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Das Minetti-Echo im Körper

18. Februar 2011. Ja, genau so haben Thomas-Bernhard-Bühnen schon immer ausgesehen: große, leere Altbauzimmer mit wenigen, abgewohnten Möbeln darin. Blätternder Putz und Tapeten mit Wasserflecken. Verblasste Pastelltöne, gegen die dann die Schauspielervirtuosen die Eruptionen ihrer Erinnerungen umso farbiger prallen lassen konnten: an gelebtes und ungelebtes Leben gleichermaßen. Schauspielervirtuosen wie Ilse Ritter, Kirsten Dene, Bernhard Minetti oder Gert Voss, denen der Dramatiker Thomas Bernhard seine Stücke stets auf den Leib schrieb und dabei so kunstvoll die Farben des Lebens und der Kunst verwischte und ineinanderlaufen ließ, bis sie ein merkwürdiges Lebens-Kunst-Konzentrat ergaben. Und eine Reflexion über das Wesen des Theaters.

Auch diesmal ist es wie immer. Allerdings sind über zwei Jahrzehnte vergangen, seitdem Thomas Bernhard ein zeitgenössischer Autor war und Claus Peymanns Bernhard-Inszenierungen stilprägend. Plötzlich wirkt der Verfall erlesen. Die Risse und Wasserflecke an Wand und Decke als das, was sie schon immer gewesen sind: aufwändig hergestellte Trompe l’oeils. Mittendrin Gert Voss, der hier einen alten Schauspieler spielt, der einen alten Schauspieler spielt. Ein Ekel, das mit seinem Weltekel kokettiert. In keinem Moment sieht man jedoch eine Figur vor sich. Nur einen Schauspieler, der wie ein Klaviervirtuose des 19. Jahrhunderts seine technischen Möglichkeiten vorführt: in seinen besten Momenten eine von ironischer Verehrung durchzogene Hommage an den zart persiflierten Bernhard Minetti, der diese Rolle 1986 bei der Uraufführung des Stücks spielte. Meist aber doch nur hochgetunte, und irgendwie auch leerlaufende Schauspielkunst.

Distanz von zwanzig Jahren

Bis auf einmal im zweiten Akt der alte Schauspieler, den Gert Voss hier zu darzustellen hat, sich an eine Rolle erinnert, die er vor Jahrzehnten spielte, Shakespeares Richard III., und es scheint, als ließe Voss dabei für einen Moment durch seinen Körper auch Erinnerungen an den berühmten bocksfüßigen Richard III. pulsieren, den er selbst unter Claus Peymann 1986 am Wiener Burgtheater spielte. Für beide ein Triumph – just in jenem Jahr, als ein ehemaliger Dramaturgieassistent aus Peymanns Bochumer Jahren, Klaus André, am Berliner Schillertheater die Chance ergriffen hatte, einen Thomas Bernhard mit Bernhard Minetti uraufzuführen – mit einem Stück, das damals als zweitrangige Fortschreibung von Bernhards Stück "Minetti" galt. Doch, wie sich herausstellen sollte, keine zweitrangige Fortschreibung, sondern ein erstklassiger, wenn nicht gar "Minetti" überlegener Thomas Bernhard war.

Ja, denkt man da, als Voss sich nun als Richard III. für einen Moment vom ironischen Minetti-Echo und Schauspielervirtuosendarsteller mit ausgestopftem Buckel in Gert Voss himself verwandelt, dabei für einen Augenblick lang auch das beängstigende Hinken noch einmal seinen Körper durchpulst, das 1986 seinen Richard III. in Wien so markant prägte: Nun wird es heutig, denkt man da. Jetzt steigt Voss mit Peymann in eine Reflexion über das Theater ein und die Frage, warum es heute so nicht mehr weiter geht. Oder zumindest in die Trauer darüber, dass es so ist. In Zeiten, in denen Illusion auf der Bühne höchstes noch als Negation funktioniert: beispielsweise in Katie Mitchells sezierenden Theatertableaus, deren suggestive Kraft gerade in der kompletten Offenlegung der Illusionsmaschinerie besteht.

Als könnte man Bernhard neu entdecken

Doch ist es nur ein kurzer Moment, und Voss fällt wieder in die Rolle des Thomas-Bernhard-Minetti-Echolots zurück. Denn natürlich geht es darum, den Beweis anzutreten, dass es heute selbstredend SO noch immer geht. Und nicht anders! Also um eine Peymann-Bernhard-Theaterillusionsaffirmation. Und die Standing-Ovations am Ende könnten tatsächlich zu dem Irrtum verleiten, dies wäre noch einmal geglückt.

Wäre da nicht dieser kurze Richard-Moment gewesen, in dem man auf einmal dachte, wie wohl dieser Abend ausgesehen hätte, wenn der alte Schauspieler nicht von diesem erlesenen Verfall umgeben, in dieses ästhetische, historisierende Nowhereland versetzt worden wäre, sondern – let's say – auf einmal in schwarzen japanischen Designerklamotten in einer edlen Jan-Pappelbaum-Bühne zwischen moderner Kunst und Designermöbeln säße, und dort als letzter Mohikaner einer vergangenen Theaterepoche seine Klage erheben würde. Wenn statt des merkwürdig historistisch, im Stil der Late Forties gewandeten Kindes Katharina ein Mädchen von heute dem alten Schauspieler keine altertümliche Milchkanne, sondern eine braune Papiertüte mit der Milch vom Bioladen vorbeibringen würde. Dann hätte man vielleicht in Thomas Bernhard sogar einen Vorfahren von René Pollesch entdecken können. So hat man nur enttäuscht ins Theatermuseum geschaut.

(Esther Slevogt)

 

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