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Die Gefühle in explodierenden Burgen

von Steffen Becker

München, 12. Februar 2011. Aus Marketing-Sicht gibt "Das Käthchen von Heilbronn" am Münchener Residenztheater Anlass zum Hyperventilieren. Die letzte Inszenierung von Dieter Dorn, sein erstes Käthchen (im Kleistjahr!), ungekürzte Fassung, mit Lucy Wirth in der Titelrolle, dem Stern am Münchener Theaterhimmel. In viereinhalb Stunden bringt Dorn das Publikum zwar nicht in Atemnot, hält es aber auch frei vom Gähnen. Die Zeit verfliegt in einer opulenten Inszenierung, die auch von seiner Ära erzählt.

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Der Kaiser (Dieter Dorn)
©Thomas Dashuber

Dorn gehört folgerichtig der erste Auftritt - als Kaiser. Gemessenen Schrittes tritt der 75-Jährige durch den Kulissen-Umriss eines Engels nach vorne und führt dann das Bühnenbild wie er es auch mit seinen Schauspielern tut: knapp, direkt, bestimmt. Ein Wink und der Boden senkt sich, ein weiterer und die Akteure des ersten Bildes eilen herbei.

Immer nah am Traum

Vor dem Femegericht verklagt der Schmied Theobald den Graf vom Strahl. Er sei schuld am unerklärlichen Treiben seiner Tochter, dem Käthchen von Heilbronn. Diese folgt ihren Träumen, die den Grafen als ihr Schicksal gezeigt haben – konsequent und rücksichtslos gegen sich selbst. Dass dieses Verhalten auch 200 Jahre nach der Entstehung noch irritiert, spricht für die zeitlose Qualität des Klassikers Kleist. Dieter Dorn zeigt mit Lucy Wirths Käthchen eine blutjunge Frau in weißen Leinen – die Ausstrahlung süß und unschuldig. Doch wie sie sich vor dem Grafen niederwirft, auch körperlich um ihn ringt, den Rationalisierungsversuchen des Gerichts angstfrei die Kraft ihrer Gefühle entgegensetzt, bekommt man es mit der Angst zu tun.

Wirths Käthchen wandelt in den Szenen der Femeverhandlung sicher auf einem schmalen Grat. Sie verleiht ihr die beunruhigende Ausstrahlung einer radikal emotionalen Frau, wo die Gefahr groß ist, auf eine nur grotesk Verliebte zu blicken.

Im Grundmotiv der Unsicherheit

Ihre Umgebung versetzt sie in eine Unsicherheit, die Felix Rech als Graf vom Strahl kongenial verkörpert. Arrogant und sich seiner sozialen Stellung bewusst verteidigt er sich vor dem Femegericht. Die Männer in schwarz verschwinden im Schatten, während er im glänzenden Brustpanzer seine Unschuld am Wahnsinn des armen Dings Käthchen bekundet. Schon im zweiten Bild - allein im Wald - liegt der stolze Mann danieder und ringt mit seinen Gefühlen. Das Käthchen hat ihn berührt und in einen erschütterten jungen Kerl verwandelt, den man in den Arm nehmen will. Glaubhaft lebt er die Hin- und Hergerissenheit des Grafen - handelt er in den Bahnen eines angemessenen Lebensweges oder riskiert er sein Selbstbild im Umgang mit der Ausnahmeerscheinung Käthchen?

Das Grundmotiv der Unsicherheit zeigt auch das Bühnenbild. Jürgen Rose arbeitet mit düsterer Mittelalterstimmung. Die durcheinander gestapelten Metallplatten, auf denen das Femegericht Platz nimmt, die schrägen Mauern der Burgzimmer platziert er als Inseln in der Weite des Bühne. Der restliche Raum scheint zu signalisieren, dass nur ein Schritt außerhalb der gewohnten Sphäre eine ganz andere Welt liegt - so wie Friedrich nur eine Erinnerung entfernt ist von der Traumwelt Käthchens.

Wille und Wunsch nach Leichtigkeit

Richtig aufdrehen kann die Bühnentechnik im zweiten Teil des Abends. Nachdem Friedrich auf Kunigunde von Thurneck (Sunnyi Melles) getroffen ist, die ihm trotz ihrer Gier auf seine Länder und wegen ihrer Verführungskunst als die passende Gattin erscheint, wird es wild im Residenztheater. Der Angriff eines betrogenen Liebhabers auf ihren Sitz wird begleitet von Explosionen, die von der Burg nur rauchende Gerüste übrig lassen.

In diesen Parts überspannt Dorn den Bogen allerdings. Das Stück droht zur Ritterposse zu werden, in der Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs auf Steckenpferden durch die Gegend galoppieren. Wirths Käthchen schrumpft derweil zur deklamierend hinterherhetzenden Hysterikerin.

Man muss sich Regisseur Dorn hier als Herrscher vorstellen, der angestrengt betont, dass er mit Leichtigkeit abtritt. Diese Leichtigkeit gelingt im zweiten Teil allerdings fast nur Sunnyi Melles. Sie spielt ihre Kunigunde herrlich überspannt, eitel bis in die Spitzen der unechten Haare, panisch bedacht, die Schummeleien ihrer Schönheit geheim zu halten – was frappierend zum Ausdruck kommt im Aufeinandertreffen mit einer süffisanten Cornelia Froebess als würdevoll gealterte Mutter Friedrichs. Mit ihrer Arbeit am Körper und der Bereitschaft ihn einzusetzen, erweist die Melles'sche Kunigunde sich jedoch als moderne Frau.

Der Kaiser hat das erste und das letzte Wort

Im dritten Teil gelangt auch die Gesamtinszenierung trotz schnell wechselnder Bilder wieder zur Ruhe. Als Käthchen Friedrich ihren Traum offenbart, baut sich zwischen Rech und Wirth durch Berührungen, Drücken und Loslassen langsam eine erotische Energie auf. Das Publikum ist merklich berührt von der gemeinsamen Kraft und Harmonie der Schauspieler. Die Welten ihrer Figuren verschmelzen, die Zuschauer nehmen teil an dem Traum, dass man nur seinem Herzen folgen kann.

Und dann kommt Dorn und ruft "Aus". Der Kaiser hat das letzte Mal gesprochen. Ein Wink, und es wird dunkel.


Das Käthchen von Heilbronn
von Heinrich von Kleist
Regie: Dieter Dorn, Bühne: Jürgen Rose, Kostüme: Jürgen Rose, Klangkomposition: Michael Gottfried, Dramaturgie: Hans-Joachim Ruckhäberle, Rolf Schröder.
Mit: Cornelia Froboess, Gabi Geist, Sunnyi Melles, Jennifer Minetti, Franziska Rieck, Anna Riedl, Heide von Strombeck, Lucy Wirth, Peter Albers, Michael von Au, Ulrich Beseler, Marcus Calvin, Burchard Dabinnus, Dieter Dorn, Matthias Eberth, Thomas Gräßle, Dennis Herrmann, Alfred Kleinheinz, Shenja Lacher, Hannes Liebmann, Wolfgang Menardi, Oliver Möller, Oliver Nägele, Dirk Ossig, Felix Rech, Arnulf Schumacher, Helmut Stange, Fred Stillkrauth, Markus Wasner, Rudolf Wessely, Marcus Widmann.

www.bayerischesstaatsschauspiel.de

 

Mehr zu Dieter Dorn im nachtkritik-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Von einem Abend mit "nicht immer leicht und lächelnd zu ertragenden Wasser-, Feuer- und Geduldsproben" schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (14.2.2011). Die Szene vor dem Femegericht lässt die Kritikerin noch "auf eine zart-düstere, ernste und auch ästhetisch ernstzunehmende Auseinandersetzung mit dem inkommensurablen Kleist-Stoff" hoffen. Rech sei ein großartiger Graf vom Strahl, durch seinen Ton sei er die "einzige Identifikationsfigur in dem Märchenspuk (...): ein gestresster, mit sich selbst und seinen Aufgaben ringender junger Mann, dem man beim Denken folgen kann". Lucy Withs Käthchen "fasziniert und irritiert" durch "rotwangig-frische Unbeirrbarkeit. Nichts Entrücktes ist an ihr, sie steht mit beiden Beinen in ihrem Glauben", schaffe es aber nicht, uns an diesem "lauten, zeichenhaften Abend" in ihre Welt hineinzuführen - dafür gebe es ringsherum "zu viel Spektakel, Klamauk und Köhlerbudenzauber". Dorn wisse "mit dem Traumgespinst des Stückes, mit seinem Gefühlsabsolutismus, seinen Irrationalitäten wenig anzufangen" und bediene stattdessen "lustvoll-lustig die Räuberpistole". So entfache er "mit unglaublichem Getöse und zunehmendem Kindskopffuror den reinsten Theaterdonner". Das Publikum nehme dieses "Käthchen" als "ironische Volkstheaterbelustigung und romantische Schauermär" und flüchte sich ins Gelächter.

Die Geschichte von Käthchen, "dieses Märchen", erzähle Dorn "bis zum Happy End mit kindlichem Sinn für die Parodie, als welche Kleist sein Phantasiestück natürlich auch verstand", schreibt Barbara Villiger Heilig (NZZ, 14.2.2011). Die Inszenierung verzichte "weder auf sich kreuzende Klingen noch auf krächzende Krähen oder flackernde Flammen". Erhalten bleiben hier auch jene "Traum-Erzählungen (...), die in Kleists Stück die Rück- oder Innenseite der schauerromantisch-pseudohistorischen Dekoration bilden: den Kern, um den sich der Rest wie ein unterhaltsames Ablenkungsmanöver sortiert." Das werde heute normalerweise gestrichen, da es dem "Publikumsgeschmack zu Kleists Zeiten" entspreche. " Jedes "Holla!" bleibe stehen, "weshalb die fünf Akte inklusive Pausen fünf Stunden dauern, die sich ausführlicher der dekorativ-äusserlichen Action widmen als dem verinnerlichten Kern dieser unerhörten Liebesgeschichte. Inwiefern beides miteinander korrespondiert, wird bei Dorn nicht recht klar." Denn die Hauptrolle gehöre hier Kunigunde: "Sunnyi Melles wirft sich mit Lust in die schräge Komik der Schreckschrauben-Figur." Der Graf wiederum finde nur bei Käthchen zu seiner Rolle: " Auch Lucy Wirth flüchte zu oft "in Verlegenheitslösungen." Was der Abend aber biete, sei "ein theatertolles Abschiedsfest für Dieter Dorn – mit Witz und Irrwitz".

Ganz anders hat es Gerhard Stadelmaier von der Frankfurter Allgemeinen (14.2.2011) wahrgenommen. Seit Andrea Breth habe "niemand das Liebesspiel in diesem Stück so ernst genommen" wie Dorn. Bei ihm bekomme das Stück "sein Herzenstätermädchen wieder. Sein wahres Käthchen. Ohne Kitsch." Da sei "kein Vers, keine Zeile gestrichen. Jede Wendung ausgespielt. Jede Regung ernst genommen." Dorn setze die Gefühle der Figuren "in ein warmes, blühendes Herzgewächshaus". Oliver Nägele als Käthchen-Vater gebe nicht den "Rechtsuchenden, sondern den verrückt gewordenen Liebesuchenden". Wirth sei als Käthchen "ein Wunder an Hingabe. Ohne sich auszuliefern. Sie ist mit ihrer Figur nicht schnell fertig. Spielt, träumt, fühlt sich tastend, aber hingerissen in sie ein, neugierig in ihrer Energie" und mit "völlig autonomer, ja geradezu unverschämt emanzipierter Mädchensüße ohne Groschenromanpflaster und ohne Unterdrücktheitswundmale" - kein Opfer, sondern "der Inbegriff des Wahnglücks aller verrückten Liebe". Auch Rechs Graf sei "kein mürrischer Gewaltbubi, sondern wirklich ein 'verliebter Käfer'", ein "liebesverlorener Liebessucher, sanft in seiner Arroganz, hilflos in seiner Kühle, rasend in seiner Unsicherheit: ein Bündel an Emotion". Ein "großer Abend" am Ende einer "großen Zeit". "Dorn sei Dank."

Von einer "gewaltigen Kleist-Aufführung" berichtet auch Gabriella Lorenz in der Abendzeitung München (14.2.2011). Dorn und Bühnenbildner Jürgen Rose erfänden "aus dem Nichts wunderbare Bilder". Man habe Kleists "hochkomplizierte Spachsyntax" (...) noch nie in dieser sprachlichen Klarheit und Präsizion gehört, die einen von Anfang bis Ende in Bann zieht und alles verständlich macht". Und auch das Kleist'sche "Traumpaar" gelinge wie nur selten: Wirth spiele mit "bodenständiger Überzeugungskraft", Rech zeige "eine Glanzleistung im ständigen Oszillieren" zwischen Verliebtheit und Abweisung. "Wie er in der Schlafszene (...) neben und über ihr liegt, immer in Versuchung, die unterdrückte Zärtlichkeit körperlich zu erlösen: Das ist hinreißend." Als Regisseur bediene Dorn "alle Genres: Vom konventionell chorisch inszenierten Femegericht bis zur Schauerromantik, von der Ritterparodie (...) bis zur Personengroteske".

Der Text werde bei Dorn nicht "zum Steinbruch, sondern zur Fundgrube", schreibt Simone Dattenberger vom Münchner Merkur (14.2.2011). Bei seinem "Käthchen" werde es "keine Sekunde langweilig". Er führe einen "mit wüstem Theaterdonner, herzigen Hoppel-Rössern, aber auch mit tiefen Gedanken und tiefer Menschlichkeit in den Theaterhimmel". "Wirklichkeit, das (An-)Fassbare, und Fiktion, das Unfassbare, mischen sich auf Roses Bühne und in den erlesen-witzigen Kostümen mit der Leichtigkeit einer genialen Idee." "Fast mühelos" tauche man in Kleists Sprache ein, "samt spannender Gerichts-Show. Spannend, nicht nur weil Zauberei und sexuelle Nötigung verhandelt, sondern auch weil energisch und selbstbewusst gegen einen Adeligen geklagt wird." Rech gebe den Grafen "facettenreich und humorvoll als feschen und anständigen Ritter. Als verknallten Adeligen", "blumigen Schwätzer" und "(reuigen) Sadisten". Wirth spiele das "Ganz-anders-Sein" "als eine Existenz, die fest geerdet ist" und forme "kein esoterisches Hascherl, sondern eine gestandene Frau".

Für Jan Küveler (Die Welt, 15.2.2011) ist Dieter Dorn "der große Texternstnehmer des deutschen Theaters, der Vergangenheitsbewältiger, Sinntrümmerzusammenfüger, Totenerwecker. Er lässt Kleist ungekürzt spielen - fünf Stunden." Manchmal scheine es, "als habe Dorn die Windmaschine, die seinen rückwärtsgewandten Engel Richtung Zukunft treibt, den Mittelalterfestspielen in Bad Bentheim entliehen. Doch die haben keine Lucy Wirth. Die junge Schweizerin holt Kleists Käthchen entschlossen in die Gegenwart."

Dieter Dorn habe ganz auf das "Theatermärchen" gesetzt, schreibt Michael Skasa (Frankfurter Rundschau, 15.2.2011): "Das Theater kreißte und führte offen seine Künste aus Leim und Leinwand vor." Ein "schönen, heiteren und theatersatten Abgang" habe sich Dorn hier bereitet: "Eine Epoche ist damit zuende, und bei aller Vorfreude auf den neuen Intendanten, den 'Theaterberserker' Martin Kusej, schwingt auch Trauer (und Furcht) darüber mit, nun vom sauber-hellen und text-treuen Poesietheater Abschied nehmen zu müssen, von den großen Mimen und Wortkünstlern. Hier, in Kleists 'Käthchen von Heilbronn', konnte er – fast – alle nochmals Revue passieren lassen." Zugleich führte er zwei junge Schauspieler ins Zentrum: "die ganz und gar hinreißende, von natürlicher Glaubensfestigkeit und ungeschminkter Anmut sprühende Lucy Wirth" vor allem. Dorn, so Skasa, "war (und ist) der Märchenzauberer", er legte Wert "auf die Bilderschönheit, auf Wohlklänge und hohe Handwerkskunst, die oft zum Kunsthandwerk erblühte – oder welkte. Die Abgründe, das tiefe In-sich- Gehen waren sein Ding weniger." Mit diesem Abend nun schließe sich der Kreis, "das Publikum feiert ein großartiges Ensemble und umjubelt den Spielmacher. Ist Kleist unser Größter, so Dorn ein ganz Großer".

 

 
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