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Pulsschlag des Diessseitigen

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 12. Februar 2011. Es ist eine Schnitterin, die heißt Tod. In schwarzen Lackhosen und kniehohen Stiefeln tritt sie auf, ihre roten Locken zum Turm über der Stirn aufgetürmt. Ihr zur Seite steht ein blasswangiger Rabenengel namens Heurtebise, der offenbar noch anhänglich genug ist an diese Welt, dass er sich in eine Sterbliche verliebt. Und auch seine Herrin ist einem Menschen verfallen: Dem berühmten Dichter Orphée, dessen Verse die Welt betören. Nacht für Nacht tritt sie an sein Bett und sieht ihm beim Schlafen zu. Nacht für Nacht träumt er von seinem Tod – und ist ihm längst verfallen.

Jean Cocteaus Film Orphée von 1949 ist wie ein seltsamer Traum, in dem jenseitige Grenzgänger sich in den Puls der Diesseitigen verlieben und ihr Leben dadurch kräftig durcheinanderbringen. Und dennoch wird Orphée am Ende wieder heimkehren mit seiner Eurydice wie nach einem Alp und die Vorfreude pflegen auf das gemeinsame Kind.

Gothicpunks auf Neonstufen

Bei der Deutschen Erstaufführung dieses grotesken, ein wenig avantgardistischen, ein wenig biedermännischen Stoffes erklimmen schwarzweiß Gewandete, dunkelhaarig Perückte neonbeschmierte Stufen, die sich vor dem Zuschauer zu einer hohen Wand aufrichten. Regisseur Michael Simon hat den träumerischen Film in eine trashige 80er-Jahre-Ästhetik versetzt. In strenger schwarzweißer Kluft turnen Gothicpunks die Knirsch-und-Kraxelbühne herauf und herunter, seitlich schweben drei farbbekleckste Autos im Sinkflug herein. Träumerisch ist hier nichts, vielmehr erinnert die Kletterei ständig an das Gewicht der Körper, die das Wandeln zwischen den Welten im Theater um so vieles schwerer machen als im Film.

Mit gleichmütiger Milde wird das Dichterdrama frontal ins Publikum gesprochen, denn um die Wiederbelebung der großen Gefühle geht es hier nicht – einerseits. Andererseits kraxelt dann doch Nicola Gründels Eurydice mit Vorliebe auf Orphées Schultern herum, windet ihre ranken Glieder um die seinen, kost und küsst. Viktor Tremmel nimmt dies alles mit müdem Gleichmut hin, sein Dichter rast nicht, liebt nicht, hadert nicht, er hangelt sich nur mit matter Mine vom Diesseits zum Jenseits und zurück.

Düster brummelnde Songs

Ohnehin fasst Simon den Stoff reichlich unentschiedenen an: Er lässt seine Schauspieler in strengem Formalismus turnen und belanglos wegsprechen, um dann wieder ein paar Kalauer mitzunehmen, ein bisschen Pantomime zu machen und im nächsten Moment für eine kurze Musicaleinlage mit lustlosen Tänzen zu düster brummelnden Nick-Cave-Songs zu sorgen. Nichts von alledem aber wird konsequent weitergeführt, so dass man bis zum Ende allein bleibt mit dem Rätsel: Was hat den Regisseur am Stoff interessiert? Das Ringen um Inspiration, Tod und Liebe wird zum müden Allerlei von trashig-schriller Kulisse.

 

Orphée (DEA)
von Jean Cocteau
Deutsch von Klaus von Wahl
Regie und Bühne: Michael Simon, Kostüme: Janine Werthmann, Choreografie: Norbert Steinwarz, Licht: Jan Walther, Sound: Bernhard Klein, Dramaturgie: Andreas Erdmann.
Mit: Viktor Tremmel, Nicola Gründel, Torben Kessler, Julika Jenkins, Moritz Pliquet, Luise Audersch, Johannes Kühn, Roland Blezinger.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Das einzige Geheimnis dieser Inszenierung liege darin, warum Simon sie verfertigt hat, sagt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (14.2.2011). Er scheine "von dem unbedingten Willen getrieben, alles anders als Cocteau zu machen". Bunt statt Schwarz-Weiß, sanfter statt erboster Orphé, schwarzhaarige statt blonde Eurydike, blonder statt schwarzhaariger Tod. Inhaltlich klebe Simon an der Vorlage. "Seine Aufführung ist bloß auf Handlung und Dialoge gepappt, ohne Zentrum, ohne Bildsprache, ohne Verhältnis zur Vorlage. Simon kümmert sich nicht um den inneren Bogen der Geschichte, nicht um die Spannung einzelner Szenen, und er benutzt die Dialoge als Textinseln ohne Interesse am Inhalt. Er erzählt nichts", sondern zeige bloß "Versatzstücke einer müden 80er-Jahre-Phantasie". Die "armen Schauspieler" steckten alle in "vorgestanzten Rollenschablonen. Allein Thorben Kessler als in Eurydice verliebter Diener des Todes schafft eine demütig-schöne Grundmelodie und -melancholie."

Simon nehme Cocteau "sehr ernst, lässt das Poetische und das Mystische zu, verbreitet jene Atmosphäre einer Zwischenwelt, wie wir sie etwa auch aus dem Sartre-Film 'Das Spiel ist aus' kennen", schreibt hingegen Michael Hierholzer im Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen (14.2.2011). "Der Tod, eine Frau: Die Symbolik drängt sich allenthalben nach vorne in Stück wie Inszenierung, schließlich wird auch das Hauptmotiv der Spiegel als Pforten, durch die der Tod kommt und geht, nicht weiter in Frage gestellt, sondern besonders deutlich herausgearbeitet." Die Inszenierung lasse "das Irreale als das Künstlerische aufscheinen, und die Poesie wird, als habe es keine Diskussion über die Postmoderne gegeben, zum Inbegriff einer Suche nach verborgenen Wahrheiten". Der Abend sei "durchaus angetan, die Besucher zu verzaubern. Wenn sie das Poetische, das hier ausgestellt wird, nicht für falschen Zauber halten."

 

 
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