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Viele Hände tragen diese Blase

von Sarah Heppekausen

Moers, 10. Februar 2011. Wir sitzen auf einer Kreuzung. Zwischen den vier Zuschauerbereichen sind vier Straßen markiert. Jede kommt aus einer anderen Richtung, alle haben das gleiche Ziel: unterwegs zu mehr Profitabilität. Diese Roadmap ist kein Highway to Heaven. Sie führt geradewegs zum Crash. Schlosstheater-Intendant Ulrich Greb lässt so einiges zusammenprallen in seiner Version einer ökonomischen Geisterbeschwörung. Adam Smiths Ausführungen zu seiner berühmt gewordenen Metapher der "unsichtbaren Hand" treffen auf Aussagen von Bankern wie Josef Ackermann oder Lloyd Blankfein, René Descartes' Erkenntnistheorie auf Sexberichte aus Internetforen.

Die Technik der Dadaisten

Grebs Textfassung ist vor allem Fleißarbeit. 90 Prozent des Textes, kündigt der Regisseur vor der Vorstellung an, sind Zitate. Greb und seine Dramaturgen Sabrina Bohl und Felix Mannheim haben gesammelt, komprimiert und assoziiert. Manchmal entsteht so etwas wie ein Dialog. Meist bleibt es eine Aneinanderreihung von Originalzitaten, die in dadaistischer Montage- und Collagetechnik an einem vorbeirauschen.

Nacheinander oder auch mal gleichzeitig werden sie in der Moerser Theaterhalle von Schauspielern gesprochen, die nicht als Charaktere, sondern als Text aufsagende Puppen auftreten. Als Produzenten, die Wörter wie Würste durchkauen und wieder ausspucken. Als Textverwurster. Manchmal nennen sie nach einer Zitat-Passage auch den Namen des Urhebers. So wird Distanz zum Gesprochenen gewahrt und dem Zuschauer die Zuordnung erleichtert. Da lässt eine Schauspielerin Josef Ackermann von der Verbindung von Passion und Präzision erzählen. Ein anderer sagt als Richard Fuld von der Investmentbank Lehman Brothers "Es gilt, unsere Gegner zu zermalmen und zwar so: fletscht die Zähne." Oder als Lloyd Blankfein: "Ich bin der Banker, der Gottes Werk verrichtet."

Eigennutz, Moralphilosophie und die ausgleichende höhere Kraft

Wirtschafts- und Finanzmarktsakteure benutzen den von Adam Smith beschriebenen Mechanismus der "unsichtbaren Hand" gern, um individuelle Nutzenmaximierung zu rechtfertigen. "Globale Konkurrenz reduziert die Kosten für alle und die Inflation bleibt niedrig" wird also auf der Bühne zitiert. Nur: Die sozial ausgleichende, unsichtbare Hand ist nicht mehr aktuell, stellt Greb klar. Wenn die Darsteller sie beschwören, passiert nicht viel. Ein kurzes Innehalten zur Spieluhr-Musik, bevor die Wall-Street-Banker, Transaktionsexperten und Stellenabbau-Schönredner sich wieder ins Finanz-Chaos stürzen.

Aber dieses Chaos ist nur ein inszeniertes. Zwischen zerfledderten Financial Times, gereichten Fleischwurststückchen und kopierten Banknoten entsteht kaum ein beklemmendes Gefühl. Obwohl Patrick Dollas Josef Ackermann erzählen lässt, dass er nur schwer an Bettlern vorbeigehen könne. Obwohl sich Marieke Kregel für den Kopierakt entblößt. Im Ansatz ist der Abend eine Farce. Die blitzt zum Beispiel auf in Frank Wickermanns fies-motivierendem Grinsen. In der Schöne-Aussicht-zaubernden, gelben Sonnenbrille, die Matthias Heße mit Würde trägt. Oder in Katja Stockhausens Skisprung-Selbstmord-Nummer auf dem Dach einer dieser kleinen Theaterwunderbühnen, die am Ende jeder auf der Bühne aufgezeichneten Straße stehen.

Weiße Hemden schweben an der Decke

Aber letztlich ist der Abend nicht radikal genug, um böse zu sein. Nicht ernst genommen genug, um komisch zu sein. Geister des Kapitalismus, die als weiße Hemden von der Decke hängen, sind nur allzu harmlose Gespenster. Es ist, als ginge das alles weder Schauspieler noch Publikum wirklich etwas an. Nicht die Erdbeben, die die Darsteller wie Aktien zu Boden treiben. Und nicht der Exorzist Reverend Billy, der zum Chor seiner Halleluja-jubelnden Jünger dem Skisprung-Selbstmörder Ackermann den kapitalistischen Teufel austreibt.

Erst als die riesige weiße Blase sich über ihre Köpfe bewegt, springen viele Zuschauer beherzt auf und heben Arme und Hände, damit sie bitte nicht zerplatze. So leicht, aber gerissen demonstriert der Abend am Ende doch noch das irrsinnige Finanztreiben. Frei nach Ackermanns Motto "nur Glaubwürdigkeit schafft Vertrauen". Und wir sind darauf reingefallen.



Die unsichtbare Hand
Eine ökonomische Geisterbeschwörung
Textfassung: Ulrich Greb, Mitarbeit: Sabrina Bohl, Felix Mannheim
Regie: Ulrich Greb, Bühne: Birgit Angele, Kostüme: Elisabeth Strauß, Dramaturgie: Sabrina Bohl, Felix Mannheim.
Mit: Patrick Dollas, Matthias Heße, Marieke Kregel, Katja Stockhausen, Frank Wickermann.

www.schlosstheater-moers.de

 

Mehr zu Ulrich Greb gibt es im nachtkritik-Archiv.

 

Kritikenrundschau

Das Stück sei ebenso wenig amüsant wie sein Thema, schreibt Karen Kliem im WAZ-Portal Der Westen (12.2.2011): Allerdings scheint der Abend den wirtschaftsunkundigeren Zuschauer gelegentlich zu überfordern, wie man ihrer Kritik auch entnehmen kann. Greb benutze, so die Kritikerin, zwar eine sehr di­rekte Bildsprache für sein Stück, dem Birgit Angele ein fabelhaftes Bühnenbild ver­passt habe. "Alle Nase lang wird die Phrasendreschmaschine angeworfen, deren End­losschleife das geheuchelte 'Dankeschön' der Finanzwelt nach der Bankenrettung nicht glaubwürdiger macht. Und kaum ist die Krise überwunden, werfen die Herren in Schlips und Kragen wieder ihre Gelddruckmaschinen an und rasen im Bürostuhl-Ballett über den Finanz-Highway." Doch so direkt die Bilder seien, so durcheinander werde geredet im Jargon der Börsenzocker. "Da ist der Theaterbesucher ge­fordert – oder er gibt gleich auf, weil er gar nicht wissen will, was 'Naked Short Selling' ist oder der 'Leverage-Effekt'. Fraglich, ob es nötig ist, die Ob­szönität dieser Sprache mit der, die in Freier-Foren be­nutzt wird, unterstreichen zu müssen."

 

 
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