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So ist sie eben, die Gesellschaft

von Hartmut Krug

Chemnitz, 18. Februar 2011. Wieder so eine Textfläche. Keine klaren Figuren, keine deutliche Handlung, aber viele Gedanken und Worte. Es geht um einen Amoklauf an einer Schule. Nicht der Täter wird beschrieben, analysiert, kategorisiert und erklärt, sondern die Überlebenden werden beschrieben und beschreiben sich selbst. Nicht die Tat wird im Rückblick geschildert, sondern Menschen machen sich in ihren Reaktionen kenntlich.

"Herr Jauch, wo sind ihre Kinder / in der Schule / sind sie sicher", mit diesem Irrtum beginnt der Text. Dann erzählt ein junger Mann von sich. Es ist nicht der Täter, aber er könnte einer sein, wenn man die üblichen klischeehaften Täterbeschreibungen akzeptiert. Doch er, der bei der Wiedereröffnung der Schule auftreten soll, wurde Musiker, was hier wie eine Rettung vor den Gefahren der Gesellschaft erscheint.

Sprachgewaltige Sprachlosigkeit

Denn jeder könnte zum Täter werden, deutet Kluck in einer steilen, sehr allgemeinen These an. Kein Täterprofil, keine Täterpsyche, keine schlimmen familiären oder sozialen Verhältnisse sind das Thema. Worum es geht, wird erst allmählich klar. Während sich der Text mit einem unbenannten erzählerischen Ich durch keine Handlung mäandert, kommt er nur langsam in unserem Verständnis an. Oliver Kluck schreibt nicht so süffig wortspielerisch und kalauernd wie Elfriede Jelinek, sondern eher ernsthaft und etwas trocken. Der Zuhörer wird nicht hereingezogen in den Text, sondern der Text wird vor ihm aufgerichtet.

Zwei Männer von der Fernsehsendung "Haus im Glück" beschäftigen sich damit, wie die Schule wieder hergerichtet werden kann. Alle Spuren sollen beseitigt, alles soll wieder schön und normal wie vorher sein. In anderen langen Passagen dieser Collage wird auch noch die Presse kritisch ausgestellt. Ihre sprachgewaltige Sprachlosigkeit kommt zu Wort und die Beschäftigung der immer gleichen, uninteressiert routinierten Fachleute. Erklären als Vergessen, Bereden als Verdrängen. Und während sich der/ein Erzähler daran erinnert, wie eine von einer Kugel getroffene Lehrerin langsam an einer Wand herunter rutscht, endet die Erinnerungscollage mit dem Bild eines unangepaßten, alternativen Lehrers, der als Täter erschossen wurde. Weil er so anders war, so anders aussah. So ist sie eben, die Gesellschaft, ach je, ach ja.

Klucks Chemnitzer Auftragsarbeit ist mehr Denkmodell als sinnliches Sprachmaterial für die Bühne und reicht bei weitem nicht an sein "Das Prinzip Meese" und seinen "Warteraum Zukunft" heran. Regisseur Max Claessen hat es auf drei junge Schauspieler aufgeteilt. Zu Beginn kommen sie durch den Zuschauerraum, springen auf die Bühne, setzen sich Sonnenbrillen auf und sind ganz cool. Einer spricht frontal ins Publikum, die andern lehnen an der Rückwand der schmalen Bühne und reagieren kenntnisreich. Dann steht der kleine Dreier-Chor auf und vor leerer Bühne zwischen Scheinwerfern, die auf ihren Stativen über die Bühne gerollt werden.

Ohne Feuer

Sonderlich szenisch geschickt wird mit dieser Metapher des ans Licht Bringens aber nicht umgegangen. Leider können sich der Regisseur und seine Darsteller auch nicht entscheiden, ob hier Individuen oder eine Masse Mensch gezeigt werden sollen. Man steht eben vor Publikum, öffnet mal pantomimisch Bierflaschen, sagt dem Kollegen, er möge den Scheinwerfer verschieben, und spricht dann wieder Text. Das hin und her der Monologe ergibt in dieser anderthalbstündigen Inszenierung keine Struktur, weder der Gesellschaft noch der Aufführung, die Texte werden nur abgeliefert. Die Darsteller schaffen es nicht, Klucks demonstrierende Texte schauspielerisch so aufzuladen, dass sie leben und den Zuschauer in innere Bewegung versetzen. Insgesamt ist dies ein zäher Abend.

Wie heißt es so schön in einem Stück des Theaterkollektivs Rote Grütze, als mal wieder die Gesellschaft schuld war? "Wenn ick die treffe, dann hau ich ihr aber eine." Klucks "Feuer mit mir" kam in Chemnitz ganz ohne Feuer auf die Bühne.

 

Feuer mit mir (UA)
von Oliver Kluck
Regie: Max Claessen, Ausstattung: Chili Seitz, Dramaturgie: Esther Holland-Merten.
Mit: Wenzel Banneyer, Yves Hinrichs, Karl Sebastian Liebich.

www.theater-chemnitz.de

 

Kritikenrundschau

Ch. Hamann-Pönisch wird in der Chemnitzer Morgenpost (21.02.2011) grundsätzlich: "Es wird wieder grell ins Publikum gescheinwerfert, was wohl heißt: Jetzt seid Ihr da unten gemeint (Ach Gottchen, liebe Regisseure, habt endlich Erbarmen: Wir simples Publikum wissen im Theater immer, dass wir gemeint sind!). Und: Auch auf einer Bühne geht einem verworren-abstrakt-ausgeklügelte Schwafelei irgendwann mal heftig auf den Docht." So laute denn die "gute Nachricht" der Uraufführung: "Immerhin flackert einem heiter-bedenklich auf, dass wir in einer tatenlosen Quasselgesellschaft gelandet sind." Doch auch das "nicht übel aufspielende" Schauspieler-Trio könne nicht verhindern: "Richtig heiß und kalt wird einem nicht, das bedrückende Thema verköchelt auf Sparflamme."

 

 
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