Person hin, von der sie das Geld für ihre Selbstbefreiung bezieht. Tod dem eigenen Ernährer!

Der ganze Muff der 70er Jahre
Weber geht weiter als Fassbinder und inszeniert "Die Dritte Generation" als selbstverwirklichungsgeilen, infantilen Kleinbürgerstadel ohne politisches Verständnis. Mit Perücke, Samt, Plateauschuh: der Muff der 70er Jahre aus dem Secondhandgewühl. Das Publikum schaut von zwei Seiten auf das Geschehen, ein paar Stühle, ein Tisch, ein Zigarettenautomat und drei Fernseher fügen sich zu einem kargen, funktionalen Requisitenensemble, für das Grit Dora von Zeschau verantwortlich zeichnet. Bei Dämmerlicht wird die Bürgerlichkeit verhandelt, in gleißendem Schweinwerferstrahl pusht sich die Gruppe kreischend oder lamentierend zur ziellosen Tat.

Auf den Bildschirmen ziehen derweil schwarzweiße Bilder wie ein Unbewusstseinsstrom vorbei, die der Kommissar (der Staat!) von einem Hochstand aus mit einer Beobachtungskamera einfängt. Man sieht Film-Sequenzen aus Viscontis "Gewalt und Leidenschaft" oder auch Dutschke beim legendären "Warum sind Sie so frech?"-Fernsehtalk gemeinsam mit Cohn-Bendit. Das ist schon irgendwie: cool, sexy, ja verklärungswürdig. Und über allem hängt schwer das baden-württembergische Landeswappen.

Auch in der Inszenierung haben die Figuren keine Chance
Doch vor den Fernsehern mit Holzoptik ist niemand mehr cool, heute nicht. Nicht einmal Susanne, welche bei Hanna Schygulla eine ephemere Erotik gewann und bei Anja Brünglinghaus zu einer schmallippigen Hure mit Hausfrauenstatus und eigener Steuerkarte geerdet wird. Weber gibt keiner Figur eine Chance. Man opponiert halt gegen die traditionellen Lebensmuster der bürgerlichen Familie, um alsbald in der Gruppe dieselben anerzogenen Verhaltensweisen zu installieren, was insgesamt kurzweilig ist. Am stärksten wird das bei Paul deutlich, dem die aufgestachelten Wohlstandsmiezen zu Füßen liegen, weil er schon echte Erfahrungen in Ausbildungslagern in Afrika gesammelt hat.

Felix Goeser mimt das begehrenswerte Arschloch - und das zeigt das eigentliche Problem der Inszenierung auf - als Einziger mit konsequentem Ernst und wirkt deswegen komisch, im Gegensatz zu den meisten anderen, die Klimbim-Chargen sein wollen und deswegen alles der Lächerlichkeit preisgeben. Weber trifft den Ton leider nur selten. Seine Schauspieler übertreiben im Ausdruck und die Figuren geraten zu deutlich, als wäre man sich nie sicher, ob das Bashing der "Dritten Generation" auch wirklich ankommt: knapp vorbei am bürgerlichen Lust- und Frustspiel.

Aber die zwei Sterbenden haben es da auch leichter. Ihre Gesten sind erkennbare Posen, Ikonografien. Da brauchts nicht viel. Winterstein als Lurz im Feinripp vor einem Transparent. Oder Goesers Paul in hagebuttenfarbener Babycordhose und Parka, der mit seiner Maschinenpistole herumfuchtelt, solange bis er selbst im Blut liegt. Das ist alles so unecht und echt zugleich, dass es zu Kunst wird. Wie bei Fassbinder.

 

Die dritte Generation
von Rainer Werner Fassbinder
Regie: Hasko Weber, Bühne: Grit Dora von Zeschau.
Mit: Felix Goeser, Michael Stiller, Sebastian Kowski, Jens Winterstein, Susanna Fernandes Genebra, Anja Brünglinghaus, Bernhard Conrad, Jonas Fürstenau, Claudia Renner, Sebastian Röhrle, Lutz Salzmann, Catherine Stoyan.

www.staatstheater.stuttgart.de

 

Kritikenrundschau  

Nicole Golombek schreibt in den Stuttgarter Nachrichten (8.10.2007) über Die Dritte Generation: "Fassbinder zeigt in seinem Film hysterisch-geschäftige Menschen, deren Denken durch die Lust am Abenteuer, an der Erregung durch Gefahr, durch die Suche nach Sinn bestimmt ist. Politische Motive und Ziele sind nebensächlich." Er rechne "mit rechter und linker Ideologie gleichermaßen ab". Das Theater folge dem Film. Und verweigere "jegliche Trauerarbeit über das Scheitern linker Bewegungen". Allerdings verhöhne Weber die Figuren "noch deutlicher als Fassbinder" Bloß funktioniere die Überzeichnung der Figuren oft nicht, weil sie, wie wenn einer beim Witzeerzählen selber lacht, ostentativ verlacht werden.

Martin Halter schreibt in der FAZ (12.10.2007): Fassbinders Film sei eine "böse Satire auf jene dritte Generation der RAF" gewesen, die "ohne Ziele und Utopien nur noch ihrer Selbstverwirklichung frönte". Weber verschärfe diese Groteske und stelle "eine Rasselbande von Angsthasen, Großmäulern, masochistischen Luxusweibchen und männlichen Brüllaffen auf die Bühne", verkleidet mit "Karnevalsmasken, Plateausohlen und Afrolook-Perücken". Man könne heute allenfalls "gequält schmunzeln, wenn ein Staatstheater den RAF-Terror als Dilettantentheater nachspielt und die Gespenster der Vergangenheit für eine schrille Revival-Party aus Fassbinders Kiste springen lässt." 

 
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