Dunkelseherische Kräfte

von Simone Kaempf

Hannover, 7. Oktober 2007. Wir Deutschen werden ja nicht nur immer älter. Von den Älteren gibt es bald auch immer mehr, haben Demoskopen berechnet. Demnächst sei jeder Dritte über sechzig Jahre alt. Da ist es natürlich unfair, die, die sowieso gerade alt werden, an das Alter zu erinnern. Designer haben das bereits erkannt und erklärt, man müsse Produkte entwickeln, denen man möglichst nicht ansieht, für welche Zielgruppe sie gemacht sind.

Demnächst wird es sogar ein eigenes Qualitätszeichen geben, das solche "Produkte für alle" zertifiziert. Tankred Dorst müsste man dieses Siegel sofort verleihen. Aber wahrscheinlich hat er es längst. Nicht nur in seinem neuen Stück, auch in vielen früheren sehen die Erwachsenen kaum anders als die Kinder aus, waren sie schon immer da und sind auch nie verschwunden. Denn Vergangenheit und Zukunft fallen in eins im Moment der Gegenwart.

Die Zeit ist Dorsts Figuren auch in seinem neuen Theaterstück zu einem Raum geworden, den man durchqueren und durchwandern kann. Oder durchtanzen, abtasten und misstrauisch abschreiten wie am Schauspiel Hannover. Vielleicht lugen die Figuren aber auch nur deswegen so zögerlich hinter Balustraden hervor und tauchen geräuschlos hinter Säulen auf, weil das fast klinisch weiße Oberfoyer, in dem gespielt wird, mit seinem 70er Jahre-Look tatsächlich auch ein zugiges Niemandsland ist. Zwischen- und vor allem Märchenreich.

Sehnsucht nach Ewigkeit

Ein ganz in rot gekleidetes Mädchen tritt am Anfang auf und erzählt, dass der Tod sich verkrochen hat: auf einen Baum gestiegen und nicht mehr herunter gekommen. In dieser Setzung von Tankred Dorst steckt einiges an hell- und dunkelseherischer Kraft und das konsequente Weiterdenken der Sehnsucht nach nie endendem Leben. Wobei das mit der Abschaffung des Todes eben so eine Sache ist. Denn wenn noch ewig Zeit bleibt, geht die Dringlichkeit verloren, das zu tun, wozu einen die inneren Kräfte doch antreiben. Das Leben erstarrt zur Fassade der sinnlosen Als-ob-Beschäftigung.

Der Mann mit dem Blindenstock formuliert es sehr schön: Wenn mit der Abschaffung des Todes "das Risiko des Lebens auf das Minimalste reduziert" wird, schafft man das Leben selbst ab. Regisseurin Julia Hölscher folgt Dorsts Gedanken der zum Scheitern verurteilten Utopie vom ewigen Leben so dicht, dass die szenische Materialisierung der Figuren aseptisch gerät, aseptisch poetisch. Die Anforderung lag für Hölscher nicht nur darin, Dorsts Text zur Uraufführung zu bringen, sondern auch, ihn mit 15 älteren Schauspielern und Laien zu erarbeiten.

Keine verlässlichen Kategorien

Unter denen etwa Lore Stefanek "eine der Jüngsten ist" – mit 64 Jahren! –  und "nicht wie sonst oft an der Berliner Schaubühne die Älteste", liest man im Programmheft über dieses Stück aus dem Niemandsland des Alters. Alt und jung sind hier wie falsch und richtig, gut und böse keine verlässlichen Kategorien. Gerade deshalb wäre soviel Einfühlung gar nicht nötig, wie sie die Inszenierung aufbringt. Die Jugend flitzt in Person des kleinen roten Mädchens, halb Teufel, halb Rotkäppchen, über die Bühne und stiftet Unruhe. Wie eine uneinholbare Erinnerung aus der Vergangenheit, die auftaucht und schnell wieder verschwindet. Einzuholen ist sie von den Alten eh nicht. Die Knochen machen's nicht mehr, der Kopf arbeitet dagegen auf Hochtouren.

Da ist Herr Paglia, der auf die Frage nach seinem Namen wie unter Zeitdruck immer gleich das Wesentliche antwortet: Dass er mal Tänzer war. Die alte Frau Schilagi schleift die Füße hüftsteif, aber emsig über die Bühne. Und Sonny, eine frohgelaunte Krapp-Kopie, der für seine Verwandten Bänder mit seiner Lebensgeschichte bespricht. Im Grunde aber machen die Alten, was man von ihnen erwartet: sie tragen beige Freizeitjacken, sind ein bisschen spleenig und reden auf der Straße mit sich selbst. Es sind alles liebe, sympathische Träumer ihres eigenen Lebens, Sonderlinge, zu denen man wie zu Kindern sprechen würde.

Der Herr im blauen Pullunder

Dass sie den Raum um einen herum bespielen und sich auch mal unters Publikum mischen, verliert bald seine Rafinesse. Der Zugriff der 28-Jährigen Julia Hölscher, die gerade erst die Regieschule abschloss und doch schon einiges Augenmerk auf sich gezogen hat, ist weniger im Ganzen als in einzelnen Szenen packend. Zum Beispiel, wenn der Herr im blauen Pullunder endlich seine Jugendliebe Nelly anspricht, mit der er vor 64 Jahren in einer Jugendtheatergruppe spielte. Während er noch jede Silbe auswendig kann, erkennt sie ihn nicht einmal wieder.

Totale Erinnerung oder doch lieber alles vergessen, um in der Gegenwart zu leben? Die Atmosphäre bleibt empfänglich dafür, alles poetisch wieder aufzulösen. "Was machen Sie denn Schönes", wird einmal gefragt. "Ach, ich bin nur vorübergehend hier." Die Antwort klingt wie eine Ausrede. Für die Zuschauer bleibt es beim Dilemma, lange leben zu müssen, um zu begreifen, wie kurz die Zeit ist.

 

Ich bin nur vorübergehend hier
von Tankred Dorst, Mitarbeit Ursula Ehler
Regie: Julia Hölscher, Bühne: Christina Mrosek, Kostüme: Ulli Smid, Musik: Tobias Vethake. Mit: Ingeborg Berns, Robert Brand, Sibylle Brunner, Ernst Erich Buder, Imogen Coupke, Ilo Geisler, Klaus-Peter Haase, Alfred Herms, Lucia Irvin, Diego Léon, Horst Meister, Gabriele Mittler-Gerstenberger, Achim Niedziella, Gerd Peiser, Friedrich W. Rasch, Heide Rüter-Alliu, Lore Stefanek, Emilia Zimmermann.

www.schauspielhannover.de

 
Kritikenrundschau

"Trauer mischt sich mit Groteske, Kunst mit Kitsch, Geheimnis mit Gewolltheit. Lauter Tote ohne Begräbnis. Begrabene ohne Totenschein." Gerhard Stadelmaier von der FAZ (9.10. 2007) hat in Hannover ein "Alten-Drama mit Ewigkeitsdrohung" gesehen: "'Ihr werdet uns so schnell nicht los!'". Wobei die einzelnen Leben nur "anekdotisch-katastrophisch" angerissen seien. Julia Hölscher nun lasse nicht im "wüsten, jenseitigen", sondern in einem "schicken, diesseitigen" Land spielen. Dort bringe sie die "alten, wackeren Schauspieler" und die Figuren "sehr schön in Bewegung". Aber nur einmal, in einer Szene mit Lore Stefanek und Gerd Preiser sprieße "Wunderwehmut". "Der Rest ist Gewerbe."

Ronald Meyer-Arlt von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (9.10.2007) findet das Stück "ein bisschen endzeitlich". Es kenne "keine Handlung, keinen Konflikt, keine Entwicklung." Vielleicht verstünden Tankred Dorst und Ursula Ehlers "ihre Fragmente aus dem Seniorenleben als Textfläche, wie sie das postdramatische Theater gern nutzt". Die Ansiedlung im "klinisch weißen" Oberfoyer gefällt ihm, weil der Raum dem Text die "Auflockerung" gebe, die er "braucht". Julia Hölscher hole heraus, "was herauszuholen ist". Sie "schafft ansehnliches Raumtheater und versucht das Stück mit ein bisschen Gesang aufzumotzen. Offensichtlich mit Erfolg: Das Premierenpublikum applaudierte freundlichst."

Till Briegleb, Nord-Kultur-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung (10.10.2007) schreibt, Tankred Dorst sei "behandschuht mit seiner Generation" umgegangen. Immerhin die Jahrgänge die Millionen Kriegs- und Terrortote miterlebten, da hätte es "durchaus einiges abschließend zu dikutieren gegeben". Indes mangele es dem Stück wie der Inszenierung "an einem relevanten Konflikt". "Altersstarrsinn" und "Altersmilde" vermischten sich in einer "Wolke der Freundlichkeit" zu "einem Tee-und-Kekse-Herbst". Selbst "das Ausrufen einer handfesten Renterrevolution" erscheine "in dieser gedämpften Atmosphäre arg zahnlos".

Kommentar schreiben