Spiel mit dem American Way of Life

von Guido Rademachers

Bonn, 3. Februar 2011. Vielleicht gibt es tatsächlich kaum etwas zu entdecken. Innovatives aus Amerika scheint derzeit Mangelware. Und taucht im deutschsprachigen Raum doch einmal eine US-Theatergruppe mit Alleinstellungsmerkmalen wie das "Nature Theater of Oklahoma" auf, wird sie gleich vom Sommerfestival Kampnagel bis zu den Salzburger Festspielen durchgereicht.

Am Theater Bonn liegt die Latte von vornherein tiefer. "Eine kleine, aber feine Gastspielauswahl" will das Minifestival "Szene New York" zeigen. Drei Inszenierungen sind eingeladen, ergänzt von Lesungen, Diskussion und Konzert. "Crime or Emergency“, geschrieben, inszeniert und gespielt von Sibyl Kempson wurde ins Lampenlager verfrachtet: einer Aufführungsstätte, die per se Off-Theatercharme versprüht ("Toiletten über den Hof und dann die Treppe hoch") und mit den 100 Zuschauern, die zur Europapremiere gekommen sind, bereits komplett ausverkauft ist. Uraufgeführt wurde "Crime or Emergency" 2009 in New York. Sibyl Kempson spielte auch in der "Nature Theater of Oklahoma"-Produktion "Life and Times 1" mit. Die "Szene New York" ist offenbar recht übersichtlich.

Rodeowettbewerb mit Häftlingen, Basketballprofis verletzt auf dem Parkplatz

Denjenigen, die nicht so gut Englisch verstehen, versucht ein Regieassistent, den Inhalt zu vermitteln. "Don't even try" hätte man ihn zuvor gewarnt. Und tatsächlich beginnt der Assistent, sich zu verhaspeln. Ja, ehm, da gäbe es nun einmal eine verwirrende Vielfalt von Szenen. Oft ins Unlogische und Groteske gehend. Und amerikanische Mythen aushebelnd. Ein Basketballprofi, der verletzt auf einem Behindertenparkplatz liegt... Ein Cowboy, der in Rodeo-Wettbewerben gegen zum Tode verurteilte Häftlinge antritt... Ein Friedhof, auf dem zwei Cowboystatuen miteinander sprechen: "Aber das sehen Sie dann ja..." Kempsons Stück sei ursprünglich für elf Personen geschrieben, jetzt allein von ihr und ihrem musikalischen Begleiter, Mike Iveson, gespielt.

Mike Iveson trägt dunkelbraunen Pullunder zur Stoffhose, hat seine Haare streng gescheitelt und gibt, wenn er nicht streng ins Publikum blickt, am Klavier sein Letztes. Bruce Springsteens Amerika-Pathos wird in Ivesons Interpretation zur übermenschlichen Kraftanstrengung. Das Gesicht verzerrt sich zum Schrei-Gesang, die Hände dreschen auf die Tasten. Solche Gröleliedkunst heilt auf der Stelle jede Art von falscher Sentimentalität. Sibyl Kempson hält glänzend mit. Von Haus aus ist ihre Stimme etwas enger, dafür aber, zumal sie die Töne gerne knapp verfehlt, auch schriller. Ein übersteuertes Mikro besorgt den Rest.

Elf Figuren und Sybil Kempson

Die schauspielerische Rekordleistung von elf Figuren auf einen Streich meistert Kempson souverän im Stile eines Entertainers, der seine Dialog-Witzchen mit verteilten Rollen abfeuert. Das Publikum fest im Blick singsangt sie leicht angenervt mit auf- und abklappernden Augenlidern als Sonja über Proteine zum Abendessen, plappert schmallippig über die Kitzelattacke eines Fremden oder über abgebrochene Masturbationen, um als Freund Howard nur das Kinn gen Brust zu drücken und Stimme nach unten zu quetschen: "Jesus." "It's too much."

Später dann wird Howard auch noch entschieden die Augenbrauen nach unten ziehen und sich wie aus heiterem Himmel mit einem Heulkrampf zu Boden zu werfen. Angestellte Lacey scheuert ihm nicht weniger spontan eine. Und kann sich selbst nicht mehr beruhigen.
"It's not a crime against Howard. It's a crime against humanity."

Verbrechen oder Notfall

Verbrechen oder Notfall? Das ist die Frage, die überhaupt das ganze Amerika, wie es
hier gezeigt wird, zu treffen scheint. "Is this a crime or an emergency? Should I call the police?"

Sibyl Kempson benutzt weniger die Mittel eines Schauspielers als die eines - nicht einmal sonderlich virtuosen - Entertainers. Es ist standardisierte amerikanische Unterhaltung, wenn auch als Schwarzbild. Aber in dem Benutzen des Musters, ohne dass die Voraussetzungen dafür noch intakt wären, liegt gleichwohl das Besondere des Abends. Am Ende kommen Statisten aus dem Zuschauerraum und bauen die Bühne um, Vorne und Hinten vertauschend. Kempson und Iveson spielen mit dem Rücken zum Publikum weiter: Ein starkes Endbild für die Verlorenheit des hier gezeigten "american way of life".


Crime or Emergency
von Sibyl Kempson (DEA)
Inszenierung und Ausstattung: Sibyl Kempson, Musik: Mike Iveson, Licht:
Benjamin Shunichi Kato, Ton: Ben Williams
Mit: Sibyl Kempson, Mike Iveson

www.theater-bonn.de

 

Mehr zu New Yorkern in Bonn: Im März 2010 inszenierte Richard Maxwell mit seinen New York City Playern erstmal in Deutschland am Bonner Theater, und zwar Das Maedchen, bei dem Sibyl Kempson als Schauspielerin mit auf der Bühne stand.

 

Kritikenrundschau

"Eine irrwitzige, traurige, groteske und atemberaubende Tour de force durch das Amerika dieser Tage", dessen selbstverständnis nicht erst seit dem 11. September erschüttert sei, " schreibt Ulrike Strauch im Bonner Generalanzeiger (5.2.2011) über dieses "durch und durch sehenswerte Stück". Es sei "bevölkert von Verunsicherten und Vereinsamten, die zum Teil aus Ratlosigkeit an ihren tradierten und längst entleerten Rollenbildern" festhalten würde. Allesamt würden diese Figuren von Sibyl Kempson gespielt, "die zusammen mit dem Pianisten Mike Iveson zum Gastspiel nach Bonn gekommen ist, um hier ein paar ausgesprochen beeindruckende Beispiele ihrer Wandlungsfähigkeit zu geben."

 

 
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