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"Ich will mein 'Nüscht' wiederhaben!"

von Georg Kasch

Berlin, 19. Februar 2011. Aufhören kann ganz schön schwer sein. Manch einer schafft's nie. Nicolas Stemann und sein Team brauchen dafür gute zwei Stunden. "Aufhören! Schluss jetzt! Lauter! 12 letzte Lieder" heißt ihre Show. Worum es geht? Um nichts und alles: die Produktion und Abwesenheit von Sinn, außerdem um die Plagen unserer Zeit. Das Aussteigen wollen und doch durchhalten müssen, um Burn-Out und Rücktritt, um Tod und Verklärung, kurz: um die Freiheit des titelgebenden Aufhörens.

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Sinnsuche im Schatten der Showtreppe
©Arno Declair

"Ich will Sinn! Ganz viel Sinn!", ruft Margit Bendokat einmal. Denn was ist der Unterschied zwischen dem Deutschen Theater und dem (nur wenige Gehminuten entfernten) Friedrichstadtpalast? Etwa der, dass in dem einen Trampolinartisten auftreten, im anderen aber die Schauspieler nur so tun, als wären sie welche? Käme es nicht einer künstlerischen Befreiung gleich, auch an einem Stadt- oder Staatstheater den Sinn abzuschaffen? Geht das überhaupt?

Die Aussteiger der Saison

Und schon stecken Stemann, drei Musiker und fünf Schauspieler mitten in einer diskursiven Nabelschau, die, wo sie noch Un-Sinn behauptet, schon als Relevanzmaschine auf Hochtouren läuft. Oben werfen sie Zeitgeistiges und (Schein-)Provokatives rein, unten kommt ein Reigen heraus zwischen Pop-Revue, Arbeitsverweigerung und Kabarett. Da versuchen sie, uns weiszumachen, nach dem ersten Lied sei schon alles vorbei. Da werden die Aussteiger der Saison durchgekaut von Horst Köhler bis zu Husni Mubarak. Da schwadronieren Maria Schrader, Felix Göser und Andreas Döhler als Dschungelcamp-Bewohner am künstlichen Lagerfeuer vor Topfpflanzenkulisse. Dazu rotiert die mit Instrumenten und einem konstruktivistischen Showtreppenturm vollgestellte Drehbühne, während die Leinwände über den Proszeniumslogen mit live gedrehten Bildern geflutet werden.

Keine Frage: Dieser Abend hat Momente, bei denen es schade wäre, würde man sie verpassen. Etwa die wunderbare Margit Bendokat, die im golddurchwirkten Federboakleid auch die ärgsten Nonsense-Geschichten noch mit einer Intensität und Sprachkunst vorträgt, dass man gebannt und amüsiert zuhört. Wenn sie den Besserwutossi rauslässt und "Ich will mein 'Nüscht' wiederhaben" skandiert oder Kalauer mit ihrer nachschleifenden, widerhakenden Diktion adelt, will man das einen ganzen Abend lang.

"Reicht das für Theater?"

Oder Barbara Heynen, die so wundervoll den Gummipuppenblick stiert und hinstürzt, als wäre sie an der Volksbühne groß geworden. Oder Felix Göser, diese Testosteronschleuder, der sich im glitzernden Abendkleid bewegt, als hätte er nie etwas anderes getragen und dabei so missmutig schaut, als gäb's dafür 'ne Extra-Gage. Auch die musikalischen Arrangements sind oft treffend, finden Nuancen in abgenudelten Hits wie "The Show Must Go On", bauen geschickt Brücken und Assoziationsflächen.

Ja, aber. Der Abend hat seine Längen. Oft wirkt er wie ein selbstreferentieller Running Gag von Theaterwissenschaftsstudenten. Wenn Stemann singt: "Reicht das für Theater? / Sind noch alle da? / Reicht das für das Abo? / Und fürs Repertoire?", dann ist auch das zwar lustig. Aber eben nur für den Augenblick. Zumal angesichts seiner anderen Arbeiten, Die Kontrakte des Kaufmanns etwa oder Die Heilige Johanna der Schlachthöfe, in denen er so kunstvoll Musik und Text, Klang und Sinn miteinander verwob und aneinander rieb. Hier bleibt der Eindruck einer kabarettistischen Nummernrevue, die nicht ganz fertig geworden ist mit Texten, die nicht gerade in den Verdacht literarischer Güte geraten.

Andererseits: Bei einem Abend, der um die Freiheit kreist, ist eben alles möglich – für die Künstler wie für die Zuschauer. Man hat die Freiheit zu lachen. Sich einzumischen. Mitzuklatschen. Nach Zugaben zu rufen. Zu gehen. All das ist während der Premiere geschehen. Man hat allerdings auch die Freiheit, zu Hause zu bleiben – und die Freiheit aufzuhören.

 

Aufhören! Schluss jetzt! Lauter! 12 letzte Lieder
von Nicolas Stemann, Thomas Kürstner, Sebastian Vogel und Benjamin von Blomberg
Regie: Nicolas Stemann, Bühne: Jelena Nagorni, Nicolas Stemann, Kostüme: Marysol del Castillo, Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel, Video: Claudia Lehmann, Dramaturgie: Benjamin von Blomberg.
Mit: Margit Bendokat, Andreas Döhler, Felix Goeser, Barbara Heynen, Maria Schrader, Thomas Kürstner, Rainer Piwek, Nicolas Stemann, Sebastian Vogel.

www.deutschestheater.de

 

Kritikenrundschau

In der Welt (21.2.2011) spricht Matthias Heine eine deutliche Warnung aus: die Aufführung sei "nichts für Zuschauer mit einer Glatzenphobie". Ansonsten biete sie jedoch "immer wieder schöne Reflexionen über den 'Terror' des Sinnzwangs im Theater". Dass Stemann "bei aller Skepsis gegenüber der 'Sinnproduktion' dennoch ein Mann" sei, "der das schlichte Handwerk und den guten Bühneneffekt nicht" verachte, zeige "sich auch darin, dass er eines der besten Lieder für den Schluss aufspart." Dieses sei "so mitreißend, dass man fast wieder vergisst, wie sehr man sich zwischendurch auch mal gelangweilt hat. Und man stellt sich gar nicht mehr die Frage, ob man Theaterabende, in denen die Methoden des Theaters grundsätzlich in Frage gestellt werden, nicht eigentlich schon viel zu oft gesehen hat."

"Nach dreißig Minuten hätte eigentlich Schluss sein können", meint Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (21.2.2011). Das Theater wolle "an diesem Abend offenbar mal ausprobieren, was passiert, wenn es auf Inhalte verzichtet und einfach nur um sich selbst, das Showgewerbe, die eigenen leer laufenden Tricks kreist". Der Abend gehe dabei "völlig zu Recht von seiner Überflüssigkeit und Bedeutungslosigkeit aus, das aber mit großem Budenzauber". Vielleicht wolle Stemann "vorführen, dass 'nichts so unerträglich für den Menschen ist' wie die Langeweile, wie der Philosoph Blaise Pascal glaubte", aber "zu einem Schmerz" dringe die Inszenierung nicht vor: "Das alles wirkt wie eine ziemlich eitle Übung saturierter Theaterleute, die sich in ihren Luxusproblemen aalen. Und offenbar selbst nichts mehr von ihrer Kunst erwarten."

Selbstverständlich kenne "jede Branche die Schalheit des Erfolgs", konstatiert Andreas Schäfer im Tagesspiegel (21.2.2011). Während sich aber "der erfolgreiche Nicht-Künstler vielleicht als Sinnersatz einen Porsche kaufen muss oder, weil er es wirklich nicht mehr aushält, beruflich umsattelt oder zur Kontaktaufnahme mit der Wirklichkeit ein halbes Jahr um die Welt reist; während der Nicht-Künstler also etwas ändert, kann der Künstler einfach weitermachen: Er verkauft sein Selbstmitleid einfach als Kunst und seinen Arbeitsekel als gesellschaftliches Phänomen." Allerdings werde "offensiv ausgestellte Ambitionslosigkeit (...) auch nicht durch offensiv ausgestellte Selbstironie besser." Man selbst frage sich, "ob dieses Bauchnabel-Gepule irgendwo hinführt. Ob das Karussell des Selbstbezugs vielleicht irgendwann heißläuft, und - wie damals bei Schlingensief - doch etwas wie Schmerz oder Wahrhaftigkeit aufscheint. Tut es aber nicht."

"Das war ja wohl der koketteste, hinreißendste, lustigste Abend unserer inzwischen unnötig langen, allerdings auch ziemlich gedächtnisschwachen postmodernen Theaterepoche", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (21.2.2011). Es sei in der Aufführung Abschied genommen worden "vom Sinn. Vom Sinn des Als-ob-Theaters, aber auch vom Sinn des sinnlosen Unterhaltungstheaters, vom Sinn des Schauspieler-Daseins im Speziellen, vom Sinn des Familien- und Berufslebens im Allgemeinen." Manches komme "flapsig-ironisch zum Vortrag. Manches wird, um es brechen zu können, mit großer, rührender, identifikationstauglicher Als-ob-Hingabe gespielt. Vom Zerfall oder vom Ende des Theaters kann bei diesem Abgesang also gar keine Rede sein. Vielmehr werden an diesem Abend seine Mittel und seine Möglichkeiten ausprobiert und vorgeführt, es wird das Spiel gefeiert. Es ist ein bühnenlauneprotziger Abend, der dazu geeignet ist, verlorenes oder noch nicht gewonnenes Publikum für das Theater (zurück) zu erobern."

"Der Anfang ist berückend", vermeldet Jürgen Otten (Frankfurter Rundschau, 22.2.2011). Viel Komik stecke "in diesem Beginnen, und so soll und darf es auch weiter gehen, zwei Stunden lang. Dabei ist der Anlass ernst." Denn um nichts Geringeres drehe sich der Abend als um die Frage, "welchen Sinn an und für sich und überhaupt und sowieso Theater eigentlich (noch) hat". Er antworte mit einem den "Diskurs dialektisch auseinander setzenden Diskurs-über-den-Diskurs-Theater". Ein Nummern-Song reihe sich an den anderen, "eine Gaga-Dada-Einlage sticht die nächste aus. Fast möchte man meinen, der Sinn bestünde darin, ihn zu vernichten, ein für alle Mal, nur um zu sehen, was für ein wunderliches Theater aus diesen Ruinen heraustritt." Alles sei "hübsch, heiter, hedonistisch und albern. Und dann doch plötzlich ganz ernst mit der Frage, "ob denn Theater sui generis überhaupt noch ausreicht, um der Welt irgendetwas Geistreiches entgegen zu setzen". Zu erleben sei "Theater ist Theater-Satire ist Theater. Ist kauzig-koketter Theaterkommentar. Was man davon aber halten soll? Das wissen die Götter. Und vermutlich selbst die nicht."

"Nicht alles davon ist geglückt, gerade da, wo sich die Texte literarischen Vorbildern anschmiegen, klingt es schon mal nach ambitionierter Schülerzeitung", so urteilt Katrin Bettina Müller in der tageszeitung (23.2.2011) über die selbst gedichteten Eigenkompositionen von Nicolas Stemann und seinem Team. "Auch das Spiel mit der Provokation des Zuschauers, mit dem Zuschauen aufzuhören, ist eitel geraten." Jedoch entschädige Anderes "für diese Spiegelfechterei": namentlich die unwirschen Auftritte von Felix Goeser sowie zahlreiche "schön arrangierte Songs über schlechte Laune und Depression, mal mit Heimweh nach dem Mangel aus DDR-Zeiten begründet, mal mit dem Recht auf Nichtanpassung an die Maßstäbe von Glück, Leistung und Erfolg". Zudem zeige sich das "eigentlich Romantische an Stemanns Arbeitsweise", indem "alle, die wir da sehen, eigentlich prächtig als Team funktionieren, eine locker organisierte Gemeinschaft, in der im richtigen Augenblick stets jemand am richtigen Platz ist".

 
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